Sie waren mal wieder auf Klassenfahrt. Meseberg in Brandenburg heißt das bedauernswerte Örtchen, das regelmäßig von einer Horde Erstklässer heimgesucht wird, die kurz zuvor ins Kabinett eingeschult wurden. Kleine, Verschüchterte sind darunter, der Ramsauer Pitt und der Rösler Philipp, genannt ‚Flippo’, der Niebel Dirk und sein Brüderle, die Klassenschönheit Ilse, Ursula, die Streberin, Schreihälse wie Westerwelle, aber auch Sitzenbleiber wie Schäuble, der schon bei der letzten Klassenfahrt dabei war. Harmonisch solls gewesen sein, intensiv und konstruktiv; im Weinkeller soll gesungen worden sein, und der Guido hat sich in den Mädchentrakt geschlichen.

Ach, und um die Zukunft Deutschland gings. Westerwelle fand es - Zitat: „wichtig, dass wir diskutiert haben.“ Hätte man ihm gar nicht zugetraut, dass er zu solchen Worten fähig ist. Englisch kann er nicht, aber Sozialpädagogisch. Und das war auch das große Motto der Klausur: ‚Wenns für dich ok is’, isses für mich auch ok.’
Die Steuern etwa sollen gesenkt werden - das ist für die FDP ok; gleichzeitig soll Geld gespart werden - ok für die CDU. Jetzt müssen sie nur noch den Haushalt finden, für den beides gleichzeitig ok ist. Beim Bund der Durchtriebenen…pardon, Verbliebenen...Vertriebenen wars wieder anders, aber auch ganz supi: Die CDU ist für Erika Steinbach im Stiftungsrat des Zentrums für Vertreibung, die FDP steht auf der Seite unserer östlichen Nachbarn. Westerwelle möchte Merkel gerne umpolen. Aber auch da haben sie eine Lösung gefunden: Sie haben einfach nicht drüber geredet. Clever, oder?
Ähnlich kuschelig geht’s nur zu, wenn Obama zu den Chinesen reist. Anfang der Woche war er da. Harmonisch solls gewesen sein, intensiv und konstruktiv. Obama fand es wichtig, dass sie diskutiert haben. Für die USA sind Menschenrechte voll ok; für China sind sie es nicht. Aber auch sie haben eine Lösung gefunden: Sie haben einfach nicht drüber geredet.
Nur die amerikanischen Republikaner sind empört von der Asien-Reise: Obama, heißt es, habe sich zu tief vor dem japanischen Kaiser verbeugt. George W. Bush hätte das niemals getan. Der Oberkörper fast bis zu den Knien, da wird das Hirn durchblutet. Die Veteranen haben aufgeschrieen: „Ick habe in Pearl Harbor drei Beine und einen Hot Dog verloren - und jetzt verbeugt sick dieser Afrikaner vor einer Sushi-Box!“
Ja, es läuft nicht glatt für Barack im Moment. Am liebsten wäre er gar nicht heimgeflogen. Dort wartet die Gesundheitsreform. Die ist so festgefahren, dass nur noch eine Kraft von außen helfen kann. Ulla Schmidt hätte jetzt viel Zeit. Er müsste nicht einmal den Flug bezahlen - sie fährt einfach mit dem Dienstwagen nach Washington. Und dort täte sie dann, was sie hier nie durfte: Die Privatversicherungen teeren und federn. Die ganze angestaute Wut, den Hass, den Ekel, die Abscheu vor den Ärzten von der Leine lassen: Eat your heart out, Dr. House! Ich würds ihr gönnen.
Obama selber kann das nicht. Er ist so sanft. Bei jedem Thema, bei dem er uns Hoffnung gemacht hat: Guantanamo - immer noch offen. Afghanistan - noch mehr Soldaten. Klimaschutz - immer noch kein neues Protokoll; eher würde er weniger atmen, als Benzinschleudern verbieten. Zum Welternährungsgipfel letzte Woche ist er gar nicht erst gekommen. Dabei waren 160 Länder dort vertreten. Harmonisch solls gewesen sein, intensiv und konstruktiv. Alle fandens wichtig, dass sie diskutiert haben. Der Hunger sollte eigentlich bis 2015 halbiert werden; aber für die Wirtschaft ist es nicht ok. Der Lösungsvorschlag kam von der EU: Sie sollten einfach nicht darüber reden. Nicht ärgern lassen!


Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007

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