Beatrice Simonsen: Grenzräume.
21.01.2006
Wegweiser nach Europa
Beatrice Simonsen hat unter dem Titel „Grenzräume“ eine Anthologie über die Literatur südlich des Brenners herausgegeben, in der namhafte Autoren, Kritiker und Literaturwissenschaftler, Insider wie Außenstehende, Deutsche wie Italiener, eine facettenreiche literarische Landkarte zeichnen, die den Weg für die „Überwindung der Geschichte in Richtung Europa“ weisen soll.
Eigentlich müsste die Grenzraum-Thematik der Südtiroler, der Triestiner oder sonst welcher Entitäten mitten in Europa allerspätestens seit der EU-Osterweiterung im vorvergangenen Jahr als hinfällig und anachronistisch gelten. Auch die sprachlichen Grenzen stellen vielerorts in Europa durch das Selbstverständnis der Mehrsprachigkeit keine unüberwindbaren Mauern mehr dar. Und die Populärkultur ist sowieso amerikanisch eingefärbt. Wir verstehen uns. Was aber wissen wir wirklich voneinander, von den Geschichten, die ein Landstrich irgendwo in Europa oder draußen an den neuen Grenzen zu erzählen hat? Unser Denken ist noch zu stark vom Kleinräumigen und Nationalstaatlichen geprägt oder kehrt immer wieder dorthin zurück: zum Europa der Regionen, dem historisch gewachsenen.
Die Literatur der neuen EU-Länder steht derzeit hoch im Kurs. Doch warum schlägt die am Eisernen Vorhang aufgewachsene Wiener Publizistin Beatrice Simonsen die „narrative Landkarte“ des „klassischen“ (aber nicht mehr aktuellen) Grenzraums auf, bevor sie sich aufmacht Europas neue Grenzräume zu erkunden? Ein ehemaliger Grenzraum als Maßstab für die weißen Flecken auf der literarischen Landkarte? So ungefähr: In der Literatur aus Südtirol will Simonsen die Antwort auf die Frage nach der „Überwindung der Geschichte in Richtung Europa“ finden. Sie konfrontiert die literarischen Textbeispiele von Franz Tumler, Joseph Zoderer, Herbert Rosendorfer, Helene Flöss, Sepp Mall, Norbert C. Kaser, Gerhard Kofler, Anita Pichler, Sabine Gruber, Maria E. Brunner, Alessandro Banda, Bettina Galvagni und Martin Pichler mit kritischen Beiträgen von Martin Kubaczek, Nina Schröder, Wendelin Schmidt-Dengler, Karin Della Torre, Carlo Romeo, Paolo Valente und Johann Holzner.
Orte entwurzelten Heimatgefühls
Wenn auch das friedliche Zusammenleben zwischen Deutschen und Italienern seit Anfang der 70er Jahre als gesichert gilt, berührt die kritische Auseinandersetzung einer Literatur Zoderers mit der Zeitgeschichte die Geschichtsverdränger immer noch schmerzlich, weckt in ihnen bei jeder Neuerscheinung, deren Plot in Südtirol angesiedelt ist, einen unangenehmen Provinzkomplex. „Sind dieselben Themen nicht mehr provinziell, wenn sie im Schlagschatten der Berliner Mauer abgehandelt werden, nur weil Berlin eine Metropole ist?“ fragt Nina Schröder und weist auf die umgekehrte Richtung hin, die Andreas Maier eingeschlagen hat, weil „die Konfliktstränge [hier] nicht mühsam herausgeschält werden müssen“. Karin Della Torre beleuchtet dagegen jene Literatur, der das Motiv der Sehnsucht nach anderen Orten gemeinsam ist. Auf die Polarität beider Motive „Heimat und Unbehaustheit“ hatte schon Franz Tumler, der Vater der Südtiroler Literatur, seine „Aufschreibung aus Trient“ angelegt. Darauf weist Martin Kubaczek hin. Johann Holzer wiederum setzt sich mit zwei Autoren der jüngsten Generation auseinander, Bettina Galvagni und Martin Pichler, bei denen die erwähnten Themen keine Rolle mehr spielen.
Einzeichnung des bisher Ausgegrenzten
Bis Ende der Neunziger Jahre ist unter der Ettikette „Literatur aus Südtirol“ ausschließlich die deutschsprachige gehandelt und reflektiert worden; Simonsen lässt unter dem etwas sperrigen Überbegriff „Sprachraum. Grenzraum“ erstmals auch die italienischsprachige und das Bemühen der Ladiner um eine eigene zu Wort kommen, ja weist selbst über die Sprachgrenze Salurn hinaus auf die Inseln zwischen Trient und Verona. Karl-Markus Gauß schreibt in gewohnt erfrischendem Erzählstil von seiner Begegnung mit den „fröhlichen Untergehern von Roana“, die sich mit dem Verschwinden ihres Zimbrischen abgefunden und den Wortschatz rechtzeitig gesammelt haben, während die Wortführerin der ladinischen Literatur, Rut Bernardi, ums Überleben ihrer Sprache kämpft, die sie sich für ihre Geschichten großteils erst erfinden muss.
Carlo Romeo beschreibt die Entwicklung der italienischsprachigen Literatur in Südtirol von der faschistischen Verklärung der Bergwelt über die Aneignung der Geschichte und Kultur des Landes hin zu einem spielerisch ironischen Umgang mit den Figuren und Gegebenheiten im Spannungsfeld zwischen Provinz und globalisierter Welt. Paolo Valente versteht die Südtiroler „als einen bunten Haufen unterschiedlicher Geschichten, Unterschiede, die nicht verneint und auch nicht verschärft werden sollen, sondern vielmehr gesammelt und zusammengetragen.“
Das Sammeln der Geschichten kann zur Überwindung von Berührungsängsten, zu gegenseitigem Verständnis beitragen und Wunden vernarben lassen. Die vorliegende Anthologie tut einen, doch etwas unbeholfenen, Schritt in diese Richtung: die italienischsprachigen Texte sind zwar ins Deutsche übersetzt, nicht aber die deutschsprachigen ins Italienische; so sind große Teile des spannenden und anregenden Dialogs für die italienischsprachigen Leser nicht zugänglich. Im Nachwort räumt Simonsen ein, dass ein direkter Vergleich mit anderen Grenzräumen nicht möglich sei, die Parallelen aber „für die weitere Öffnung und Entwicklung Europas“ von Bedeutung sein können. Auch das lässt die Anthologie erahnen – und die Macher der EU werden sich noch wundern –, wie schwer es sein wird, den Europäern Europa als identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Bezugspunkt zu vermitteln.
Albina Kritzinger
Beatrice Simonsen (Hrsg.): Grenzräume. Eine literarische Landkarte Südtirols. Edition Raetia 2005 Taschenbuch, 230 Seiten, 18 ¤ ISBN 88-7283-243-8
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