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Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 49)

30.11.2009

Nicht ärgern lassen

Zwei Jahrzehnte Deutsche Einheit - da ist es jetzt mal an der Zeit zu fragen: Wie sieht es eigentlich mittlerweile aus, im Beitrittsgebiet?

 

Nun ja. Ich war dort neulich mal wieder unterwegs, und ich muss sagen, allzu viel hat sich immer noch nicht getan: Abgesehen von ein paar wenigen Sanierungsobjekten, immer noch heruntergekommene Gebäude, marode Straßen, graugesichtige Menschen, natürlich auch Skinheads - und wie in Duisburg ist es in vielen Teilen von Westdeutschland. Es wird immer gejammert, wie sehr der Westen unter der Einheit gelitten hat - es tut mir leid, aber in Duisburg sah es vor dreißig Jahren schon so aus. Wenn man den Solidaritätszuschlag ins Ruhrgebiet gelenkt hätte, die hätten das Geld doch eh nur vertrunken.

Aber wo man auch hinkommt, in den alten Bundesländern - die Bundesrepublik ist immer noch allgegenwärtig. Man kriegt dieses System nicht aus den Leuten raus. Rheinischer Kapitalismus, als wäre es 1975. Dort gibt es tatsächlich Leute, die immer noch von sozialer Marktwirtschaft reden. Soziale Marktwirtschaft! Hartz IV ist bald 10 Jahre alt. Wir haben Prekariat, Neuköllner Hauptschulen und Casting-Shows mit Dieter Bohlen. In der Bonner Republik wäre der Ausnahmezustand verhängt worden.

Was waren das für schöne Zeiten, als wir die RAF noch hatten! So wenig Terror wie damals war nie mehr. Baader-Meinhof-Ennslin-Becker-Mohnhaupt-Raspe-Klar-Wischnewski-Grams. Die haben in Jahren nicht so viele Opfer zusammen gekriegt, wie heute ein schwäbischer Gymnasiast an einem Vormittag. Aber die RAF hätte keine Chance mehr. Wie willst du einen ordentlichen Bombenanschlag hinbekommen, wenn dauernd einer vom Reality-TV im Weg steht?

Es wird ja inzwischen alles mitgefilmt. In der alten Bundesrepublik war es ein Sexskandal, wenn Carolin Reiber das Dirndl über den Meniskus gerutscht ist; heute hat man Kameras im Rocksaum. Und selbst wenn sich jemand die Intelligenz mit den ‚Lustigen Musikanten‘ und dem ‚Blauen Bock‘ zuschanden glotzen wollte - irgendwann war Sendeschluss. Der Staat stellte ein Mindestmaß an geistiger Hygiene sicher. Zwischen zwei und sechs Uhr morgens konnte man sich das Hirn höchstens mit der BUNTEN versengen.

Es gab drei Fernsehprogramme und zwei Volksparteien. Zumindest beim Fernsehen hat sich mittlerweile rumgesprochen, dass irgendwas anders ist als früher. Es gibt zwar immer noch Leute, die sich die Osteoporose aus den Fingern zappen auf der Suche nach Hanns-Joachim Kulenkampff, aber sie werden weniger.

Die Volksparteien allerdings, die geistern immer noch durchs Land. Sie seien in der Krise, heißt es. Für die SPD hat bei der Bundestagswahl weniger als ein Fünftel der Wahlberechtigten gestimmt, für die CDU nicht mal ein Drittel - das ist keine Krise. Das ist eine Beerdigung. Mal abgesehen davon, dass kein Mensch weiß, was er wählt, wenn er bei einer der beiden sein Kreuzchen macht. Die SPD - da kann man die CDU kriegen, die Grünen oder die Linke. Zugegeben, nicht die FDP. Und das ist ja wenigstens eine klare Motivation, für die Sozis zu stimmen.

In der Bundesrepublik war die SPD die Arbeiterpartei. Aber die Arbeiter, die für deutsche Unternehmen malochen, sind mittlerweile in China. Trotzdem tut die SPD immer noch so, als sei Lasalle nur mal schnell auf eine Zigarette gegangen. Ich war ja mal dort; es ist so kuschelig in einem Ortsverein. Es waren sogar zwei ganz engagierte junge Typen da - gut, Zivis im Dienst, aber nett war es trotzdem.

Bei CDU siehts nicht viel anders aus. Das bürgerliche Lager - was soll denn das bitte sein? Wenn heute überhaupt noch einer bürgerlich ist, dann sinds die Ex-Genossen von der SED. Ich habe mir kürzlich eine Home-Story von Egon Krenz angesehen; gegen dessen Wohnung ist eine Sakristei der pure Punk.

Ich bezweifele sowieso, dass es in diesem Land jemals Bürger gab. Bildungsbürger, das ja. Aber wo ist in Deutschland noch Bildung? Die PISA-Studie sagt: In Sachsen. Zwanzig Jahre nach der Wende ist klar: Von Sachsen lernen, heißt siegen lernen. Aber dazu muss erstmal die BRD aus den Köpfen. Nicht ärgern lassen!


©Mathias Tretter





Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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