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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:55

 

Polen - Special (Teil 3)

02.02.2006

Porträt Manuela Gretkowska
Jede Literaturszene, auch die polnische, hat ihre Musterschüler und Rebellen, in diesem Fall die „artigen“ und die „unartigen“ Mädchen. Während Olga Tokarczuk und andere Schriftstellerinnen der Generation `89 großen Anklang bei der Kritik finden, werden andere Künstlerinnen rasch mit Etiketten wie „Feministin“ oder gar „Skandalautorin“ versehen. Manuela Gretkowska, geboren 1964, ist Anfang der Neunziger Jahre die umstrittenste Autorin Polens.

 

Ihre Bücher werden von vielen polnischen Kritikern als „vulgär“ oder „pornographisch“ bezeichnet. Die Leser scheint das nicht zu stören, im Gegenteil: Gretkowskas Romane landen immer wieder auf den Bestsellerlisten und auch als Essayistin und Kolumnistin ist das vermeintliche „enfant terrible“ der neuen polnischen Literatur schwer gefragt.

Gretkowskas Weg zum Schreiben führt wie bei vielen polnischen Literaten früherer Generationen über die Emigration. Nach Kindheit und Jugend in Lodz und einem abgeschlossenen Philosophie-Studium in Krakau geht sie 1988 nach Paris. Dort entstehen ihre ersten Werke „Wir sind hier Emigranten“, „Pariser Tarot“ und „Metaphysisches Kabarett“. Angeregt von den eigenen Erfahrungen in der Fremde und mit einem klaren Blick für die Widersprüche und Absonderlichkeiten unserer Zeit zeichnet Gretkowska darin ein Portrait des westlichen Menschen im ausgehenden 20. Jahrhundert. Formal bewegt die Autorin sich zwischen unterschiedlichen Genres und verknüpft das Essay mit Elementen der Reportage, Erinnerung oder Parodie.

Anfang der Neunziger Jahre kehrt Gretkowska nach Polen zurück, wo sie für verschiedene Zeitschriften wie „Elle“, „Polityka“ oder „Playboy“ schreibt. Bald darauf lernt sie ihren heutigen Lebensgefährten kennen, mit dem sie von 1997 bis 2001 in Schweden lebt. 1998 erscheint „Leidenschaftsbuch“, eine Sammlung von Erzählungen über die Liebe, die sich in den Augen der Kritiker grundlegend von den früheren Veröffentlichungen der Autorin unterscheiden. Auch ihre beiden neuesten Romane, „Polka“ (2001) und „Europeijka“ (2004), werden weitgehend wohlwollend aufgenommen, manche Rezensenten sprechen sogar von einer Verwandlung des „bösen Mädchens“ zur „reifen, verantwortungsbewussten Frau“. Gretkowska lebt mit ihrem Lebensgefährten und der gemeinsamen Tochter in Warschau.



Rezension „Polka“

„Matka Polka“? Nicht mit mir!


Manuela Gretkowskas Tagebuchroman „Polka“ ist ein sehr persönliches und unterhaltsames Buch über mütterliche Gefühle, Partnerschaft und die Liebe zur Kunst.

Manuela Gretkowska ist nicht gerade das, was man sich unter dem Prototyp einer Ehefrau und Mutter vorstellt. Sie ist Künstlerin mit Leib und Seele, liebt ihre Freiheit und Unabhängigkeit und ist als Autorin ebenso umstritten wie erfolgreich. Als sie eines Tages die freudige Nachricht erhält, dass sie ein Kind erwartet, steht ihre Welt Kopf. Sie ist zwischen widersprüchlichen Gefühlen hin und her gerissen und beginnt schließlich, ihre Gedanken und täglichen Erlebnisse in einer Art Schwangerschaftstagebuch festzuhalten. Das Ergebnis ist der stark autobiographisch gefärbte Roman „Polka“, der den Namen der noch ungeborenen Tochter trägt.

Als die Autorin von ihrer Schwangerschaft erfährt, lebt sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Piotr Pietucha in Schweden. Piotr, ein ehemaliger Hippie, arbeitet als Therapeut in einer psychiatrischen Klinik, Manuela schreibt und fährt regelmäßig nach Polen, um sich dort mit Produzenten und Regisseuren zu treffen, die ihre Werke auf die Bühne bzw. auf die Leinwand bringen. Ihr Leben zu zweit ist von großer Nähe, aber auch von Spontaneität und Neugier auf die Welt bestimmt. Beide lieben ihre Arbeit, reisen gerne und begeistern sich für Literatur, Musik und spirituelle Themen. Und das soll sich für die werdenden Eltern jetzt alles ändern?

Das einzige, was sich jedoch zunächst verändert, ist Manuelas Körper und damit ihre Sinneswahrnehmung. Sie entwickelt einen überdimensionalen Geruchssinn und legt klassische Schwangerschaftssymptome wie permanente Übelkeit und Stimmungsschwankungen an den Tag. Selbstironisch, mit viel Humor und vor allem schonungslos direkt beschreibt Gretkowska die Verwandlung der souveränen Künstlerin in ein Häuflein Elend, das sich vom Geruch des neuen Sofas und der Pilze im Wald bedroht fühlt.

Nachdem sie sich an die „anderen Umstände“ gewöhnt hat, beginnt Manuela, sich auf das zukünftige Doppelleben zwischen Mutterrolle und Schriftstellerdasein einzustimmen: Sie sitzt nach wie vor jeden Tag am Computer, verhandelt mit Verlegern, dazwischen geht sie zur Vorsorgeuntersuchung, liest medizinische Ratgeber und führt liebevolle Zwiegespräche mit ihrem ungeborenen Kind. Der Name „Polka“, der übersetzt auch „Polin“ bedeutet, ist Programm, denn Manuela, die sich trotz aller Missstände in der polnischen Gesellschaft nach ihrer Heimat zurücksehnt, setzt am Ende der Schwangerschaft die gemeinsame Rückkehr nach Polen durch.

Für diejenigen, die sehnsüchtig auf etwas Unzüchtiges oder Skandalöses in Gretkowskas bisher intimsten Werk warten, hat die Autorin selbstverständlich einige Passagen über Sex in der Schwangerschaft sowie ein paar Seitenhiebe auf die bigotte polnische Literaturkritik parat. Nebenbei macht sie dem Idealbild der „Matka Polka“, dem polnischen Idealbild der selbstlosen und leidensfähigen Mutter, gründlich den Garaus. „Leider“ jedoch, und damit sehr zum Vergnügen des Lesers erweist sich das „böse Mädchen“ ansonsten als intelligente und hochbegabte Erzählerin, die nicht nur mit ihrem Sprachwitz begeistert, sondern auch mit Offenheit und Authentizität überzeugt. Die „Matka Polka“ ist tot - es lebe Gretkowska!

Fortsetzung folgt

weitere Beiträge zum Polen-Special finden Sie hier

Helena Schneider


Manuela Gretkowska: Polka.
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz.
DTV, 2004.
Taschenbuch, 316 S., EUR 14,50.
ISBN 3-42324399-6.

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