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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:53

 

Buchmesse 2005: Schwerpunktland Korea

20.10.2005

Nur im Bedarfsfall stelle ich Tränen her

Korea, diesjähriger Länderschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, war bislang eher ein weißer Fleck im Atlas der modernen Literatur. Abhilfe schaffen zwei Kurzreiseführer, die dem unbefangenen Reisenden einen ersten Einblick in diese terra incognita ermöglichen.

 

Wie führt man jemanden an die weitgehend unbekannte Literatur eines exotischen Lands heran? Man erzählt die Geschichte dieser Literatur. Vorsichtige Lösung von traditionellen chinesischen Gedichten zu Beginn des Jahrhunderts, Import moderner Schreibweisen aus Japan zur Zeit der Besatzung, Flucht in die Idylle des Naturgedichts in den fünfziger bis siebziger Jahren, gegen Ende dieser Periode bis in die achtziger Jahre hinein die Dominanz des politischen Gedichts und schließlich in den Neunzigern der Rückbezug auf die Subjektivität: so stellt sich – stark verkürzt – in der Anthologie Wind und Gras die Geschichte der koreanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts dar. Die Parallelen zur deutschen Lyrik sind unübersehbar, ebenso wie die signifikante „Verspätung“. Interessant ist aber weniger die große Geschichte, als die Art, wie einzelne Autoren die Kapitel dieser Geschichte schreiben.

Ein Mondstrahl steckt im First wie eine Akupunkturnadel

Am Anfang stehen die Lehrgedichte von Han Yongun (1879 – 1944), die in schlichten Naturbildern und argumentativen Parallelismen einen Liebesdiskurs entfalten, der gleichermaßen persönlich, religiös oder politisch gedeutet werden kann. Deutlich moderner aber ist die „Letzte Nachtansicht von Asien“ von O Sangsun (1894 – 1963), die ebenfalls der Gründungszeit der modernen koreanischen Lyrik zuzuordnen ist: eindrucksvolle Bilder, die immer um die beiden Wörter „Asien“ und „Nacht“ kreisen, werden in bester whitmanscher Tradition zum eine mystische Weltsicht entwerfenden Langgedicht aneinandergereiht.
Wirklich Einzug hält die Moderne - nach europäischem Verständnis - aber erst in den Gedichten von Chong Chiyong (1903 - ?) und Yisang (1910 – 1937). In Chong Chiyongs „Mord an der Uhr“ werden Beschreibung und Bild in kurzen, geschlossenen Zeilen hart aneinander gefügt: „Die Wanduhr zu Mitternacht: unglückbringender Specht! Er hackt in mein Hirn wie eine Maschinennadel.“ Der Höhepunkt dieser Anthologie sind jedoch die Prosagedichte Yisangs, von dem auch eine Werkauswahl auf Deutsch erschienen ist (Mogelperspektive, Droschl 2005). Kurze Sätze von stupender Bildlichkeit, die stets das Geheimnisvolle bewahren, das sie schon bei der ersten Lektüre umgibt:

Gedicht Nr. 12
Ein Bündel schmutziger Wäsche fliegt fetzenweise ins Leere davon und fällt zu Boden. Es ist ein Schwarm weißer Tauben. An jener Seite des Himmelsfragments – handflächengroß – sei der Krieg zu Ende und Frieden gekommen, verkünden sie. Ein Grüppchen Tauben putzt Schmutz von den Federn. An dieser Seite des Himmels, handflächengroß, beginnt der unsaubere Kampf, den Schwarm der Tauben mit Stöcken totzuschlagen. Wenn in der Luft Kaminrauch sie filzig besudelt, fliegt der Schwarm der Tauben ein weiteres Mal auf jene Seite des handflächengroßen Himmels zu.

Solch blendende, tiefe Bläue

Solche Klasse erreicht keines der koreanischen Nachkriegsgedichte mehr. Allgemeines „Agnes-Miegel-Gedächtnishäkeln“ (Thomas Kling): Vogel, Wald und Hirsch werden anhimmelnd besungen, von gelegentlichen Ausnahmen in den narrativen Prosagedichten So Chongjus (1915 – 2000) und Pak Inhwans (1926 – 1956) „Holzpferd und Dame“ einmal abgesehen. Übrigens scheint blau über alle Sprachgrenzen hinweg die Farbe der poetischen Verklärung zu sein: gerade in diesen Gedichten taucht keine andere Farbe so häufig auf. Hier fragt man sich, warum dieser Abschnitt der längste sein musste in einer Anthologie, die die „bleibende Lebenskraft“ der modernen koreanischen Lyrik vermitteln möchte, wohl aber doch eher Literaturgeschichte anbietet. Wer mehr möchte als das sei an die Fernostexperten vom Pendragon-Verlag und der Edition Peperkorn verwiesen.

Husten, das im Misthaufen stecken blieb

Mit dem Wechsel von der angepassten zur politischen Lyrik wandelt sich zwar die Thematik, auf die literarische Qualität hat dies jedoch keinen Einfluss. Natürlich entstanden in dieser Zeit solch wichtige Gedichte wie „Gras“ von Kim Suyong, „Schweigen“ von Ko Un oder „Aschenhaufen“ von Kim Namju. Aber die Autoren haben noch immer die gleichen Vorlieben für Wiederholungen oder Anaphern wie die Naturidylliker. Was fehlt, ist eine Variation des Stils, ein überraschendes Moment, ein noch nie zuvor gehörter Klang, wie man ihn etwa in den Texten von Yisang wahrnehmen kann. Zudem liefert auch hier fast immer die Natur die Bilder, selbst wenn die Aussage eindeutig politisch ist.
Dies ändert sich erst in der Gegenwart. Einzig die Lyrik Kim Hyesuns ist eindeutig urban geprägt: Bankgebäude, U-Bahn und Fußgängerampeln passen eher zu dem Bild eines modernen Korea als Wind und Gras. Es scheint so, als neigten die meisten Lyriker stärker als die Prosaautoren ihrer Zeit dazu, die kulturelle Tradition in der Literatur fortzuschreiben, auch wenn sich das Lebensumfeld bedeutend verändert. Und so schließt sich der Kreis dieser Anthologie mit den kargen Gedichten Ch’oe Sunghos: hier scheint wieder die fernöstliche Mystik auf, die auch schon in der Poesie Han Yonguns zu finden ist. Seine feingeschliffene Sprache jedoch hat nicht ihresgleichen und zeigt, welche geheimnisvoll funkelnden Diamanten die lange Tradition koreanischer Lyrik auch heute noch hervorbringen kann.

Da ich für keine Seite Partei ergreifen durfte

Im Gegensatz zur Lyrikanthologie enthält die ebenfalls bei dtv erschienene Sammlung koreanischer Erzählungen ausschließlich Texte aus den letzten fünfundvierzig Jahren. Weitaus stärker als in der Lyrik werden in den Erzählungen Gegensätze verhandelt, etwa die zwischen den beiden koreanischen Staaten, zwischen Moderne und Tradition, Stadt und Land, Arm und Reich, Mann und Frau. Der Diskurs dominiert über das Ästhetische. Da erstaunt es kaum, dass der Ton vor allem bei den Erzählungen aus den sechziger und siebziger Jahren häufig sachlich-nüchtern, beinahe berichtartig ist. Die antagonistischen Positionen werden meist von zwei Figuren verkörpert, die sich auf dem Höhepunkt der Erzählung einen verbalen Schlagabtausch liefern. So etwa im ältesten Text dieser Anthologie, „Panmunjom“ (der Ort, an dem die offiziellen Verhandlungen zwischen Nord- und Südkorea stattfinden) von Lee Hochol, in dem ein südkoreanischer Journalist auf eine Nordkoreanerin trifft. Beide versuchen, ihr Gegenüber von der eigenen Weltsicht zu überzeugen. Der argumentative Showdown bleibt jedoch ohne Sieger. Ähnlich in der Erzählung „Heimkehr“ von Su Jung In, in der ein idealistischer Student und ein Schwarzhändler über Armut und Reichtum diskutieren. Und in der Familiengeschichte „Unvergessen“ von Kim Wonil sind es Mutter und Großmutter, die gegensätzliche Auffassungen verkörpern.
Eine Ausnahme von der vorwiegend sachlichen Schreibweise unter den älteren Autoren stellt Hwang Sok-yong dar: seine Erzählung „Ein Mensch wie du und ich“ ist eine fulminante Anklage eines jugendlichen Mörders gegen die Gesellschaft, die ihm keine Chance zu einer menschenwürdige Existenz ließ. Diese im derben Ton vorgetragene drastische Lebensgeschichte gewinnt zusätzliche Prägnanz durch den geschickten Schachzug des Autors, den Monolog dieses Jedermann im Polizeibüro anzusiedeln, so dass jede Anrede des verhörenden Beamten auch eine an den Leser ist.

Die Spitzen ihrer Äste erschienen unerreichbar

In den Erzählungen der jüngeren Autoren wirkt diese Tendenz zu einer stärker emotionalen Sprache weiter. Sie reichen in ihrer sprachlichen Ausgewogenheit zwar nicht an die stilistischen Ausbrüche eines Hwang Sok-yong heran, wirken jedoch weitaus lebendiger als die der älteren Generation. Auch die Themenschwerpunkte haben sich verlagert: drei von vier Erzählungen problematisieren das Verhältnis von Mann und Frau. Kommt Kang Sok Kyongs Geschichte der Vereinsamung einer Ehefrau vergleichsweise traditionell daher, so nehmen Han Kang und Kim Young-ha moderne Elemente in ihre Erzählungen auf. Letzterer adaptiert in „Klingende Weihnachtsgrüße“ Krimielemente, so dass sich dem Leser erst allmählich das Motiv für den Mord an einer jungen Koreanerin enthüllt. Han Kang verwendet das surrealistische Motiv der Metamorphose, um die Entfremdung einer Frau von ihrem verständnislosen Mann zu schildern. Die gelungenste Erzählung der jüngeren Autoren stammt jedoch von Gong Jiyoung. Mehrfach gebrochen entwirft sie ein Bild des 1980 brutal niedergeschlagenen Aufstands im südkoreanischen Kwangju und dessen medialer Darstellung. Jahre nach den Ereignissen, am Krankenbett des Kameramanns, der dieses Ereignis filmte, vermischen sich eigenen Erinnerungen des Erzählers und die mediale Darstellung des Geschehens.
Insgesamt vermögen diese Erzählungen aber nur selten ästhetische Reize zu vermitteln, da sie zumeist relativ einfach gebaut sind und – zumindest in der Übersetzung – sich nicht gerade durch sprachliche Finessen auszeichnen. Aber sie vermögen das Interesse für ein Land (denn es sind leider keine nordkoreanischen Autoren in dieser Anthologie vertreten) zu wecken, dessen rapide gesellschaftliche Umwälzung in den letzten zwanzig Jahren auch neugierig macht auf seine künftige literarische Entwicklung.

Carsten Schwedes

Hier geht es zu einem weiteren beitrag zu koreanischer Lyrik von Jan Volker Röhnert


Wind und Gras. Moderne koreanische Lyrik
Herausgegeben und aus dem Koreanischen übersetzt von Marion Eggert.
dtv, 2005.
Taschenbuch, 160 Seiten. 8,50 ¤
ISBN 3-423-13380-5

Koreanische Erzählungen. Herausgegeben von Sylvia Bräsel und Lie Kwang-Sook.
dtv, 2005.
Taschenbuch, 256 Seiten. 8,50 ¤
ISBN 3-423-13381-3

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