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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:54

 

Diethard Ande

24.11.2005

Why Not?
Über den White Lotus Verleger Diethard Ande

„Aber das ist ja ein Buch zum Lesen“ sagt Diethard Ande, worauf der ‚Serindia’ Verleger Anthony Aris (der Bruder des verstorbenen Michael Aris, des Gatten der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi) in nur mehr schwer zu bändigendes Lachen ausbricht.

 

Das war vor Jahren, an der Frankfurter Buchmesse, und um die Bemerkung richtig zu verstehen, muss man, wie immer, den Kontext kennen: Diethard Ande, der Bangkoker Verleger und Spezialist für Südostasiatica, verkauft zu diesem Zeitpunkt nämlich vorwiegend Bücher die von Händlern und Sammlern als Nachschlage- oder als Referenzwerke benutzt werden.

Kennen gelernt habe ich ihn vor zehn Jahren als ich für den Zürcher Ammann Verlag als Scout in Südostasien unterwegs war. Damals befand sich sein White Lotus Verlag in der Soi 58 der Sukhumvit Road in Bangkok; zur Zeit (im Sommer 2005) wird er nach Huay Yai, einem Weiler in der Nähe von Pattaya, verlegt – in die Walachei, wie der Verleger, der sich selbst als einen „Jack of all Trades“ charakterisiert, sagt. Ein Gemischtwarenhändler (wurde er früher von Kunden gefragt, ob er dieses oder jenes Produkt habe, antwortete er jeweils „noch nicht“) ist er in der Tat, einer mit ausgeprägtem Interesse für den asiatischen Raum (speziell die Hochkulturen Indiens und Chinas haben es ihm angetan), Enthusiasmus, Humor sowie einer gehörigen Portion Sturheit, ohne die er in Thailand – das nicht gerade für seine Buchkultur bekannt ist – wohl kaum lange hätte bestehen können.

1938 in Hamburg geboren, in Flensburg aufgewachsen, machte er zuerst eine kaufmännische Grosshandelslehre, dann Abitur, absolvierte ein Studium als Wirtschaftsingenieur und bewarb sich anschliessend als Geschäftsführer bei der deutsch-thailändischen Handelskammer in Bangkok. Die Stelle habe er gekriegt, weil er gerade vor Ort gewesen sei, sagt er.
Als zwei Jahre später der von ihm sehr geschätzte Präsident der Kammer Thailand verliess, hat er gekündigt, „weil ich nicht unter Leuten arbeiten kann, die kein Format haben und noch dümmer sind als ich.“ Er beschloss, ‚White Lotus’ zu gründen. Das war 1972. Wieso ‚White Lotus’? Weil das ein neutraler Name sei und „weil ich nicht wusste, was ich machen wollte. Mit ‚White Lotus’ als Namen kann man alles machen.“
Er wird aktiv im Import (Autoersatzteile, Spezialschmierstoffe, Teflon, Nadellager), wo er mit Chinesen handelt, wie auch im Export (wo er für Inder Teak-Handicrafts, Gold- und Silberschmuck sowie auf eigene Rechnung Textilien, alte Handicrafts und Antiquitäten ausführt); ergänzt wurde all dies dann noch durch den Einkauf und Export von Orchideen für eine deutsche Firma.

Zum Handel mit Büchern kam er auf zwei Wegen. Zum einen importierte er Taschenbücher aus Deutschland, die er dann in Bangkok an Buchhandlungen, Hotels und den Flughafen verkaufte – eine typische Bestellung sah so aus: „Ich brauch 50 Krimis, 50 Western und 50 allgemeine Literatur, keine Sachbücher, keine Doppelbände, nur die billigeren Sachen“ – , zum anderen verkaufte er die älteren Jahrgänge der Kunstzeitschriften „Arts of Asia“ und „Orientations“, vor allem an Antiquitätenhändler.

Eines Tages las er in einer Zeitschrift über die Yao, einen Bergstamm aus Laos, der während des Vietnamkrieges seinen angestammten Lebensraum verlor und nach Thailand abgedrängt wurde, wo ihnen christliche Missionare nahe legten, von ihren religiösen Vorstellungen, die sie als wenig Gott gefällig erachteten, Abstand zu nehmen. Da die Yao in die USA auswandern wollten und dabei auf die Fürsprache der Missionare angewiesen waren, verkauften sie in der Folge ihre religiösen Objekte.
Fasziniert von der Geschichte, sagte sich Diethard, da müsste doch ein Buch drin liegen. Getreu seiner Devise, „Warum soll ich das nicht mal machen?“, kontaktierte er den Autor Jacques Lemoine. Sollte er je einmal ein Buch über dieses Thema machen, so könne er dies verkaufen, liess er ihn wissen. So entstand 1982 „Yao Ceremonial Paintings“, der erste ‚White Lotus’-Titel, der zu einem akademischen Hit wurde.

„Ich mache ja schon das, was mir gefällt“, sagt er. Und was gefällt ihm? Neben den historischen, vor allem die abseitigen Themen, die Sachen, die sonst niemand macht, und die auf die Fragen zurückgehen, die ihn beschäftigen: „Was ist das? Was gibt es da für Tiere oder Pflanzen oder sonst was Seltsames.“
Dass er dabei auch mal danebengreift, versteht sich. „Das sind meine Misserfolge“, meint er als er mir das Lager zeigt (ich hatte sie mir zahlreicher vorgestellt). Und fügt grinsend hinzu: „Die Erfolge sind verkauft.“

Während meines Aufenthaltes in Huay Yai meldet sich ein Paläontologe aus Iowa an, mit dem Diethard ein Buch über dessen Suche nach „early humanoid fossils“ in Burma machen will; tags darauf schaut ein Mann mit einem Buchprojekt über französische Bildpostkarten aus Kambodscha vorbei, der, als er sagt, man müsse bei der Bildauswahl natürlich an den Leser denken, vom Verleger sofort darauf hingewiesen wird, dass ungleich wichtiger sei, sich den Sammler vor Augen zu halten.

Zu behaupten, dass Diethard Ande sein Verlagsprogramm in erster Linie an den Sammlern orientiert, wäre jedoch falsch – dafür ist der Mann viel zu begeisterungsbestimmt. Die Themenpalette von White Lotus ist geprägt von seinem Wissensdurst, seiner Fantasie und von seiner „Why not?“-Haltung – und sie ist ausgesprochen mannigfaltig: da findet sich Tiziano Terzanis „Saigon 1975“ neben Louis Pichons „A Journey to Yunnan in 1892“, da trifft man auf „The Railways of Thailand“ wie auch auf „The Woman Gender & Development Reader“, da gibt es H. Elliott McClures „Migration and Survival of the Birds of Asia“ sowie K. Khemanandas „Know Not a Thing. Insights into Dynamic Meditation“. Die beiden bislang meistverkauften Titel sind jedoch „Hello My Big Big Honey! Love Letters to Bangkok Bar Girls“ und „Working with the Thais. A Guide to Managing in Thailand” (http://thailine.com/lotus/ oder http://www.whitelotusbooks.com/).

Im ersten Stock des Verlages in Bangkok hängen alte Stiche und Karten von Asien an den Wänden. Die Anordnung wirkt chaotisch, ich kann nicht erkennen, nach was für Kriterien die Bilder aufgehängt wurden – sie sind von ganz unterschiedlicher Grösse, einige hängen schief, andere am äussersten Rand, neben wieder anderen klafft eine grössere weisse Fläche.
Das hänge mit der Beschaffenheit des Mauerwerks zusammen, erläutert Diethard, an einigen Stellen habe man ganz einfach keinen Nagel einschlagen können, deshalb.
Geht man näher zur Wand hin, weicht der Eindruck des Chaotischen und man blickt plötzlich auf viele ganz wunderbare Einzelstücke (die jüngsten Stiche sind wenigstens hundert Jahre alt, die Asien-Karten stammen aus der Zeit von vor 1600 bis ca. 1830), bemerkt Feinheiten, die man aus der Distanz nicht wahrgenommen und taucht ein in Welten, die einem bisher noch gar nie aufgefallen waren.

Die Karten und Stiche bilden Teil des Verlagsprogramms und werden darüber hinaus für dieses genutzt. Wie auch die antiquarischen Bücher, mit denen Diethard ebenfalls handelt und aus denen er, wie aus einem Steinbruch, sagt er, bestimmte Illustrationen rausnimmt (er wird auch von anderen Verlagen und Autoren nach solchen gefragt) und dann für andere historische Bücher verwendet. Kriegt er ein Manuskript angeboten, so hat er oft schon vor Augen, was für Illustrationen da reinpassen könnten und er weiss auch, dass sie irgendwo in seinem Durcheinander zu finden sein werden.
„Ich glaube nicht, dass andere Verleger so was machen oder so denken“, sagt er.
Das ist in der Tat nicht anzunehmen.

Hans Durrer


veröffentlicht unter dem Titel "Als Verleger in Thailand" in Die Gazette Nr 7 vom September 2005

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