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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:45

Kennzeichen T - 22.02.2010

22.02.2010

Postantike Verfallserscheinungen

Satirische Weltbetrachtungen von MATHIAS TRETTER, jetzt alle 14 Tage in TITEL.

 

So schwer es einem fällt, das zuzugeben: Man kommt dieser Tage nicht an Guido Westerwelle vorbei. Der größte Außenminister aller Zeiten hat die Geschütze seines immensen historischen Wissens in Stellung gebracht, und seitdem feuert er aus allen Rohren. Nach dem Hartz-IV-Urteil des BVG drohe der Bundesrepublik sowohl Sozialismus als auch spätrömische Dekadenz. Punkt. Endlich sagt‘s mal einer! Die Armen in Deutschland sind zu reich, weil sie zu arm ist - das ist Dialektik auf höchstem Niveau. Theodor W. Adorno wäre vor Neid schwarz-gelb geworden.

 

Aber wie das nun einmal ist: Der Seher gilt nichts im eigenen Land. Deshalb ist das Geschrei jetzt groß. Dabei kann man Westerwelle beim Blick auf die Verhältnisse nur Recht geben: Bolschewistische und postantike Verfallserscheinungen haben sich mittlerweile bis in den Unterleib der Bundesrepublik hineingefressen, also nach Köln. Soeben sind die Saturnalien in der Hauptstadt der spätrömischen Dekadenz zuende gegangen; und die Masken sind kaum von den Jeckenschädeln genommen, schon zeigt sich wieder die sozialistische Fratze unseres verkommenen Gemeinwesens.

 

Und zwar, wie könnte es anders sein, im Untergrund. Es reicht nicht, dass revolutionäre Kräfte von dort aus bereits das Stadtarchiv liquidiert haben; jetzt stellt sich heraus, es wird am Bau auch noch Material organisiert, wie in der verblichenen DDR. Vier Fünftel der vorgesehenen Stahlbügel sind von den Mitgliedern der Baubrigade nicht verbetoniert worden.

 

Fairerweise muss man sagen, das konnten sie auch nicht, weil sie vorher einen Großteil des Betons entwendet hatten. Man kennt das: Der Polier hat einen Schwager, der braucht dringend eine Doppelgarage - aber bei den Lieferzeiten für Zement heutzutage, da nimmt man sich halt ein paar Kubikmeter aus dem Tunnel. Mal ehrlich: Sie haben auch schon mal einen Textmarker aus dem Büro mitgehen lassen. Davon stürzt die Welt nicht ein. Außerdem: Der Mann hat zwei Autos, der fährt sowieso nicht mit der U-Bahn. Aber er zahlt für deren Bau. Der holt sich doch nur seine Steuern zurück.

 

Die Stahlbügel wiederum wurden an einen Schrotthändler verkauft. Natürlich ist das kriminell. Aber es beruhigt einen auch nicht gerade, dass da Schrott verbaut wird. Jetzt dagegen ist die U-Bahn-Station eine elegante freischwebende Konstruktion. Und überhaupt: Es ist ja auch noch gar nicht geklärt, ob es die Bauarbeiter waren. Die Wohnung des beschuldigten Poliers wurde durchsucht - und dort waren keine dieser meterlangen Eisenteile aufzufinden. Sie haben sogar im Bügelzimmer nachgesehen.

 

Die Baustelle wird natürlich auch untersucht. Die Staatsanwaltschaft guckt da in die Röhre. Zitat Oberstaatsanwalt Feld: „Es gibt keinerlei belastbare Ergebnisse.“ Klar, wenn die Stahlbügel fehlen. 

 

Der Laie fragt sich natürlich: Was wird so ein Aufhebens um ein paar dämlich Metallprügel gemacht? Nun ja. Man braucht sie eben, um die Baugrube zu stützen. Und damit sind wir wieder bei Guido Westerwelle. Wir hätten es alle wissen können, wenn wir nur früher auf ihn gehört hätten: Mit der Stütze wird systematisch Missbrauch getrieben!  

 

In Bayern stürzen Eishallen ein, in Sachsen-Anhalt künstliche Seen, die Düsseldorfer lassen vorsorglich die Wehrhahn-Linie überprüfen - inzwischen wird schon von der Balkanisierung der deutschen Bauwirtschaft gesprochen. Ich finde, das geht ein bisschen weit. Muss man jetzt auch noch Öl ins Feuer gießen und die Serben und Kroaten beleidigen? Das Ganze kommt schließlich aus Köln. Man sollte also lieber von einer ‚Kolonisierung’ reden. Und wer zuviel kolonisiert, der zerfällt. Das hat man am späten Rom gesehen, und an der Sowjetunion. 2013 übrigens soll die Kölner U-Bahn fertig sein. Wenn es tatsächlich noch dazu kommt, dann kann zur Eröffnung nur die deutsche Hymne gespielt werden: „Auferstanden aus Ruinen…“

 

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