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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:49

 

4. Internationales Literaturfestival Berlin 2004

04.10.2004


Kleiner Bruder der Berlinale auf literarischem Feld

Das 4. Internationale Literaturfestival Berlin 2004 vom 21.09. bis 02.10.2004

Von Olaf Selg

 

Erst zum vierten Mal fand das internationale Literaturfestival in Berlin statt und doch hat es sich in relativ kurzer Zeit zu einem sehr ansehnlichen Literaturereignis entwickelt. In einer Fülle von Veranstaltungen und an einer Vielzahl von Veranstaltungsorten wurden in diesem Jahr ca. 100 Autorinnen und Autoren präsentiert. Sie lasen und diskutierten in den unschön-funktionalen Räumen des HAU 2 oder HAU 3 ebenso wie im mondänen Café Einstein, im charmant vergilbten „Roten Salon“ der Volksbühne oder natürlich im ehrwürdigen Großen Saal des Hebbel am Ufer (HAU 1).

Im Programmheft spricht Festivalleiter Ulrich Schreiber angesichts der Entfaltung des Festivals als vom „kleinen Bruder der Berlinale auf literarischem Feld“. Dies ist in einigen wesentlichen Aspekten durchaus nachvollziehbar:
Wie bei der Berlinale auch wird das ganz junge Publikum nicht vernachlässigt, sondern mit einem eigenen Programm, hier der „Internationalen Kinder- und Jugendliteratur“, einbezogen und erhalten die Schulen Hausbesuch in der Reihe „Prominente lesen in Schulen“.Und: Auch dem Besucher des internationalen Literaturfestivals wird schnell deutlich, dass er in den ca. 10 Tagen nicht alles sehen und hören kann, was angeboten wird. Es beschleicht einen schnell das Gefühl, immer etwas Entscheidendes zu verpassen, und das selbst wohl dann, wenn man in der luxuriösen Lage wäre, als Berufsfestivalbesucher unterwegs zu sein. Die (Über-)Fülle ist sicherlich, wie bei der Berlinale auch, kein Kriterium, das für das Festival spricht. Bemerkenswert ist eher, dass trotz der Menge der Veranstaltungen sich organisatorische Probleme in überschaubaren Grenzen halten – die Suche nach dem einen oder anderen merkwürdig ausgeschilderten Veranstaltungsort wird im zeitlich gedrängten Ablauf zur größten Hürde.

Insgesamt wird seitens der Veranstalter aber ein hoher Qualitätsstandard gehalten. Hierzu gehören auch Details wie der das Programm eröffnende Gongschlag oder das einleitende Klavierspiel etwa in den verstreuten Räumen des Hebbel am Ufer (HAU 1 - 3). Letztendlich aber steht und fällt eine jede Lesung mit den jeweiligen Autoren, hier kann es keine pauschale Aussage geben.



















Foto: Burkhard Spinnen (Copyright: Peter Stiens)



Sehr gut geeignet für eine Lesung ist natürlich ein kurzer Text. Ein Meister der Kurzform wie der deutsche Autor Burkhard Spinnen hat daher keine Schwierigkeit, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Durch das abgerundete Erlebnis des jeweils ganzen Werkes sind die Reaktionen des Publikums nicht gedämpft durch offene Fragen, die Fragmente längerer Texte in der Regel hinterlassen. Spinnen ist darüber hinaus ein angenehm unprätentiös auftretender Autor, sein Vortrag gibt die Inhalte ohne Gehabe wieder.

Die Verknüpfung von Literatur mit dem (welt-)politischen Diskurs wird nicht nur in der Festivalreihe „Reflections“ mit dem Thema „Perspektive UNO“ deutlich, sondern durchzieht mit spezifischen regionalen Fragestellungen insbesondere viele Beiträge ausländischer Autoren. Auffällig ist dabei, dass, ähnlich wie in anderen Künsten, die Stilmittel einem Globalisierungseffekt unterliegen und sich weltweit immer mehr angleichen. So offenbaren die Texte etwa des Ukrainers Juri Andruchowytsch im Rahmen des mulitiperspektivischen Projektes „Shrinking Cities“ eine gekonnte Ironie, die – nach seiner Aussage – bewusst an westeuropäische Standards angelehnt ist und das Typische der eigenen Herkunft zu verwässern droht. Dies geschieht, obwohl er ebenso ironisch wie ernsthaft meint, dass sich das Zentrum Europas weiter nach Osten verschiebe und eigentlich als in der Ukraine befindlich zu verorten sei. Aber wo auch immer: das Problem des Zerfalls und der Schrumpfung von Städten, die Veränderungen von Zentrum und Peripherie sind internationale Probleme.













Foto: Jean-Philippe Toussaint 
(Copyright: J.-P. Toussaint)

Wenn es um die Liebe geht, bewegt man sich ebenfalls auf international bekanntem Territorium. Jean-Philippe Toussaint (Belgien) macht in seinem neuesten Roman „Sich lieben“ einmal mehr deutlich, dass Mann und Frau keine Einheit bilden können, sondern es nur so scheint als ob; in Gedanken und Gefühlen sind sie meilenweit von einander entfernt. Toussaint entpuppt sich zugleich als Bummler zwischen den Welten Europas und Asiens, genauer: Japans. Das Schöne und Besondere am internationalen Literaturfestival können u.a. die Originalsprachen sein, in denen vorgelesen wird. Mag auch, wie im hier geschilderten Fall, das Schulfranzösisch bei weitem nicht ausreichen, um alle literarischen Finessen zu verstehen – oder wie in anderen Fällen die Sprache gar völlig fremd sein –, so bleibt doch immer der Klang, die Sprachmelodie, und das ist nicht wenig. Außerdem wird jeder Beitrag in der Regel auch auf deutsch vorgelesen.

Natürlich funktioniert nicht jeder Text im Vortrag, mit manchem muss man als Rezipient einfach ‚intim’ sein, so dass man ihn in all seinen Feinheiten nicht gut über eine fremde Stimme aufnehmen kann; Toussaints Text ist hier ein Grenzfall. Zugleich provoziert die Konfrontation des Autors mit einer Übersetzung Nachfragen über seine Meinung zur Wirkung der Texte in anderen Sprachen. Toussaint selbst vertraut seinen Übersetzern, arbeitet zugleich aber an den Übersetzungen in Workshops mit, wo gemeinsam Probleme geklärt werden können.Das Exotische wagen – ebenso wie die Liebe beileibe kein neuer Topos in der Literatur, sondern ein eher zunehmender.

Mit literarischen Siebenmeilenstiefeln setzt sich etwa der Schwede Lars Gustafsson in seinem neuesten Gedichtband „Auszug aus Xanadu“ in die Mongolei ab. Seine in die deutsche Sprache übersetzten Gedichte wirken wie konzentrierte Kurzprosa, zum Abschluss gebracht immer mit einer zumeist witzigen Pointe. Mit einer Pointe stieg Gustafsson auch in seine Lesung ein: „Warum verlässt man seine Kinder und geht durch den Regen zu einer Dichterlesung?“ fragt er das Publikum, um gleich in einer Selbstreflexion die Antwort zu geben: Es sei die Suche nach einer Stimme, die die Menschen zusammenführe, und zwar die Suche nach der Originalstimme des Dichters, um sie abzugleichen mit dem (Klang-)Bild, das man sich beim stillen Lesen zuvor vom Autor gemacht habe. Vermeintlich fremde Stimmen, fremde Bilder werden Rezipienten wie auch Autoren nahe gebracht, um dann im Anderen den bleibenden Unterschied, aber auch Übereinstimmung und parallele Wahrnehmungsweisen zu erkennen. Was kann man mehr wollen von (internationaler) Literatur?

Eine Übersicht über die Autoren, die verschiedenen Veranstaltungsreihen und Themenschwerpunkte sowie über Orte und weitere, die literarischen Vorträge begleitenden Ereignisse wie „Specials“, „Literatur auf Celluloid“ oder das Musikprogramm gibt es im Internet unter www.literaturfestival.com.

Olaf Selg


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