Gute 90 Jahre später erleben wir die verstärkte Hinwendung der Literatur zur einem der Psychiatrie eng verwandten medizinischen Fachgebiet: der Neurologie. Neurologen beschäftigen sich mit Erkrankungen des Nervensystems sowie des Gehirns und arbeiten in der Regel als niedergelassene Ärzte, im Krankenhaus oder an Forschungsinstituten. Von dort aber werden sie mittlerweile von zahlreichen Schriftstellern der Gegenwart in ihre Romane geholt, sprich: fiktionalisiert.
Die derzeit wohl bekanntesten dieser Autoren sind der Brite Ian McEwan und der US-Amerikaner Tom Wolfe. In McEwans neuem Roman „Saturday“ darf ein Neurochirurg sogar den Protagonisten abgeben. Das Buch spielt an einem einzigen Samstag, an dem Henry Perowne mal Auszeit von seinen vertrauten Schädelsägen und Gehirnwindungen nimmt und ein ganz normales Wochenende plant. Doch dazu kommt es nicht und am Ende steht der Hirnchirurg wieder im Operationssaal, beschäftigt mit einer komplizierten Schädelfraktion, an der er nicht ganz unschuldig ist.
In seinem ebenfalls im Herbst veröffentlichten Roman „Ich bin Charlotte Simmons“ führt Tom Wolfe seine Hauptfigur, eine christlich-hinterwäldlerische Studentin, ins urbane und sexuell aufgeladene Flair einer Elite-Universität und ganz nebenbei auch noch in die Welt der neurologischen Forschung und Lehre. Diese bildet nur einen Nebenstrang des Buches, aber Wolfe hat der Handlung den Bericht eines späteren Nobelpreisträgers über ein neurobiologisches Experiment an Katzen aus den achtziger Jahren vorangestellt. Es weist mehr als nur erstaunliche Ähnlichkeiten zum Romanplot und seinem Spannungsrahmen zwischen genetischem Determinismus, sozialem Konformitätsdruck und individuellem freien Willen auf.
Der im Januar erschienene Roman „Die Gedächtniskünstler“ des kanadischen Autors Jeffrey Moore lässt sich noch stärker auf reale oder vermeintliche Untersuchungen aus der Neurologie ein. An diesem Werk kann man gut verdeutlichen, welches Spektrum der psychologischen und physiologischen Hirnforschung momentan in der Literatur Platz hat und umgehrt: Wie also die Literatur auf die Neurologie zurückwirkt, bestimmte Fragen aufwirft oder sogar Antworten anbietet.
Ähnlich wie Wolfe führt auch Moore bereits im Vorwort einen Gehirnexperten ein. Der Neuropsychologe Emile Vorta beginnt das Buch mit den Worten: „Das Folgende ist eine wahre Geschichte. Mehr als zwanzig Jahre habe ich ein faszinierendes Individuum studiert, einen hypermnesischen Synästhetiker, den ich in zahlreichen meiner Monographien und Handbücher als ,NB’ bezeichnet habe. Gegen Ende unserer Beziehung kamen NB und seine Mutter (SB) im Winter/Frühjahr 2002 in Kontakt mit drei Teilnehmern (NXB, SD, JJY) von Gedächtnisexperimenten, die ich durchführte oder überwachte“.
„NB“, das ist der in Montreal lebende Noel Burun. Seine Erinnerungsfähigkeit geht weit über das „normale Maß“ hinaus, was mit dem Fachbegriff Hypermnesie bezeichnet wird. Zudem ist sie an Farb- und Tonwahrnehmungen gekoppelt. Damit ist er einer der wenigen so genannten Synästhetiker. Sie können beispielsweise gehörte Buchstaben farbig sehen, Musik auch als Linien wahrnehmen oder Zahlen mit einem Geschmack verbinden.
Seine Mutter Stella (SB) ist an Alzheimer erkrankt und kämpft mit Hilfe des Sohnes, der verzweifelt ein die Krankheit stoppendes oder verlangsamendes Medikament zu entwickeln versucht, gegen das Vergessen. Das genaue Gegenteil davon, also sich bloß nicht erinnern, will Norval Xavier Blaquière (NXB), ein Freund Noels, der zu diesem Zweck alle verfügbaren Drogen nimmt. Ergänzt wird das Romanpersonal von weiteren Freunden Noels, Samira Darwish (SD), die noch nicht genau weiß, ob sie lieber vergessen oder sich erinnern möchte, und Jean-Jacques Yelle (JJY), einem stets gut gelaunten und begnadeten Selbstdarsteller mit starken Vorlieben für Alternativmedizin (inklusive Drogen) und gesunde Ernährung.
Moore mischt erzählende Passagen mit Tagebucheinträgen aller handelnden Figuren und einem kommentierenden Fußnotenanhang Dr. Vortas. Noel etwa vergleicht sein Gedächtnis mit einem Computer, „in den man mehr Daten eingibt, als er verarbeiten kann. Verlangsamt sich, bleibt hängen, stürzt ab, Neustart – mein Leben in Kurzform.“ Stella teilt ihrem Tagebuch mit, wie sie den Beginn ihrer Krankheit erlebt: „Alzheimerland ist ein fremder Kontinent. Die Zeit bewegt sich hier anders, die Kalender sind ungenau, die Tage und Monate vermischen sich wie Spielkarten. Und auch der Raum ist anders – das Land scheint zu schwanken, die Straßenschilder bewegen sich.“
Ähnliche Passagen finden sich über Depressionen, Drogen induzierte Veränderungen der Wahrnehmung, narzisstische Persönlichkeitsstrukturen, das fotografische Gedächtnis, Schlaf („Testlauf des Todes“) und Schlafstörungen, posttraumatische Stressstörungen, Dysfunktion und Regeneration von Nerven, Gehirntraining („Neurobics“), Demenz, halluzinatorische Formkonstanten oder die Gehirnfunktion von Kunst „als Methode der Wahrheitsfindung“.
Moore verwandelt dabei offensichtlich therapeutische Protokolle, neurologische Fachaufsätze und Patientenaufzeichnungen in Literatur - wenn auch leider häufig in recht seichte. Seine in Monolog- oder Dialogform gebrachte Kritik am Profitstreben von Pharmakonzernen und medizinischen Instituten ist sicher nicht falsch, wirkt aber meistens moralisierend und hilflos. Stark hingegen sind jene Passagen, in denen er auf die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Forschung zu sprechen kommt und beispielsweise zeigt, wie die an Hypermnesie grenzende Erinnerungsarbeit des französischen Schriftstellers Marcel Proust oder die Literatur der Synästhetiker Vladimir Nabokov oder Arthur Rimbaud die neurologische Forschung beeinflusst haben könnten.
Im Fußnotenanhang etwa schreibt Dr. Vorta Rimbauds Aufzeichnungen über die eigenen synästhetischen Beobachtungen, vor allem aber Nabokovs in „Sprich, Erinnerung, sprich“ formulierten Entsprechungen von Buchstaben und Farben große Bedeutung zu. Nabokov schreibt: „Das a des englischen Alphabets hat für mich die Farbe verwitterten Holzes, während ein französisches a mich an poliertes Ebenholz erinnert. Diese schwarze Gruppe enthält außerdem das g (vulkanisierter Kautschuk) und das r (ein rußiger Lappen, der zerrissen wird).“ Auch wenn es sich bei den Auslassungen Vortas um Prosa, also Fiktion handelt, wäre es denkbar, dass Rimbaud und Nabokov der Hirnforschung die ersten synästhetischen Zuordnungsmodelle und damit die Grundlagen für weitere Forschungen lieferten.
Kurz: Der Roman „Die Gedächtniskünstler“ forciert die literarische Autopsie der Neurologie, macht dabei aber nur kleine Fortschritte. Weitere, bessere Bücher werden folgen, da die neurologische Forschung derzeit selbstbewusst in die Öffentlichkeit drängt, von mehr oder weniger bekannten Autoren neugierig beobachtet.
Außerdem dürfte allein schon das gemeinsame Interesse von Schriftstellern und Neurologen am menschlichen Intellekt, seinen Fähigkeiten und Ausdrucksformen, für dauerhaftes Interesse aneinander sorgen. Vermutlich wird man aber erst in ein paar Jahren oder Jahrzehnten sagen können, ob die Neurologie die Literatur des 21. Jahrhunderts so sehr zu beeinflussen vermag wie es die Psychologie mit der Dichtung des 20. Jahrhunderts vermochte.
Im April erscheint übrigens die Dissertation „Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose“ des anfangs erwähnten Alfred Döblin erstmals als Buch. Darin untersucht der Schriftsteller Zusammenhänge zwischen literarischem Schreiben und psychotischen Wahnbildern. Die Dissertation wurde im Jahr 1905 verfasst. Es scheint, als sei sie heute aktueller denn je.
Maik Söhler

Jeffrey Moore: Die Gedächtniskünstler, Eichborn 2006, 392 Seiten, 22,90 Euro

Ian McEwan: Saturday, Diogenes 2005, 392 Seiten, 19,90 Euro

Tom Wolfe: Ich bin Charlotte Simmons, Blessing 2005, 800 Seiten, 24,90 Euro

Alfred Döblin: Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose, Tropen 2006, 112 Seiten, 16,80 Euro (Erhältlich ab April)