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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:56

 

Creative-Writing: Teil VIII

23.03.2006

8. Heilende Poesie im Creative Writing

 

          stimme

          die ganze nacht höre ich deine stimme
          lyrisch – im traum
          vermischt
          von berbern und stadtratten
          lyrisch – im traum
          berbern und stadtratten
          prosaische dichtung

          lyrik und traum
          ketzer von veduggio
          maria auf dem halbmond
          maria in himmerod

          lyrik
          traum

          träume
          die lyrik
          im urknall
          vom loslassen –
          dich fallen lassen           

(Maria Bernhardt)

Elisabeth Lukas – Autorin und Psychologin von Publikationen die sich mit der „Heilenden Poesie" beschäftigen – spricht in diesem Zusammenhang von „heilenden Worten“.

„Auch gelesene Worte, wie sie mir in meinen fünfundzwanzig Praxisjahren als Psychotherapeutin und Klinische Psychologin wiederholt bestätigt worden sind. Es müssen nicht zahlreiche Worte sein, im Gegenteil: Weniger dringt manchmal tiefer ins Gemüt ein als Überflutende“
(Lukas 1998: 7).

Heilende Texte sind, nach Lutz von Werder, dazu in der Lage Gefühle, Bewusstseinserweiterungen und der Bearbeitung ungeklärter Probleme Ausdruck zu verleihen. Die so entstandenen Texte können die AutobiografInnen dazu in die Lage versetzen, verlorene Kraft wieder zu finden (von Werder 1993: 306).Die Form der heilenden Poesie hat es vermutlich schon immer gegeben. Denken wir hier an die Heilbeschwörungen der Schamanen, die mit immer wiederkehrenden Gesängen einen Kranken von seinem Leid befreien wollen. Bereits 2500 Jahre vor unserer Zeitrechnung finden sich Texte, die in Form der Keilschrift in Ton geritzt wurden. Die Priesterin Enheduana beschwor, so ist es den Übersetzungen dieser Tonscherben zu entnehmen, mit ihren Versen das Heil der Welt. Gestalttherapeutische Ansätze also schon bei den Sumerern?

Die heilende Poesie versteht sich als Ventil des Unterbewussten. Die AutobiografInnen schreiben ihre Erfahrungen auf, indem sie diese zu ihrem augenblicklichen Thema im „Hier und Jetzt" machen. Das „geschriebene Wort“ soll auf diese Weise die Seele entlasten und bei den AutorInnen einen Heilungsprozess in Gang setzen. Wir haben es bei diesem Prozess mit dem Freudschen Ansatz: „Erinnern, wiederholen, durcharbeiten" (Kapitel 6) zu tun.

Schmerzen und Verluste ertragen

Krisen bedeuten immer auch Schmerz und umgekehrt. Krisen werden nicht immer erfolgreich bewältigt, oft genug im Leben haben wir lange Zeit an seelischen oder körperlichen Schmerzen zu tragen. Beschreiben Sie eine schmerzhafte Erfahrung, einen Verlust, ein Leid aus Ihrem Leben. Aber: Suchen Sie sich Halt in einer stabilen schriftlichen Form. Schreiben Sie einige Sätze auf ein Blatt. Fassen Sie nun Ihre Erfahrungen in einem Satz zusammen und finden Sie nun ein Symbol für die Aussage in diesem Satz.

8.1. Die Prinzhornsammlung

Gestalttherapeutisch mit Sprache wurde bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gearbeitet. Wobei zu dieser Zeit weder vom Creative Writing noch von Gestalttherapie gesprochen wurde. Dennoch zeigen die gesammelten Texte bereits gestalttherapeutische Züge. Der Münchner Nervenarzt und Psychologe Hans Prinzhorn beginnt im Jahre 1919 „bildnerische Arbeiten von Geisteskranken" zu sammeln. Es ergibt sich, dass neben den visuellen Arbeiten dieser Menschen Texte entstehen, die sich in einer kreativen Korrespondenz zum literarischen Zeitgeist bewegen. Der österreichische Schriftsteller Joseph Schreyvogel, so ist es überliefert, bediente sich dieser Texte, um seine eigenen Sprachräume zu erweitern. Die Bilder, Collagen, Grafiken, Bücher und Handschriften der PatientInnen erregten das Interesse der damaligen Literatur und Kunstbewegung. Die Sammlung aus Bildern und Texten ist heute international als Prinzhornsammlung bekannt.

IM FUCHS-RIET
EIN SPRINGBRUN-
NEN FLIEST
SPRUDLND
AUF SONNIGER
HEIDE UNTER
DEM SELB EIN
KINDCHEN LIEGT
TRAURIG IM
SCHWARZEN
KLEIDE (...)

(Else Blankenhorn)

Dieser Vers ist dem Schreibbuch Else Blankenhorns, mit dem Titel Schizophrenie (Inventur Nummer: 4318b fol. 6 verso), entnommen.
Im Jahre 1922 erscheint im Springer Verlag ein Aufsehen erregendes Buch. Hans Prinzhorn gibt seine Sammlung unter dem Titel „Bildnerei der Geisteskranken“ heraus. Eine Erkenntnis dieser Publikation ist, dass Wahnsinn und Kreativität ganz dicht beieinander liegen (können).

Zum Vergleich vielleicht hier noch ein Gedicht von Friedericke Mayröcker aus dem Jahre 1981, als Ausblick in die „vergangene Gegenwartslyrik“.

Zypressen

es windet
weisz, der
vogel
Knarrt im
Wald –
umhalsend
zarte Fremdheit
wenn
die Knospe
welkt

(Friederike Mayröcker)

Das klassische Haiku zählt ebenfalls zu den Dichtungen, die der Heilenden Poesie zugeordnet werden.

8.2. Das Haiku – Die Meditation der Silben

Das lyrische Formengebilde des Haiku ist aus gestalttherapeutischer Sicht eine wirksame Dichtkunst, die sehr dazu geeignet ist, Heilprozesse zu aktivieren. Die lyrische Form des Haiku bewegt sich in einer Textkulisse von drei Zeilen, beschränkt auf siebzehn Silben. Diese Dichtkunst hat in Japan eine lange Tradition; wobei sich die Anfänge jener ursprünglich japanischen Lyrik im Niemandsland der schriftlosen Vorzeit verlieren.

8.2.1. Die Wurzeln der Haiku Dichtung

Das Haiku ist vermutlich eine der ältesten Kurzformen der Dichtung, die wir in der Literaturwissenschaft kennen. Seit etwa 1600 Jahren wird in Japan diese Dichtung gepflegt. Aber erst im 19. Jahrhundert wurde der Begriff Haiku von dem japanischen Dichter Shiki geprägt. Vorher sprach man von der Tanka Dichtung. Die Ursprünge dieser Dichtkunst sind nicht unbedingt identisch mit dem Haiku, wie wir es heute kennen.

Das Tanka mit seinen fünf Zeilen wird als eine der Urformen dieser Dichtung angesehen. Ein Tanka hat fünf Zeilen, das Haiku nur drei. Shiki ließ in seiner Dichtung die letzten zwei Zeilen des Tankas weg. Er benutzte nur das „Hokku“, den so genannten ersten Stollen, der aus drei Zeilen besteht. Aus dem Begriff des Hokku entwickelte sich später das Wort Haiku. Die alten MeisterInnen kannten den Begriff Haiku noch nicht.

Das Wort „Haiku“ bedeutet übrigens im Japanischen „Uta“, eine Ableitung von „uta-u"; wörtlich übertragen bedeutet dies: Gesang. Haiku Gedichte wurden zu Beginn ihrer „lyrischen Evolution“ singend vorgetragen: ein Hinweis darauf, dass Haiku Gedichte ein rhythmisches Klangerlebnis mit dem Medium Sprache ausdrücken.
„Die Regeln der japanischen Verskunst sind äußerst einfach, sie verlangen weder Reim noch Silbenmaß. Das Besondere liegt darin, dass die Zeilen immer abwechselnd aus 7 oder 5 Silben bestehen“ (Hasumi 1986: 12).

blätter winken grün
früchte süss und reif – nehmen
abschied vom sommer

(Ina Leisenheimer)

8.2.2. Was ist ein Haiku?

Wir erkennen ein Haiku daran, dass es immer drei Zeilen hat. Diese drei Zeilen wiederum haben eine festgelegte Silbenform, die dem Haiku in seiner Gesamtheit seine unverkennbare Sprachmelodie verleiht.

Die erste Zeile eines Haiku (Haiku wird im Plural übrigens ohne „s“ geschrieben) hat fünf Silben, die zweite sieben und die dritte Zeile wiederum fünf Silben. Mit insgesamt siebzehn Silben in drei Zeilen ist es mit dieser Dichtform möglich, eine Impression zu transportieren, die durch die Zusammenstellung von Worten, Sprache zur Minimal Art mit großer Nachwirkung werden lässt.

Im Folgenden ein Haiku, das ich geschrieben habe, als der Golfkrieg Anfang der 90er des vergangenen Jahrhunderts ausgebrochen war.

apokalypse
in den nachrichten der welt
und laub fällt vom baum

(Rüdiger Heins)

Das optische Erscheinungsbild dieses Haiku ist klar. Drei Zeilen bilden die Textkulisse. Doch nun untersuchen wir etwas näher die Struktur der Silben:

Erste Zeile:
a / po / ka / lyp / se (fünf Silben).
Mit einem Wort, dem Begriff der Apokalypse beschreite ich hier in der ersten Zeile den Weg der fünf Silben.

Zweite Zeile:
in / den / nach / rich / ten / der / welt (sieben Silben).Die zweite Zeile korrespondiert mit der ersten. Der durch die apokalyptischen Reiter bekannte Begriff der „Apokalypse“ aus dem Alten Testament. Die Verwebung (Texten ist nichts anderes als das Verweben von Worten. Das lateinische Wort „textus“, dem unser Begriff Text abgeleitet ist, bedeutet „verweben“) von Worten wird hier aus der alttestamentlichen Zeit mit einer Redewendung des 21. Jahrhunderts verwoben.
apokalypse / in den nachrichten der welt /
In der Silbenstruktur ist erkennbar, dass wir es in der zweiten Zeile mit insgesamt sieben Silben zu tun haben.

Dritte Zeile:
und / laub / fällt / vom / baum (fünf Silben).Hier steht jedes Wort für eine Silbe. Deswegen erscheinen die Querstriche immer jeweils hinter einem Wort und nicht wie in den beiden ersten Zeilen, in den einzelnen Worten.
Diese letzte Zeile bezieht sich übrigens im klassischen Sinne auf die Jahreszeit, in der diese Zeilen geschrieben wurden. Das vom Baum fallende Laub weist eindeutig auf den Herbst hin.

Haiku mit der Begrenzung auf siebzehn Silben lässt sich so erklären, dass wir einen Atemzug benötigen, um diese siebzehn Silben auszusprechen.

Schreibübung

Versuchen Sie nun aufgrund der Informationen, die Sie über die Haiku Dichtung bekommen haben, ein eigenes – Ihr erstes – Haiku zu schreiben. Sie können dabei folgendermaßen vorgehen:Nehmen Sie sich ein leeres weißes (unliniertes) Blatt und einen Bleistift. Jetzt zeichnen Sie auf diesem weißen Blatt die einzelnen Silben vor:

1. Zeile: ____ ____ ____ ____ ____
2. Zeile: ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____
3. Zeile: ____ ____ ____ ____ ____

Im folgenden Kapitel beschäftige ich mich mit einer traditionellen Form der Dichtkunst, die das Sprachgefühl fördert. Da es sich um eine klassische Reimform handelt, ist sie gut dazu geeignet sie in der sozialen Arbeit einzusetzen.

Rüdiger Heins
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07.06. Hannover, Musiktheater Bad
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20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

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