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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:38

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 29)

13.07.2009


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 29

 

Wieder mal geht eine historische Woche zuende. Am letzten Montag wurden in Berlin zum ersten Mal seit 1945 wieder Tapferkeitsmedaillen verliehen. Und zwar von einer Frau: Angela Merkel. Man kennt das von Olympischen Spielen - dort werden die Medaillen auch immer von nichtssagenden Damen verteilt. Küsschen links, Küsschen rechts, Blumenstrauß, Hymne, Abgang.

       


Und wenn man der Bundesregierung glauben darf, dann ist der Einsatz in Afghanistan ja auch nicht viel mehr als Moderner Fünfkampf. Da wird ein bisschen gelaufen und geschossen, ab und zu gibt’s ein Gefecht, wenns um Hilfszahlungen geht, wird der Amtsschimmel geritten, und der Verteidigungsminister kommt öfter mal ins Schwimmen.

Aber, wie bei jedem Wettbewerb - es macht nur Spaß, wenn es was zu gewinnen gibt. Deswegen ist die Koalition letztes Jahr auf die geniale Idee gekommen, endlich wieder Medaillen zu stiften. Für Tapferkeit. Ich weiß ja nicht, ob ausgerechnet das der richtige Ansporn ist. Im Zweiten Weltkrieg haben fast dreieinhalb Millionen Wehrmachtsangehörige eine Tapferkeitsmedaille erhalten - aber wir haben trotzdem verloren.

Und es gibt natürlich noch ein Problem: Tapferkeitsmedaillen werden verliehen an Soldaten, die sich im Krieg durch soldatische Großtaten hervorgetan haben. Jetzt ist die Bundeswehr aber nirgendwo in einem Krieg. Der Einsatz in Afghanistan ist laut Bundesregierung nur eine so genannte „Stabilisierungsmission zur Sicherung des Wiederaufbaus“. Dazu kommt noch, dass die Bundeswehr bekanntlich auch keine Soldaten hat, sondern „Staatsbürger in Uniform“. Dummerweise ist es bei der Stabilisierungsmission zur Sicherung des Wiederaufbaus in Afghanistan passiert, dass sich vier Staatsbürger in Uniform durch eine staatsbürgerliche Großtat hervorgetan haben. Sie haben zwei Mitbürgern in Uniform das Leben gerettet, nach dem die sich bei einem nicht angemeldeten Selbstmordanschlag eines in den Missionsrichtlinien nicht vorgesehenen Feindes eine Explosionsverletzung zugezogen hatten.

Wie zeichnet man die vier jetzt aus? Staatsbürger, die Leben retten, kriegen normalerweise das Bundesverdienstkreuz. Man geht schön gekleidet zum Bundespräsidenten, trifft andere schön gekleidete Lebensretter, der Bundespräsident schwäbelt ein paar bedeutungs- oder sonstwie schwangere Worte, und schließlich heftet er einem ein Kreuz an die Brust.

Bundeswehrler allerdings sind von Natur aus keine Lebensretter, sondern das genaue Gegenteil: dafür ausgebildet, Leben zu nehmen. D.h. wenn man denen ein Bundesverdienstkreuz ans Revers klatscht, kränkt man sie in ihrer Berufsehre. Dann sinkt die Truppenmoral in Masar i-Scharif, und dann heißts am Ende: „Deutschland ist am Hindukusch beleidigt!“

Geht also nicht. Deshalb brauchte es eine Tapferkeitsmedaille. Sowas wie das Eiserne Kreuz - darf man natürlich nicht so nennen. Außerdem ist eine Tapferkeitsmedaille normalerweise eine Auszeichnung, die man für eine hohe Abschussquote bekommt. Die vier, die damit ausgezeichnet wurden, haben das Gegenteil vorzuweisen; aber auch darüber wurde in dem Fall mal weggesehen.

Um es zusammenzufassen: Wir haben am Montag die Verleihung eines Ordens erlebt, der nicht das sein soll, was er ist, für Verdienste, die die damit normalerweise gar nicht honoriert werden, an Soldaten, die so tun müssen, als wären sie keine, in einem Krieg, der so nicht genannt werden darf. Und das durch eine Kanzlerin. Man fragt sich, ob wenigstens die noch ganz echt ist. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter



 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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