Ein Name macht in Deutschland gerade groß Karriere: Ouagadougou. Überall liest und hört man ihn momentan, auf der Rangliste zum Wort des Jahres hat er die Spitze übernommen. Ouagadougou. Wunderschön, oder? Wenn Sie Sprachwissenschaft treiben, dann wissen Sie: Hier trifft ein pechschwarzer Hinterzungen- auf einen kristallklaren Vorderzungenvokal, um von einem herrlichen velaren Explosivlaut abgeschlossen zu werden: OUAGA-dougou. Hört man viel zu selten, solche Wörter. GUACAmole - aber damit hat sich’s eigentlich schon. ‚GUANtanamo’, da fehlt der Explosivlaut - und schon wird ein hässliches Wort daraus.

So etwas Ähnliches wird sich auch Peer Steinbrück gedacht haben. Es gibt viel zuwenig tolle Wörter in der Politik, gerade im Finanzministerium. ‚Defizit’, das hat so was aggressiv Zischendes. Oder ‚Rettungspaket’ - die knallen die Konsonanten wie Hacken zusammen. Vergleichen Sie mal: ‚Rettungspaket’ - und dagegen: „Ouagadougou“. So schlimm kann eine Krise gar nicht sein, dass man bei dem Wort nicht gut drauf kommt!
Ouagadougou ist übrigens die Hauptstadt von Burkina Faso. Und der Finanzminister meinte, in unserem netten Nachbarland Schweiz ginge es ungefähr so zu wie in Ouagadougou. Seitdem brennen in den Schweizer Straßen Puppen von Peer Steinbrück. Und nicht nur das. Die Deutschenfeindlichkeit insgesamt hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Geben Sie sich Schweizern bloß nicht als Deutsche zu erkennen - also, keine Socken in den Sandalen, kein Weißbier und kein Hitlergruß! Ein Freund von mir aus Leipzig ist vorgestern aus Zürich zurückgekommen. Der meinte, er habe die ganze Zeit nur Englisch gesprochen. Gut, wenn ich mir seine Fremdsprachenkenntnisse ansehe, ich weiß nicht, ob er als Angehöriger der Londoner Mittelschicht durchgegangen ist: Eggsgiüs mi, ai wuld laigg a böttle öf Gögga-Göla.“
Und alles nur wegen Ouagadougou. Dabei hat der Steinbrück das doch nicht böse gemeint. Die Schweiz mit Afrika zu vergleichen - also, Entschuldigung, da weiß man doch, dass da einer einen Scherz macht. Die Schweiz ist voller reicher Leute; Afrika ist bettelarm. Und die wenigen, die in Afrika reich sind, die haben ihr Geld in der Schweiz.
Peer Steinbrück wollte nur die politische Diskussion aufhübschen. Wie viel bunter könnten Bundestagsdebatten verlaufen, wenn die Abgeordneten ein paar Namen von afrikanischen Hauptstädten wüssten. Was man sich da gegenseitig an den Kopf werfen könnte: „Herr Kollege Wiefelspütz, in Ihrer Fraktion geht’s zu wie in Lilongwe!“ - wunderschön! „Mit diesem Haushaltsentwurf, haha, da können Sie vielleicht in Yamoussoukro reüssieren.“ Es gibt natürlich auch Sätze unter der Gürtellinie: „Frau Merkel, mit Verlaub, Sie stellen sich an wie die GSG 9 in Haradere.“
Ja, die GSG 9 sollte ja mal wieder Geiseln in Somalia befreien - und was soll man sagen? Wir haben halt nicht mehr 1977. Die Männer sind immer noch genauso gut ausgebildet, aber sie haben keine Transportmittel mehr, um hinzufahren. Gestrichen. Deswegen mussten sie sich ein Schiff bei den Amerikanern leihen. Die Amis werden sich auch gedacht haben: „Elitekämpfer, aber keine Schaluppe, um hinzuschippern - viel Spaß für die Geiseln!“ Das haben sie kurz mitgemacht, und dann haben sie den Einsatz abgebrochen. Es war ihnen zu unverantwortlich - den Amerikanern, das muss sich vorstellen! Die machen selber Invasionen in Ländern, die sie nicht mal auf der Karte finden können.
Außerdem gab es ein Kompetenzgerangel der GSG 9 mit der Bundeswehr. Die Bundeswehr hätte nämlich auch gerne Geiseln befreit, aber sie durfte nicht, weil sie dafür ein Parlamentsmandat braucht. Ich finde, wir können wirklich stolz sein, auf 60 Jahre Bundesrepublik. Wir sind das friedvollste Volk der Welt. Der Deutsche schießt erst, wenn der Antrag durch ist. Und ihn jemand zum Schlachtfeld fährt.
Ein Problem gibt’s natürlich trotzdem: Wolfgang Schäuble. Sofort hat er wieder die Kammelle rausgeholt, mit der er uns seit zwanzig Jahren bewirft: Bundeswehreinsatz im Inneren. Damit die Piraten bekämpft werden können. Wenn er irgendwann doch noch damit durchkommt - bei dem Fuhrpark der Bundeswehr, wenigstens die Taxifahrer werden sich freuen. Zustände wie in Ouagadougou. Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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