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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:39

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 38)

14.09.2009

Nicht ärgern lassen

Noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl, und die Spannung wird langsam unerträglich. Alle warten auf die Entscheidung: Wann beginnt der Wahlkampf? - Der satirische Wochenrückblick von MATHIAS TRETTER. Woche 38

 

In der gesamten Republik gibt es momentan nur zwei Wahlkämpfer: Horst Schlämmer und Jürgen Rüttgers. Aber der eine ist ein populistischer Komiker, und der andere eine Kunstfigur von Hape Kerkeling. Bei Rüttgers kommt Kerkeling allerdings nicht mit. Rüttgers hat gerade eine nicht zu übertreffende Analyse des südosteuropäischen Arbeitsmarktes abgeliefert. „Rumänische Arbeitsnehmer“, hat er gesagt, „kommen und gehen, wann sie wollen, und wissen nicht, was sie tun.“ Wow! Der traut sich was, der Karpaten-Schreck. So redet man in Deutschland normalerweise nur über Studenten. Die Rumänen haben sich daraufhin bitter beschwert. Also ist Rüttgers zurückgerudert: Seine Aussage sei in der Presse verkürzt dargestellt worden; er habe selbstverständlich nicht vergessen zu erwähnen, dass Rumänen auch immer betrunken sind und nachts Jungfrauen in den Hals beißen.

Kleiner Scherz. Aber wenn man ganz ehrlich ist, man würde es ihm zutrauen. Jeder normale Mensch fragt sich: Warum sagt der Rüttgers so was? Das ist doch blöd! Stimmt. Genau deswegen sagt er es. Wenn er nämlich etwas Deppertes sagt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihn Deppen wählen. Und nach allen Studien der letzten Jahre wissen wir: Damit hat er in Deutschland eine stabile Mehrheit.

Aber man muss ihm zugute halten, er ist wirklich der einzige, der sich ein bisschen ums Wahlvolk bemüht. Es ist so dröge, sogar die Taliban versuchen mittlerweile, Leben in den Wahlkampf zu bringen. Wenigstens mal ein klein wenig Streit säen, zwischen Merkel und Steinmeier. Sie haben zwei Tanklastzüge entführt und als Köder in den Kundus-Fluss gestellt. Die Bundeswehrler in Afghanistan sind bei der Ausrüstung ja chronisch unterversorgt. Die haben sofort angebissen: Zwei LKWs! Damit können wir unseren Fuhrpark verdoppeln!

Dann hatten sie natürlich gleich das nächste Problem: Wer holt die Lastwägen ab? Es sind ja auch nicht genug Soldaten da. Gut, wenn man die Jungs vom Kartoffelschälen abgezogen hätte, und den Feldgeistlichen mit dazu genommen, hätte man vielleicht noch eine Kolonne zusammengekriegt. Aber dann braucht man ja auch Waffen. Und selbst wenn die wider erwarten funktionieren, ist die Frage: Darf man sie benutzen? Das muss ja abgewogen werden: Da stehen ein paar Taliban mit zwei festgefahrenen Tankwägen im Fluss, wir haben Waffen - was sagt das Grundgesetz dazu? Das hat natürlich auch keiner dabei. Also, zurück in die Campbibliothek, Ausleihe beantragen. Es dauert einen Tag, bis das Buch aus dem Magazin kommt - in der Zeit haben die Taliban vielleicht schon den Abschleppdienst gerufen. Deshalb, damit es schneller geht, ruft man lieber gleich den Verteidigungsminister an und fragt nach: Wie sieht es aus, Herr Oberbefehlshaber?

Und dann antwortet der: Es ist kein Krieg. Saublöde Situation! Haben die sich natürlich gedacht: Wenn kein Krieg herrscht, dann gilt ein Angriff mit Gewehren als bewaffneter Raubüberfall. Oder schlimmer: Dann heißt es, sie sind Amok gelaufen. Dann schreiben die Zeitungen wieder: Junge Männer, die nur Tarnklamotten und Armeestiefel tragen, als wären sie beim Militär - das war ja schon lange verdächtig! Die haben zu viele Ballerspiele gespielt. Daneben verschwommene Fotos von unseren Eltern - „Die Familien der Bestien! - Sie befinden sich momentan an einem geheimen Ort. Sie wussten nicht, dass ihre Söhne ein Doppelleben führen. Eine Mutter weint: ‚Kundus - wir dachten, das ist ein ganz normales Jugendlager!’“ Und dann zerren sie sie vor den Kadi, wegen Raubmordes.

Dieser deutsche Oberst Klein wusste einfach nicht mehr weiter; und dann hat er eben beim Sorgentelefon der U.S. Air Force angerufen: „Hier stehen zwei Tankwägen im Fluss, in Deutschland steckt der Wahlkampf fest - könnt Ihr uns helfen?“ - Naja, und wir wissen, wie Amerikaner da mittlerweile antworten: „Yes, we can!“ Seitdem gibt es 56 Taliban weniger - aber Merkel und Steinmeier sind sich immer noch einig. Denn sie haben beide das gleiche Motto: Nicht ärgern lassen!



 




Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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