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Creative Writing - Teil IV

23.06.2005

Die Erzählperspektiven

 

Zu Beginn eines Textes steht meistens eine gute Idee. Doch die beste Idee nützt nichts, wenn der Autor nicht weiß, wie er sie erzählen soll. Gravierende Fehler beim Schreiben einer Geschichte werden immer trawieder bei der Wahl der Erzählperspektive gemacht. Dann kann es passieren – wie so oft – dass der Leser aus einem Text aussteigt, weil es ihm zu mühsam erscheint, das erzählerische Chaos des Autors zu sortieren. Die Handlung einer Geschichte wird immer aus einem Blickwinkel erzählt, die der Autor vorgibt. Die Literaturwissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von der Erzählperspektive. Bei der Erzählperspektive begegnen wir einem handlungsorientierenden Element, das sich durch eine Story wie der sogenannte „rote Faden“ zieht. Also die literarische Software, die unter einem guten Text liegt und den Plot (Handlung) der Geschichte vom Autor zum Leser transportiert.

Hat sich ein Autor für eine Perspektive entschieden, so wird er sie vermutlich im Laufe der Handlung bewusst weiter verfolgen, um sie im Verlauf der Textgestaltung einer dramaturgischen Kontrolle zu unterziehen. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick etwas kompliziert, ist aber bei genauerer Betrachtung, auch für weniger erfahrene Autoren nachvollziehbar. Die Erzählperspektive (im Englischen: point of view) transportiert in einer bestimmten Form die Protagonisten (Figuren oder Personen), das Setting (die Schauplätze in denen sie sich bewegen), so wie den Plot (Handlungsablauf) einer Story zum Leser. Seit dem Aufkommen der literarischen Gattung des Romanes wurden eine Fülle von Erzählperspektiven entwickelt, die sich auf drei Grundformen reduzieren lassen:

1.     Der auktoriale Erzähler. Wir haben es hier mit einem außen stehenden Erzähler zu tun, der eine unabhängige Position einnimmt und durch die Protagonisten in der dritten Person agiert.

2.     Der „Ich“ Erzähler. Hier spricht der Protagonist direkt zum Leser in der ersten Person, der sogenannten „Ich – Perspektive“.

3.     Der personale Erzähler. Diese Erzählperspektive nutzt die Figuren innerhalb unserer Geschichte, um über die Protagonisten und die Handlung der Geschichte zu berichten.

Die Auflistung dieser drei klassischen Erzählperspektiven gibt einen Einblick darüber, aus welcher Sichtweise eine Geschichte erzählt werden kann. Eine wichtige Entscheidung also für den Verlauf einer Story, ist die Wahl der Perspektive. Hat ein Autor sich für eine der genannten Perspektiven entschlossen, steht auch fest, in welcher prosaischen Dynamik sich eine Geschichte entwickelt. Klar, muss ein Autor sich nicht unbedingt auf „nur“ eine der genannten Perspektiven festlegen. Er kann im Laufe des Erzählflusses auch einen Perspektivenwechsel vornehmen. Beispielsweise ist es durchaus möglich, aus der auktorialen Erzählsituation heraus in den „Ich- Erzähler“ zu wechseln. Die Absicht dieses Perspektivenwechsels sollte allerdings für den Leser nachvollziehbar sein, damit nicht der Eindruck von unprofessionellem Schreiben entsteht. In dem folgenden Beispiel erkennen wir, wie der Autor die Erzählperspektiven verändert:

Wieder träumt er von dieser Melodie. Einer Melodie, die nicht nur aus Klang besteht. Nein, seine Melodie kann er sehen, riechen, schmecken, anfassen, fühlen. Die vergangenen trostlosen, dunklen Stunden, Tage, Wochen haben ihren Schrecken längst verloren. Die Dunkelheit stürzt sich in die Fluten des Lichts und Benedikt Grün lässt sich fallen, einfach nur fallen: in sein Leben, in seine Liebe in seine Träume.

Seit einigen Tagen träume ich wieder; besser gesagt, ich kann mich beim Aufwachen an meine Träume erinnern. Jetzt, da ich die Inhalte meiner nächtlichen Erlebnisse kenne, wünsche ich mich in die Traumlosigkeit zurück; wenigstens nachts will ich meine Ruhe haben (aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript des Autors dieses Beitrages). Wir haben hier also eine Erzählsituation, in der uns ein auktorialer Erzähler begegnet. Also dieser klassische unabhängige Erzähler, der sozusagen aus der Perspektive von oben erzählt. Der Wechsel vom auktorialen Erzähler zum „Ich – Erzähler“ erfolgt mit einem dramaturgischen Hilfsmittel. Der auktoriale Erzähler endet mit den Worten: “in sein Leben, in seine Liebe in seine Träume.“ Bereits im nächsten Satz tritt der „Ich - Erzähler“ auf, indem er mit den Worten beginnt: „Seit einigen Tagen träume ich wieder...! Hier wurde also ein Perspektivenwechsel vorgenommen, indem der Autor den Begriff Traum aufgreift, um von der auktorialen Position in die „Ich – Position“ zu gelangen. Die dramaturgische Absicht ist in Verbindung mit dem Perspektivenwechsel klar erkennbar, weil das Motiv (Traum) der Geschichte wieder aufgenommen wird. Genau genommen ist die Mischung der Erzählperspektiven eine vierte Variante, die aber in diesem Aufsatz nicht näher betrachtet wird.

Ein intensiver Blick auf die Erzählperspektiven lässt erkennen, dass wir es hier mit einem Potenzial an Textgestaltung zu tun haben, das bei bewusstem Einsatz eine fast unerschöpfliche Textkulisse entstehen lässt. Doch lenken wir nun unsere Aufmerksamkeit auf die drei klassischen Erzählperspektiven, um aufzuspüren, welche die Geeignetste ist, um ein geplantes Textprojekt zu realisieren :

Der auktoriale Erzähler

Bei der auktorialen Erzählsituation begegnen wir einem völlig unabhängigen Erzähler, der sich alle denkbaren Freiheiten nehmen kann, um eine Geschichte zu erzählen. Signifikante Merkmale des auktorialen Erzählers sind, dass er über die handelnden Personen immer in der dritten Person berichtet und die Position des allwissenden „Übererzählers“ eingenommen hat. Der auktoriale Erzähler ist aufgrund seiner Unabhängigkeit dazu in der Lage, Ort, Zeit und Geschehen beliebig zu wechseln. Außerdem kann er unterschiedliche Informationen, die außerhalb des Wissens der beteiligten Personen sind, dem Leser mitteilen (vergl. Klarer:1999). Im Klartext, der Leser kann in bestimmten Situationen mehr über das Geschehen der Handlung wissen, als der Protagonist der Geschichte selbst. Thomas Mann beispielsweise verwendet in seinem Roman „Der Zauberberg“ diesen sogenannten „allwissenden Erzähler“.

Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, - nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns im hohen Grade erzählenswert scheint ( ... ): diese Geschichte ist lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen (Thomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt 1960).An diesem Beispiel erkennen wir, dass der auktoriale Erzähler in den Zeiten springt. Hier begibt er sich in die Vergangenheit. Der auktoriale Erzähler entführt hier den Leser in Manns Textpassage von der Gegenwart in die Vergangenheit. Gleichzeitig ist es aber auch möglich, in die Zukunft zu blicken: („der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen“).

Die auktoriale Erzählhaltung ist bis in die Antike zurückzuverfolgen, selbst bei Homer oder dem weit älteren Gilgamesh Epos finden wir Strukturen des auktorialen Erzählers.Der auktoriale Erzähler kann über die Köpfe der Protagonisten blicken, was ihm fast die Funktion eines „göttlichen Megawesens“ verleihen könnte. Das ist vermutlich auch einer der Gründe, weshalb der auktoriale Erzählton bei zeitgenössischen Autoren etwas in den Hintergrund geraten ist. Für die Perspektive des auktorialen Erzählers aus heutiger Sicht könnte beispielsweise eine kühle Distanz zum Thema sein, bei dem der Autor keine Identifikation mit den Protagonisten erzielen will. Einen ganz anderen Eindruck, besser noch Geschmack, will die Erzählperspektive in der „Ich – Form“ erzielen. Im Gegensatz zur auktorialen Erzählhaltung legt es der „Ich – Erzähler“ geradezu darauf an, die Nähe zum Leser zu suchen.

Der „Ich - Erzähler“

Die „Ich - Erzählsituation“ wird eingesetzt, wenn der Autor eine möglichst hohe Identifikation des Lesers mit dem Erzähler auslösen möchte. Diese Variante der Erzählperspektive ist wohl die authentischste Form einen Text zu transportieren. Der „ICH – Erzähler“ wird von dem Leser als sehr nah und direkt empfunden, aus diesem Grund besteht die Gefahr, dass er bei Nichtgefallen des Protagonisten ziemlich schnell aus der Geschichte aussteigt. Deshalb empfiehlt es sich, bereits im Vorfeld die Eigenarten und Charakterzüge des „Ich – Erzählers“ zu fixieren, damit der Text nicht ins Kitschige überschwappt. Zu viel Nähe und zu viel Authentizität kann die Spannung oder den subtilen Erzählstoff, der sich unter den sichtbaren Zeilen verbirgt, die Langeweile des Lesers hervorrufen. In seinem 1998 erschienen Buch „Am Strand von Miramar“ wählt Richard Bode den „Ich – Erzähler“, um dem Leser die Entwicklung seines Lebens in einer ungeschminkten Form vor Augen zu führen. Ein geglückter Versuch, bei dem es Bode gelingt, den Spannungsbogen seiner Textkulisse bis zur letzten Zeile aufrecht zu halten:Ich würde mein Leben mit ihnen teilen, wenn sie es zuließen. Doch ich weiß, dass es sie verlegen machen würde, wenn ich die intimen Einzelheiten meines Lebens offenbarte, etwa so, als hätte ich mich vor ihnen ausgezogen und stünde splitternackt in ihrem Wohnzimmer.Der Protagonist , beim „Ich – Erzähler“, tritt in dieser Erzählperspektive immer in zwei Rollen auf. Zum einen begegnen wir dem Erzähler der Geschichte, dem so genannten „erzählenden Ich“ und zum anderen ist da die handelnde Figur, die als „erlebendes Ich“ agiert. Die Herausforderung für den Autor beim Einsetzen des „Ich – Erzählers“ besteht darin, seinem Protagonisten einen eigenständigen Charakter zu geben. Das ist möglich, indem er dem „Ich – Erzähler“ eine ganz eigene Sprachdynamik verleiht, die für den „Ich – Erzähler“ zum unverkennbaren Markenzeichen wird.

Die „Ich – Erzählsituation“ bezieht sich also auf die Erzählperspektive aus der ersten Person. Dabei muss der“Ich – Erzähler“ nicht unbedingt die Hauptfigur sein, es ist durchaus möglich, dass eine Nebenfigur aus der Perspektive des „Ich – Erzählers“ die Geschichte transportiert. Eine dritte Variante, die sich weder der auktorialen, noch der „Ich – Erzähler“ Position bedient, ist der sogenannte personale Erzähler. Hier benutzt der Autor eine Perspektive, die den Versuch unternimmt, aus einer möglichst neutralen Haltung heraus, Kontakt mit dem Leser aufzunehmen.

Die personale Erzählsituation

In der personalen Erzählsituation tritt der Erzähler vollkommen in den Hintergrund. Er ist als solcher fast nicht wahrnehmbar, weil bei dieser Perspektive der Eindruck entsteht (entstehen soll), dass sich die Geschichte von selbst erzählt. Diese wohl jüngste Erzähltechnik hat sich erst relativ spät entwickelt und ist vermutlich eine Form, der die beiden oben genannten Erzählperspektiven zu Grunde liegen. Sie hat den Vorteil, dass sich der Plot durch die Protagonisten erzählen lässt, nimmt aber auch gleichzeitig eine neutrale Position ein. Das Verschwinden des Autors hinter der Kulisse seines Textes entspricht den Lesegewohnheiten der heutigen Zeit. Der Leser möchte nicht unbedingt von einem Autor an die Hand genommen werden, der ihn durch seine Story führt, und ihm möglicherweise auch noch Gebrauchsanweisungen gibt, was er zu diesem oder jenem Ereignis zu denken oder zu fühlen hat. Das Leseverhalten des Durchschnittslesers korrespondiert in etwa mit dem gesellschaftlichen Mainstream, der da auf Unabhängigkeit und Anonymität bedacht ist. Es muss beim personalen Erzähler keine Nähe hergestellt werden, die vielleicht abschreckend wirken könnte. Vielmehr besteht die Stärke des personalen Erzählers in seiner fast grenzenlosen Flexibilität. Vergleichbar mit der Kameraführung beim Film ist der personale Erzähler sehr variabel. Da gibt es die „Totale“, bei der das Porträt des Protagonisten im Vordergrund steht. Dann wiederum werden wir mit einer Weitwinkelaufnahme konfrontiert, die dem Leser einen Einblick in die Atmosphäre oder das Setting vermittelt, in der sich der Protagonist bewegt. Die personale Erzählperspektive erlaubt die Sicht von oben, von unten und von der Seite. Hier trifft der Autor auf einen Fundus erzählerischer Spielvarianten, die seine Experimentierfreude geradezu herausfordern können. Dennoch darf der personale Erzähler nicht aufdringlich wirken; weder mischt er sich ins Geschehen ein (durch Kommentare oder Vorhersagen) noch tritt er in eine Interaktion (kein Gespräch, keine persönlichen Anreden) mit dem Leser.

Charles Bukowski gehört zu den Erzählern, denen es spielend gelingt das personale Erzählverhalten mit Sprache zu ritualisieren:Die Neuen mussten immer die Taubenscheiße wegmachen, und während man sich mit der Taubenscheiße abmühte, kamen auch schon wieder die Tauben und schissen einem in die Haare, ins Gesicht und auf die Kleider.In diesem Ausschnitt ist deutlich erkennbar, dass da irgend jemand eine Geschichte erzählt (also ein personaler Erzähler). Wer dieser „Irgendjemand“ ist, bleibt zunächst dem Leser überlassen. Damit schafft Bukowski im Kopf des Lesers eine völlig eigenständige Erzählfigur, die ihm die Möglichkeit gibt, aus der vorgegebenen Struktur von Bukowskis Story eine vollkommen neue Erzählsituation zu schaffen.

Die personale Erzählstruktur eignet sich aufgrund ihrer transparenten Distanz besonders für Handlungen, in denen die Story und nicht die Sprache im Vordergrund steht.

Welche Perspektive für welche Story?

Die einfachste Möglichkeit zu erfahren, wie die unterschiedlichen Erzählperspektiven auf ein geplantes Manuskriptprojekt wirken, ist Folgende:Der Autor nimmt einen Ausschnitt aus einem Rohentwurf eines eigenen Textes oder aber eines Fremdtextes und versucht den Text in die verschiedenen Erzählperspektiven zu transportieren. Mit dieser Methode findet der Autor ziemlich schnell die Perspektive, die dazu geeignet ist, sein Textvorhaben zu realisieren.
Rüdiger Heins

Teil 3 der Serie
Teil 2 der Serie
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