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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:35

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 26)

22.06.2009


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 26

 

Die Studenten demonstrieren wieder. Endlich! Jahrelang wurde den Unter-30-Jährigen vorgeworfen, sie würden sich nur noch für Latte Macchiato und ihre Doktorarbeit interessieren. Seit letzter Woche ist alles anderes. Vielleicht liegt es daran, dass es in Iran einfach so wenig Latte Macchiato gibt.

       

Jedenfalls laufen dort seit Tagen Hunderttausende durch die Straßen von Teheran, mit großen Schildern in der Hand: „Where is my vote?“ - „Wo ist meine Stimme?“ Als Europäer kann man fast nicht glauben: 85% der Wahlberechtigten gehen wählen, und wollen dann auch noch Tage danach wissen, wo ihr Zettel mit dem Kreuz gelandet ist!

Vergleichen Sie das mal mit der Europa-Wahl: Bei uns nehmen 58% erst gar nicht teil, und die, die sich aufraffen, die wissen schon vorher: Es geht nicht um ihren Zettel mit dem Kreuz, sondern um ihr Kreuz mit dem Zettel - 80% der Parteien, die da drauf stehen, kennt keiner, 100% der Kandidaten auch nicht, und die Funktionen, für die sie kandidieren, überblickt sowieso niemand. Die Frage, die wir uns stellen, heißt nicht „Where is my vote?“, sondern: What is my vote?“ Und „Why didn’t I go for a barbecue instead?“

Diese Entscheidung wird in unserer Demokratie von Wahl zu Wahl immer wichtiger: Geht man wählen oder grillen? Wenn sich die Parteien, die man kennt, nicht mehr unterscheiden, ist die einzige Alternative das Schweinenackensteak. So ähnlich wars im Iran bislang auch. Nicht umsonst sind die Perser ein weltberühmtes Grillvolk. Dort dreht sich alles um den Spieß. Dafür brauchen sie ja angeblich auch die Nukleartechnologie. Atomwaffenprogramm? - Unsinn!, sagt da Achmadineschad, mit angereichertem Uran ist das Kabab viel schneller durch.

Aber jetzt plötzlich wollen seine Untertanen kein Lammhack mehr brutzeln. Die gehen lieber wählen. Und dann demonstrieren. Die Proteste werden organisiert von Studenten. Und zwar über Handy. Das ist ja überall zu lesen: Ohne Handy und Internet wäre das alles nicht möglich. Oder Twittern - ganz wichtig! Englisch für Zwitschern. Das bedeutet, dass man die Welt über SMS mit Neuigkeiten aus seinem Leben versorgt. Und zwar mit höchstens 140 Zeichen. Klar, das ist natürlich eine heftige Begrenzung; bei der sagen viele: Wenn ich alle Neuigkeiten aus meinem Leben reinpacke, da werden 140 Zeichen nicht voll.

Aber die Zeitungen schreiben, für Revolutionen sei es ganz wichtig. 140 Zeichen. Die Ideologien sind alle daran gescheitert, dass sie zu differenziert waren. Marx’ Kapital etwa - zweieinhalb Millionen Zeichen. Ein Irrsinn! Dagegen: „Einigkeit, Recht, Freiheit“ - das sind 22. Das reicht doch!

Eine Frage allerdings lässt mich nicht los: Wenn ohne neue Medien nichts liefe, wie sind dann früher Revolutionen zustande gekommen? 1989, zum Beispiel. Die DDR hatte auch einen Wächterrat - nannte sich Politbüro -, und die Zensur war mindestens so rigide. Aber das einzige Mobiltelefon, das es damals gab, besaß Erich Honecker. In seiner Staatskarosse. Damit er auf den Fahrten zwischen Pankow und Wandlitz immer erreichbar war - 70 Kilometer Kabel im Kofferraum.

Und selbst wenn sie alle Handys gehabt hätten - man braucht ja auch Empfang. Was macht man, als Rebell in einem Funkloch: „Mer missen do Rävolution voschiebn, isch hab geen Netz!“
200 Jahre früher, bei der Französischen Revolution, da gabs noch nicht mal Kabel. Und getwittert hat nur, wer gefoltert wurde. Ich möchte mir die Handy-Gespräche zwischen Danton und Robespierre auch gar nicht vorstellen: „Maximilien, kommst du mit zum Sturm auf die Bastille?“ - „No, Georges. Je suis fatigue. Isch bin müde. Isch schau es mir morgen auf YouTube an.“

Washington, Cromwell, Brutus - alle hatten sie kein Handy. Heutige Studenten fragen sich: Wie haben die das damals bloß gemacht? Ich wette, es wird bald die ersten Doktorarbeiten geben. Ich seh’ die Titel schon: „Der Prager Fenstersturz. Ein Aufstand ohne Netz.“ Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter



 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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