Der Leonce-und Lena-Preis wurde 1979 initiiert und gilt als der bedeutendste Nachwuchspreis für deutschsprachige Lyrik. Alle zwei Jahre haben Lyrikerinnen und Lyriker bis zum Alter von 35 Jahren die Chance, bei diesem Wettbewerb bis zu 12 Gedichte einzureichen. Unter den Einsendungen wählen die Lektoren Dr. Fritz Deppert, Christian Döring und Hanne F. Juritz die Autorinnen und Autoren für die Lesung aus. Die Zahl der zugelassenen Lyriker ist nicht festgelegt, sie schwankt zwischen 9 (1995) und 19 (2003). In diesem Jahr lasen 5 Autorinnen und 8 Autoren: Gyde Callesen, Renatus Deckert, Sabine Eschgfäller, Karin Fellner, Gerald Fiebig, Andrea Heuser, Hendrik Jackson, Adrian Kasnitz, Jörg Matheis, Christian Schloyer, Katharina Schultens, Mikael Vogel und Ron Winkler. Die Zahl der zugelassenenen Bewerbungen war bei diesem Wettbewerb mit 368 so gering wie nie zuvor. 1983 hatten sich 1.411 Autorinnen und Autoren beworben, 2003 waren es 528. Ein Grund für den Rückgang dürfte darin liegen, dass erstmals eine Teilnahmegebühr von 10 Euro erhoben wurde, eine unwürdige Forderung, die zum Ärger vieler Autorinnen und Autoren schon bei anderen, jedoch eher unbedeutender Wettbewerben erhoben wird und die oft dazu führt, dass die Teilnahme boykottiert wird.
Über die vorgetragenen Gedichte diskutierte eine Jury, die aus den bisherigen Preisträgern Kurt Drawert, Jan Koneffke und Raoul Schrott sowie aus der Lyrikerin Brigitte Oleschinski und der Literaturkritikerin Sibylle Cramer bestand.
Ron Winkler stand als Kandidat für den ersten Preis wohl für alle Beteiligten unmittelbar nach der Diskussion der Jury fest. Ron Winkler, der als vorletzter las, war der einzige, dessen Gedichte durchgehend gelobt wurden. Sibylle Cramer attestierte dem Autor, einen „neuen Ton im Naturgedicht“ und eine „Basis, von der aus sich über Natur sprechen“ lasse, gefunden zu haben. Die Landschaft, so Jan Koneffke, sei hier zum Sprachspiel geworden. Auch Kurt Drawert lobte die „sehr moderne Haltung“. Diese Haltung wird deutlich in Formulierungen wie „die Katzen unverändert / per Sie mit ihrer Umgebung“, „das Licht ganz Klopstock“, „das Hinterland eine typische Amokfläche“ und – eine Stelle, die von Brigitte Oleschinski besonders hervorgehoben wurde – „als du sagtest: Himmel / ist meine Lieblingsbar (oder so ähnlich), / schäumte ganz nah so etwas wie Stimmen / vorbei: Feldlerchen, Ackergelächter“.
Ron Winkler, 1973 geboren, Herausgeber der Literaturzeitschrift Intendenzen und der Gedichtanthologie Lyrik.Log im Kulturmagazin satt.org, hat bisher zwei Gedichtbände veröffentlicht: „Morphosen. Texte“ erschien 2002 in der edition sisyphos und „vereinzelt Passanten. Gedichte“ 2004 bei KOOKbooks, einem Verlag, der erst vor einigen Jahren von Daniela Seel gegründet wurde, aber bereits durch ein ambitioniertes Programm und ästhetisch gestaltete Bücher aufgefallen ist.
Die Erleichterung der Jury, kurz vor Schluss der Veranstaltung doch noch einen würdigen Kandidaten für den ersten Preis gefunden zu haben, war spürbar. Einig war sich die Jury nämlich nur noch in der ablehnenden Einschätzung der Texte von Gyde Callesen, die bisher drei Gedichtbände bei Wiesenburg veröffentlicht hat. Die Art, wie einzelne Jurymitglieder hier ihre Wertung begründeten, war charakteristisch für ihren allgemeinen Umgang mit Gedichten und für ihre eigene Poetologie oder ihre Herangehensweise an Lyrik. Raoul Schrott unterschied zwei Arten von Gedichten: einerseits die, die man für sich selbst schreibt und durch die man sich über etwas klar wird, und andererseits: Poesie. Hier gehe es eben nicht darum zu schreiben, was man meine, sondern es käme darauf an, durch Bilder einen Raum im Leser zu erzeugen und im Leser etwas entstehen zu lassen. Die Gedichte, die zur ersten Gruppe gehörten, seien nicht schlecht, aber anders. Kurt Drawert, seit Jahren als Leiter von Textwerkstätten im Umgang mit Nachwuchslyrik geschult, maß die Gedichte an den Ansprüchen, die sie an sich selbst stellten. Den Ansatz von Gyde Callesen kritisierte er als nicht zeitgemäß, lobte jedoch die Ernsthaftigkeit ihrer Texte. Sibylle Cramers Stellungnahmen war stets die gründlich durchdachte Beschäftigung und der literaturwissenschaftliche Ansatz anzumerken. Immer argumentierte sie konkret, ging vom Text aus, durchdachte ihn auf Schlüssigkeit und scheute gelegentlich auch gewagte Thesen nicht. So betrachtete sie auch die Gedichte der späteren Preisträgerin Karin Feller, die 1970 geboren wurde und als freie Lektorin, Redakteurin und Sprachlehrerin arbeitet. Karin Fellner trug ihre Gedichte auswendig vor, sie präsentierte einen Zyklus um die Wanderung eines Paares über die Pyrenäen, in klarer Sprache und mit Überschriften wie „Brot“, „Kaffee“, „Zucker“, „Kohl“ und „Dosenfleisch“. Hier ein Auszug aus dem Gedicht „Mandeln“. Das Paar bittet in einem Kloster um Essen.
dies sei fasten, sie sagen / hunger sei limitiert
im angelusläuten warte / ein dunkler laib
innen süß
staunen sie ins leere
versprechen der mandelblüte
Sibylle Cramer sah in dieser Arbeit die „genaue Beschreibung eines Menschentyps, dem die Zukunft gehört: den Immigranten.“ Der Autorin gehe es um die Veränderung von Lebenskoordinaten eines fernfahrenden Volkes. Die Gedichte stünden in der Tradition der Inventurgedichte eines Günter Eich, könnten aus dem Blick eines ethnologischen Ansatzes von Levi Strauß betrachtet werden. Der Moderator Wilfried F. Schoeller brachte noch die Flucht Walter Benjamins ein. Raoul Schrott, der stets einen Blick für sprachliche Ausrutscher, schiefe Bilder und Metaphern hatte, lobte die genaue Sprache. Kurt Drawert sah in den Texten dagegen nichts, was über Kaffee und Brot hinausging. Brigitte Oleschinksi lehnte den ethnologischen Zugang und die deutliche Sprache ebenfalls ab. Jan Koneffke überlegte, ob der Text nicht eher als Erzählung funktionierte. Diese Äußerungen lassen auf eine heftige Diskussion in der geheimen Jurysitzung schließen.
Auch Hendrik Jackson, der andere Preisträger des Förderpreises, fiel durch seinen Vortrag auf. Kursiv und in Klammern gesetzte Einschübe las er flüsternd (hier die Passagen aus „Verschwommene Ränder I“: „Schattenwände standen“, „strömender Regen“, „lightening fields“). Hendrik Jackson wurde 1971 geboren und hat bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht: „einflüsterungen von seitlich“ bei Morpheo (2001) und „brausende bulgen“ in der edition per procura (2004). Er studierte u.a. Filmwissenschaft. Dass der filmische Eindruck auch die Ästhetik seiner Lyrik beeinflusste, ist z.B. an der ersten Strophe des Gedichts „Verschwommene Ränder II“ zu erkennen:
an den Fassaden lief Regen ab, ein schwarzer Vorhang beiseite
geschoben, Rinnsale, unter metallenen Schildern spülte es
Bildfragmente weg, quillende Laute im Dickicht (Kulisse
) doch
verwittert, ein Insekt fiel in die Straßenlaterne, es knackte, - dann
Für Sibylle Cramer zeigen die Gedichte Hendrik Jacksons, „wie geistesgegenwärtig Lyrik auf Diskussionen und Theorien reagiert“. Brigitte Oleschinski betonte die beschwörende Dimension der Texte, sah aber auch die Gefahr des Manierismus. Kurt Drawert stellte die radikale Abwesenheit von Subjektivität fest; besonders gefiel ihm eine Passage aus dem Gedicht „Rauschen“, in der es heißt: „wohin der Wind geht, ob er sacht aufbraust, aufrauscht, abflaut, lau oder leicht anhebt, wie Flausch verraschelt oder aschgrau in grau verstummt“. Raoul Schrott sah hierin nur klischeehafte onomatopoetika. Zudem vermisste er Tiefe. Das lyrische Ich habe keine Haltung, Schmerz und Angst würden nur behauptet, aber nicht begründet, als Zeitdiagnose seien die Gedichte jedoch treffend. Dies rief eine Debatte darüber hervor, was ein Gedicht leisten könne und welche Forderungen man an Dichter stellen dürfe. Sibylle Cramer sagte, es gehe diesen Gedichten darum, Atmosphäre durch Bewegung herzustellen. Für Brigitte Oleschinski waren die Gedichte Hendrik Jacksons ein Versuch, Stimmen herzustellen. Es sei schon viel, wenn jemand in einer digitalen Welt körperliche Präsenz erzeugen könne. „Der Lyriker muss Welt schaffen,“ hielt Raoul Schrott dagegen, „dafür haben wir doch die Dichter.“
Das Licht im Saal war sehr angenehm, die Stimmung aber eher kühl und verkrampft. Der Druck, der auf allen aktiv Beteiligten lastete, war spürbar. Raoul Schrott war als einem von wenigen anzumerken, dass ihm die Veranstaltung Freude machte. Immer wieder äußerte sich die Jury skeptisch gegenüber Open-Mike-Wettbewerben oder Poetryslams, die eine leicht eingängige Sprechlyrik förderten. Damit stellte die Jury klar, dass der Literarische März die traditionelle, die hohe Kunst der Lyrik pflegt. Gesucht und mit Preisen bedacht wird hier die Lyrik, die eine neue Stimme spricht und Ausdruck einer Haltung ist, hinter der die Jury eine Poetologie erkennt. Diese Einschätzung wird durch die Beobachtung gestützt, dass sowohl Karin Fellner als auch Hendrik Jackson Gedichtzyklen oder Auszüge aus Zyklen vorstellten. Auch Anja Utler, Trägerin des Leonce-und-Lena-Preises aus dem Jahr 2003, hatte einen Zyklus gelesen.
Es ist gut möglich, dass die Wettbewerbs- und Preiskultur die Arbeit der Lyrikerinnen und Lyriker beeinflusst. Warum auch nicht? Pluralität ist gewährleistet. Nicht nur das jeweilige Publikum (die jeweilige Jury, die jeweilige Redaktion einer Literaturzeitschrift) sucht sich seine DichterInnen, auch die DichterInnen suchen sich berechtigterweise ihr passendes Publikum.
Den Literarischen März verfolgten über 200 Zuhörerinnen und Zuhörer. Die Veranstaltung bietet den eingeladenen Lyrikerinnen und Lyrikern eine Möglichkeit, einander persönlich kennenzulernen; die Diskussionen und Preisgelder sind ein wichtiger Beitrag zur Kulturförderung. Blassblaue Mappen mit sämtlichen Gedichten und weiteren Informationen zum Wettbewerb lagen für das Publikum kostenfrei aus. Die Gedichte werden außerdem in einer Anthologie im Verlag Brandes und Apsel veröffentlicht. Herausgeber ist das Lektorat, also Fritz Deppert, Christian Döring und Hanne F. Juritz. Nähere Informationen zum Wettbewerb findet sich unter
www.literarischer-maerz.de. Die Preisträger werden auf der Lyrikplattform
www.lyrikline.org präsentiert.
Der Einsendeschluss für den nächsten Literarischen März dürfte im September 2006 liegen.
Martina Weber
(Martina Weber ist Autorin und Herausgeberin des Bandes "Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen", Federwelt Verlag, Söhlde, 2004. Inhaltsverzeichnis, Cover s. www.uschtrin.de/weber.html)