Ich habe es heute nachgeschlagen, weil es mich in den letzten Tagen allzu sehr verfolgt hat: Der Ausdruck ‚Minarett’ geht zurück auf das arabische Wort ‚manarah’ und bedeutet ursprünglich soviel wie ‚Leuchtturm’. Das hat mich, zugegeben, etwas überrascht. Ich bin vor Zeiten einmal durch ein muslimisches Land gereist, kann mich aber nicht erinnern, auf den ungezählten Minaretten, die es dort gab, auch nur einen einzigen kreisenden Scheinwerfer gesehen zu haben.

Das mag am Bilderverbot des Islam liegen. Visuelles spielt da keine Rolle - man muss sich ja nur mal die Klamotten der Frauen anschauen. Da geht es nur ums Nicht-Sehen und Nicht-Gesehen-Werden. Nein, es ist eine akustische Kultur. Und das passt auch zu meiner Erinnerung: Auf jedem Leuchtturm war eine Heulboje. Die stieß fünfmal täglich ein Art spiritueller Sturmwarnung aus: Man möge sich doch auf den Boden knien und vor der Böe wegbücken.
Nun ja, andere Länder, andere Sitten. Bei uns läuten Glocken, und man taucht beim Betreten geweihter Gebäude seine Finger in ein Wasserbecken und holt sich dadurch Schweinegrippe. Bei dem, was sich da von Dutzenden Gläubigenhänden alles löst, entsteht innerhalb von Stunden eine sakrale Nährlösung, bei der man froh sein kann, wenn man sich NUR H1N1 holt.
Für einen Muslim undenkbar. Der sieht stehendes Wasser als das, was es ist: Bazillenplörre. So hat jede Religion ihr eigenes Plaisir: der Christ Gebimmel und Mikroben, der Muslim die Bückerei und Leuchttürme mit Heulbojen.
Der Schweizer wiederum hat Angst vor Infektionen und die Alpen. Deshalb bleiben seine Weihwasserbecken seit Monaten leer; und wo nur Berge sind, braucht’s auch keinen Leuchtturm. „Wir schicken unseren Lawinenhund ja auch nicht an die Nordsee, oder.“, sagt der Schweizer. „Und was sollen wir mit Heulbojen? Wir haben DJ Bobo, hä.“ Dem kann man schwerlich widersprechen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie DJ Bobo vom Minarett knödelt. Gar nicht zu reden von der Architektur der Türme: Wie sieht denn das aus, zwei dieser Allah-Nadeln neben einer Sennerhütte? Und auf keinem Turm eine Uhr!
Von wegen Fremdenfeindlichkeit. Die Schweiz braucht halt einfach keine Minarette, und dazu sind die Dinger auch noch hässlich. Und deshalb werden sie, klar, verboten. Juristisch ist das nicht ganz unproblematisch. Denn Sachen, die die Schweiz nicht braucht und die auch noch hässlich sind, gibt’s sehr viele. Deutsche z.B. Oder andere Religionen. Ich habe von Menschen gehört, die an Außerirdische glauben. Deren Kultstätten bestehen aus Kreisen in Getreidefeldern. Braucht kein Mensch, sind potthässlich - müssten also in der Schweiz verboten sein. Und so weiter: Couchtische, Investmentbanker, Ochsenmaulsalat - alles unansehnliche Dinge ohne jeden Nutzen. Bislang aber nirgends zu finden, in der eidgenössischen Verfassung. Da ist noch viel zu tun. Ich habs mal überschlagen: Mit ein bisschen guten Willen könnten die Schweizer so um die hundert Referenden jährlich schaffen.
Wir Deutschen sollten jedenfalls die Letzten sein, die sich über unsere Nachbarn aufregen. Bei uns wird Andersgläubigen jetzt sogar verboten, sonntags einzukaufen. Berlin hatte einen Schritt in Richtung Toleranz gewagt, jährlich zehn verkaufsoffene Sonntage - sofort ist der Karlsruher Wächterrat eingeschritten. Der Sonntag diene der seelischen Erhebung. Da könne man nicht einfach Couchtische shoppen gehen, oder Ochsenmaulsalat. Sonntags herrscht in Deutschland Ruhe - das gilt auch für Muslime. Minarette dürfen sie zwar bauen - aber was nützt ihnen der Leuchtturm, wenn die Heulboje nicht heulen darf? Und Buckeln dürfen sie am Sonntag auch nicht. Wer ist nun toleranter? Ob Schweiz, ob Deutschland - wahre Religionsfreiheit wäre so einfach: Freiheit von jeder Religion. Dann könnten sich die Verfassungen auch mit wichtigen Themen beschäftigen. Nicht ärgern lassen!


Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007

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