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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:45

Kennzeichen T - 22.03.2010

22.03.2010

Liebe Nordrhein-Westfalen,

Satirische Weltbetrachtungen von MATHIAS TRETTER, jetzt alle 14 Tage in TITEL. Heute: Ein offener Brief an alle Nordrhein-Westfalen.

 

obwohl ich nicht in ihrem Landstrich lebe, kann ich die Zustände in Nordrhein-Westfalen momentan gut nachvollziehen. Ich wohne in Ostdeutschland, in Leipzig, um genau zu sein, ich bin also Verfall gewohnt. Wir haben auch einen Ministerpräsidenten, der so einer Art administrativer Prostitution nachgeht, genau wie bei Ihnen. Bei uns wird auch ein Tunnel unter der Innenstadt gegraben – gut, die 20-Meter-Fontäne im Atrium unseres Karstadt speist sich noch nicht aus Grundwasser, aber ich warte stündlich darauf.

 

Was Sachsen von NRW aber definitiv unterscheidet: Uns fehlt die Kraft, die Sie haben. Die wäre hier gut aufgehoben. Die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung besteht bekanntlich aus Hartz IV-Empfängern, und die andere Hälfte benötigt staatliche Hilfe; dazu kommen ein Drittel Langzeitarbeitslose, acht Prozent arbeitsunfähige Nazis, und ich, der den ganzen Laden mit Kolumnen finanziert. Also, die rote Hannelore hätte hier einiges zu tun.

 

Frau Kraft ist seit kurzem neue Würdebeauftragte der Bundesagentur für Arbeit. Sie möchte Erwerbslosen ihre menschliche Anmut zurückgeben, indem sie sie gemeinnützig malochen lässt – Sie kennen das: diese Sträflingswürde, die einen Arbeitslosen plötzlich ganz anders auf die Welt schauen lässt.

 

Bei uns in Sachsen wäre Mutter Kraft da genau richtig. Es herrscht Überangebot an allen Ecken. Ich hab' mir das schon immer gedacht: Wir haben soviel Arbeitslose – was könnte in unseren Altenheimen nicht alles vorgelesen werden? Telefonbuch, Bibel, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – achtstimmig, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Stellen Sie sich das mal vor: Ein Dutzend Lok-Leipzig-Hooligans rezitiert für Opa Kunibert die 'Odyssee': "'Oh listenreischör Ödüsseus' – was sölln ds haißn? Von da rösenfingrischen Eös gegüsst – so eine Schaiße hiör, ds is doch ausm Westn!." – Opa Kuni würde vor Lachen vergessen zu sterben!

 

Die Kritiker sagen, dass solche Arbeit reguläre Jobs vernichtet. Gut, im Osten ist das kein Problem, die gibt‘s da eh nicht. Und in NRW, naja, da muss man eben schauen, dass man für Hartz IVler Tätigkeiten findet, die bislang von der arbeitenden Bevölkerung nicht erledigt werden. Es gilt die Formel: Die Sinnlosigkeit eines Jobs ist direkt proportional zur Unbedenklichkeit für den Arbeitsmarkt. Konkretes Beispiel: Ein Langzeitarbeitsloser wird von der Stadt Köln dazu eingesetzt, die Stahlträger in den U-Bahn-Röhren violett anzumalen. Frage: Ist der Job unbedenklich für den Arbeitsmarkt? Antwort, laut Formel: Ja, denn er ist komplett sinnlos. Wo nichts ist, kann auch niemand anders etwas anstreichen.

 

So einfach geht das. Man muss nur genug sinnlose Tätigkeiten finden, dann herrscht in Deutschland bald wieder Vollbeschäftigung. Ich wollte zum Beispiel schon immer mal wissen, wie viele Grashalme im Berliner Tiergarten stehen. Oder viele wünschen sich auch Fresken in Abwasser-Kanälen. Das sind gleich zwei neue Berufsbilder: Grashalmzähler, Kanalwand-Tiepolo. Dienstleistungsgesellschaft! – die muss nicht immer an das Diktat des Sinns gebunden sein!

 

Schauen wir in die USA: Da gibt es für die minimalste Verrichtung einen Dienstleister. An jeder Supermarktkasse stehen mindestens sieben Servicekräfte, die einem den gekauften Schokoriegel stoß- und strahlungssicher verpacken. Einer holt die Plastiktasche, der zweite öffnet sie, der dritte nimmt den Schokoriegel in Empfang, Nummer vier legt ihn in die Tasche, fünf schließt die Tasche, sechs gibt sie einem in die Hand, und sieben spricht das Abschiedsgebet. Jeder von ihnen bekommt dafür zwei Dollar, am Tag. Und? Sind diese Menschen etwa unglücklich? Nein, sie sind schwarz.

 

D.h., sie kriegen auf unabsehbare Zeit keinen regulären Job, weil sie diskriminiert werden; bei unseren Hartz IVlern ist es genau umgekehrt: Diskriminierung, nur weil kein Job da ist. Und das möchte Frau Kraft ändern: Hartz IVler brauchen endlich auch Jobs, für die sie diskriminiert werden.  

 

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