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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:35

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 25)

15.06.2009


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 25

 

Ich war Ende dieser Woche auf einer Beerdigung, die mir immer noch nachgeht. Es wurde eine gute alte Freundin begraben, die nach langer Krankheit schließlich von uns gegangen ist; der ein oder andere von Ihnen wird ihr möglicherweise auch einmal begegnet sein, sie war gerade in Kreisen von Kulturmagazin-Lesern keine Unbekannte: Wir haben die Sozialdemokratie beerdigt.

        
 
Was soll ich groß Worte machen? Es war ein Urnenbegräbnis. Der Friedhof war furchtbar überfüllt. Nicht wegen unserer Freundin, nein. Die wurde, wie sich das für ein Arbeiterkind gehört, im kleinen Kreise beigesetzt. Es waren nur ihre Hinterbliebenen anwesend, also Egon Bahr, Wolfgang Thierse und ich.

Nein, nebenan fand eine überdimensionierte, entsetzlich vulgäre Trauerfeier statt: Acandor wurde verscharrt. Ich kann gar nicht sagen, wer dort am offenen Grab am lautesten geschrieen hat; ich glaube, es war der Steinmeier. Der hat auch nicht einmal rübergeguckt zu uns. Klar, was interessiert den die Sozialdemokratie!

Es geht momentan sehr sinister zu, bei der europäischen Linken. Im Fundus der Berliner Charité will kürzlich ein Rechtsmediziner gar den Leichnam von Rosa Luxemburg entdeckt haben. Ich dachte mir, Rosa Luxemburg - bitte, warum nicht? Die SPD hat ja auch den Müntefering wieder ausgegraben.

Was mich an der Nachricht aber wirklich verblüfft hat, war dieser Fundus. Das Wort hatte ich bislang nur mit den staubigen Katakomben von Stadttheatern assoziiert, aus denen sich Laienspiel-Gruppen die Morgensterne für ihre Ring-Inszenierung leihen. Und sowas gibt’s also auch in der Pathologie! Ich habe ja selber mal studiert - und eine der ganz wenigen Erinnerungen, die ich an diese Zeit noch habe, ist die hohe Zahl an Medizinstudenten, die sich in Theatergruppen engagierten. Das hängt mit der allgemeinen Kulturbeflissenheit von Medizinern zusammen. Kennen wir alle aus Wartezimmern: Als wäre das Warten nicht schon schlimm genug, bastelt sich jeder Zahnarzt seine eigene Kandinsky-Vorhölle. Hauptsache viel und Hauptsache berühmt - und die Hälfte davon falsch rum aufgehängt.

Und, wie gesagt, sehr viele dieser Mediziner haben im studentischen Schauspiel mitgewirkt. Feuilletonleser die sie waren, orientierten sie sich dabei selbstverständlich an der Ästhetik des deutschen Regietheaters. D.h. Blut und Exkremente mussten in jeder Aufführung drin sein, und wenn’s ein weihnachtliches Singspiel war.

Und wenn man da jetzt natürlich den Fundus von der Charité zur Verfügung hat - fantastisch! Man stelle sich das vor: Man könnte die Hamlet-Adaption der Katholischen Hochschulgemeinde mit dem Torso von Rosa Luxemburg aufhübschen. In der Rolle der Ophelia. Hinter ihr eine Videoprojektion vom Ergebnis der Europawahl: „Weh mir, wehe / dass ich sah, was ich sah, und sehe, was ich sehe.“

So ähnlich ist ihr Leichnam ja auch entdeckt worden. Den Rechtsmedizinern in der Charité ist irgendwann aufgefallen, dass eine Leiche immer anfing zu rotieren, wenn Oskar Lafontaine auf dem Pathologie-Fernseher erschien. Und dann war klar: Es ist entweder Willy Brandt oder Rosa Luxemburg.

Aber vielleicht gelingt ja wenigstens der Sozialdemokratie noch die Auferstehung. Ein SPDler hatte schon eine Idee: 50 Euro Strafe für jeden, der nicht wählt. Ich weiß zwar nicht, wie das den Sozialdemokraten helfen soll, aber es wird viel Geld in die Staatskasse spülen. Bei 50 Millionen Nichtwählern 2,5 Milliarden. Da ist zumindest ein ordentliches Begräbnis drin - wenn wir demnächst die Demokratie beerdigen. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter


 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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