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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:54

 

Polen - Special (Teil 2)

15.12.2005

Porträt Olga Tokarczuk
Olga Tokarczuk gehört zu den erfolgreichsten und meistbeachteten polnischen Autoren der Gegenwart. Ihre Romane und Erzählungen, die oft von Sehnsüchten, vom Suchen und vom Wandern zwischen verschiedenen Welten handeln, stoßen nicht nur bei der Leserschaft auf großes Interesse, sondern werden auch von der Kritik hoch gelobt. Zu den Auszeichnungen, die sie für ihre Arbeit erhielt, gehören der renommierte polnische Literaturpreis „Nike“ sowie eine Nominierung für den Prix du Meilleur Livre Etranger. Ihre Bücher wurden zudem in mehrere Sprachen übersetzt.

 

Tokarczuks Gespür für die Irrationalität der menschlichen Seele, die in ihren Werken thematisiert wird, kommt nicht von ungefähr. Geboren 1962 in Zielona Góra (Grünberg) debütiert sie bereits im Alter von sechzehn Jahren mit Erzählungen, die in der polnischen Jugendzeitschrift „Na Przelaj“ veröffentlicht werden. Nach der Schule entscheidet sie sich
jedoch zunächst für ein Studium der Psychologie in Warschau. Während des Studiums macht sie ihre ersten beruflichen Erfahrungen in einem Therapiezentrum für schwer erziehbare Jugendliche und in einer psychiatrischen Klinik. Nach dem Abschluss arbeitet Tokarczuk als Psychologin. Sie wechselt mehrere Male ihren Wohnort, bevor sie sich 1998 in einem kleinen Dorf nahe der tschechischen Grenze niederlässt und sich seither ganz dem Schreiben widmet. Ebenfalls seit 1998 leitet sie ihren eigenen Verlag „Ruta“, in dem sie ihre Bücher herausbringt.

Tokarczuks Romane und Erzählungen faszinieren durch ihre Erzählweise, die sprachliche Leichtigkeit und Eleganz mit psychologischer und philosophischer Tiefe kombiniert. Charakteristisch für ihr literarisches Schaffen ist die Einheit von Phantasie und Wirklichkeit. Ihre Geschichten wie beispielsweise der Roman „Ur und andere Zeiten“ (2000), die Chronik eines Dorfes in der Nähe von Kielce, sind meist angesiedelt im Bereich zwischen Traum, Wirklichkeit und Mythos. Tokarczuks Werk wird daher auch als “polnischer magischer Realismus“ bezeichnet.



Rezension „Der Schrank“

Die Welt im Miniaturformat

In dem Erzählband „Der Schrank“, der im Jahr 2000 auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist, nimmt Olga Tokarczuk ihre Leser mit in ein Reich der Phantasie, in dem die Helden zwischen unterschiedlichen Realitätsebenen pendeln.

„Und eines Nachts schließlich weckte ich ihn. Er wollte das Bett nicht verlassen. Ich zog ihn hinter mir her, und wir blieben vor dem Schrank stehen. Er war unveränderlich, mächtig und verlockend. Ich berührte mit den Fingern den abgegriffenen Türknauf, und der Schrank tat sich vor uns auf. Darin war genug Platz für die ganze Welt.“

Die erste Erzählung, „Der Schrank“, handelt von einem jungen Pärchen, das für den Umzug in die neue Wohnung einen Kleiderschrank kauft. Auf den ersten Blick eine ganz banale Geschichte. Doch nach und nach beginnt der Schrank eine merkwürdige Faszination auf seine Besitzer auszuüben: Er verkörpert Ruhe, Geborgenheit und Beständigkeit. Auf der Suche nach diesen Dingen, die es im Alltagsleben der beiden Protagonisten nicht gibt, verbringt das Pärchen immer mehr Zeit in den Wänden des Schranks, bis dieser schließlich ganz zur Zufluchtstätte vor der Welt wird.

Auch in den anderen Geschichten übt der durch die Figuren zum Teil selbst erschaffene Kosmos im Kleinformat sowohl auf sie selbst als auch auf den Leser eine unwiderstehliche Sogkraft aus. In „Zimmernummern“ sind es die Zimmer eines Hotels, in denen das Zimmermädchen, bedingt durch die herumliegenden Habseligkeiten der Gäste, in fremde Welten eintaucht und sich dabei in seinen Träumen verliert. In „Deus Ex“ ist es der Computer, der einem mittellosen jungen Mann zur selbst bestimmten Welt wird, weil er auf ihm Schöpfung spielen kann.

Innen und Außen, Träumen und Wachen, Mythisches und Tatsächliches wechseln sich in Tokarczuks Erzählungen nahezu selbstverständlich miteinander ab und bilden gleichzeitig eine magische Einheit aus Makro- und Mikrokosmos. Trotz aller Magie sind sie jedoch nie ganz fern jeglicher Realität und auch die Charaktere sind gerade in ihrer Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit realistischer als es auf den ersten Blick erscheint. Sie sind Suchende, Hoffende und manchmal auch Verlorene, ohne es selbst zu wissen, und somit Bestandteil einer ganz alltäglichen Verrücktheit. Die Selbstverständlichkeit, mit der das scheinbar seltsame Verhalten der Protagonisten geschildert wird, lässt wenig Staunen darüber zu, dass die gesamte Welt eines jungen Pärchens in einem Möbelstück Platz findet oder dass eine Maschine in Form eines PCs für einen jungen Mann zur Ersatzwelt wird, die ihm Macht verleiht.

Das Reizvolle an den Erzählungen in „Der Schrank“ ist nicht, dass die Autorin surreale Welten mit phantastischen Helden aus dem Boden stampft, sondern vielmehr, dass sie den Leser behutsam an der Hand nimmt und ihn fast unmerklich von einer Realitätsebene zur nächsten gleiten lässt. Und da jede dieser Ebenen an einen ganz eigenen Blickwinkel gekoppelt ist, wirkt das scheinbar Normale plötzlich absurd, während das offensichtlich Absurde auf einmal als völlig normal empfunden wird.

Fortsetzung folgt

weitere Beiträge zum Polen-Special finden Sie hier


Olga Tokarczuk: „Der Schrank“.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.
Deutsche Verlags-Anstalt, 2000.
Taschenbuch, 117 S., 7,50 EUR.
ISBN 3-423-12923-9.


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