In den vergangenen Jahren brachten die vorlesebegeisterten Berlinerinnen und Berliner anlässlich der Lesershows regelmäßig den Roten Salon der Volksbühne zum Bersten, und sich selbst in helle Verzweiflung ob der Schlange vor der Kasse, dem Zittern um eine letzte Karte und der stickigen Luft im Lesersaal.
Der Veranstalter, die Neue Gesellschaft für Literatur in Berlin, hat reagiert, und das Dreitagesspektakel findet nun zumindest am zentralen Samstag in allen repräsentativen Räumlichkeiten der Volksbühne – Großes Haus, Grüner und Roter Salon – und die filmische Komponente im Sternenfoyer des Theaters statt. Eine sehr gute Nachricht.
Die Gefahr: gerade im Großen Haus entsteht bei geringem Besuch schwerlich eine intime, zuhörerfreundliche Atmosphäre. Und: bei drei parallelen Lesungen hat man doch immer irgendwie das Gefühl, am anderen Ort den besseren Text zu verpassen. Daher kehrte zunehmend Unruhe ein durch kommende und gehende, durch die Räume zappende Zuhörerinnen und Zuhörer.
Verstärkt wurde dieser Bewegungsdrang am Samstag auch durch die Lesenden im Großen Haus selbst, trugen doch die beiden um 19 Uhr beginnenden,
Sven Lager und
Elke Naters, Geschichten über das Zusammenleben mit kleinen, größer werdenden Kindern vor. Nette Kindergeschichten für Erwachsene zwar, i.d.R. durchkomponiert bis hin zur Schlusspointe, aber nicht einmal die Käufer des Lesershow-Kataloges waren vorgewarnt, im Großen Saal der Volksbühne kollektiv in eine doch leicht nervende Kinderstube zu geraten. Einige der eh' schon selbst zu Beginn der Lesung wenigen Besucher werden sich mühsam für den Abend einen Babysitter besorgt haben, um mal ohne Kinderstress so richtig Literatur zu genießen – und dann das. Und Singles oder Paare in der Phase der Kontaktaufnahme haben auf dieses Thema sowie keine Lust. Also verließen ständig Personen den Saal, um in einem der Salons ihr Textglück zu suchen.
Dies konnte man dann durchaus finden, etwa im Roten Salon beim routinierten
Marcus Jensen, der "literarischen Antwort auf die Generation Golf".
Der zweite Block indes im inzwischen gut gefüllten Großen Haus ließ dann aber keine Wünsche mehr offen. „Ein Endzeitgefühl ohne Ende: in der Neuen Mitte geht es immer irgendwie so weiter“-
Lukas Hammerstein schilderte mit harschem lebendigem Vortrag überzeugend seine Probleme mit Berliner Taxifahrern.
„Ärr würd’ä misch küssen müssen“ -
Francoise Cactus trug in stilechtem Deutsch mit französischem Akzent witzig und schwungvoll die Annäherung an einen jungen Bauernsohn bis hin zur Burgundischen Hochzeit vor. Sie selbst sagt über ihre Prosa, dass sie viele ihrer Macken intensiviert habe, um zu den Personen zu finden – das glaubt man der Sängerin von „Stereo Total“ nach ihrem Vortrag gerne.

„Die Lust, Liebesgeschichten zu schreiben“ - Abgerundet wurde der zweite Block im Großen Haus von
Feridun Zaimoglu. Er las die erste Geschichte aus seinem aktuellen Buch
Zwölf Gramm Glück. Endlich hat Zaimoglu sich von der Kanak-Sprak-Masche abgelöst und hat zu einem Stil und zu einem Ton gefunden, der atmosphärisch dicht und pointiert zugleich ist. Die Energie seiner Hamburger Liebesgeschichte passte gut zu seinem Vortragsstil; er weiß, dass er beim Publikum ankommt, und schriftstellerisch scheint er nun ebenso bei sich angekommen zu sein.
Die letzten beiden genannten Vortragenden brachten zwar schon etwas mehr Show in die Lesung, jedoch blieben die Texte angenehm im Zentrum des Vortrags. Dies war nun bei der Slam Poetry ab 23 Uhr nicht unbedingt zu erwarten, doch auch hier gab es nur vereinzelt Ansätze der Selbst- oder Textinszenierung.

„Blumen blühen – man hat euch verkauft
Blumen blühen – man hat euch verarscht“ (B.B.)
Flox, Xochil, Wolf Hogekamp, Gauner, michaEbeling, Felix Römer und Bastian Böttcher überzeugten trotzdem in ihrer Mischung, ob es nun um kryptische englischsprachige Texte (
Flow; im Internet heißt es zu ihr: „Hat kein Mensch verstanden, dafuer klang es aber gut.“), den Mord an den U-Bahn-Kontrolleuren (
Ebeling, Foto), das kollektive Verbrechen an den Blumen (
Böttcher), um das hinterlistige Hinterlassen von Verwirrung beim Publikum (
Hogekamp), um die Verwirrung beim Vortragenden (Römer: „die gehen alle – liegt das an mir oder müsst ihr die letzte Bahn erwischen?“), um den robust-bewusst plumpen Sextalk (
Gauner) oder die leicht dramatisch- vibrierenden Töne von
Xochil ging.
Wem die Informationen nicht genügen: Audios zu vielen genannten gibt es unter
spokenwordberlin.net auch einen Ausflug, der sich lohnt.
Olaf Selg