Die neue Reihe "Literaturwunderland Ungarn" startet
17.05.2006
Das Hier, das Dort oder das Nirgendwo „Literaturwunderland Ungarn“ heißt eine neue, in auffälligem Blau gestaltete Taschenbuch-Reihe, die der Budapester Kortina Verlag in anspruchsvollen Übersetzungen auf den deutschsprachigen Markt bringt. Die ersten beiden Bände sind viel versprechend: Sie präsentieren einen modernen Klassiker sowie einen „jungen Wilden“.
Die ungarische Literatur hat seit dem Ende des Kommunismus, vor allem aber in den letzten Jahren deutlich an internationaler Reputation gewonnen. Der überzeugende Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse im Jahr 1999 und der bald darauf folgende Nobelpreis für Imre Kertész haben dazu beigetragen. Dennoch scheint dieser Erfolg für das relativ kleine und im Vergleich zum Westen oft als arm bezeichnete Land im östlichen Mitteleuropa überraschend. Schauen wir uns allerdings die (aus Platzgründen hier nur unvollständig geführte) Liste der erfolgreichen ungarischen Autoren an, darf man sich getrost verneigen.
Aberwitzig fabulierend und wunderbar eigenwillig
Verneigen vor modernen Klassikern wie Sándor Márai, Antal Szerb und Dezsö Kosztolányi, die wieder oder neu entdeckt wurden und deren Bücher besonders in Deutschland mit Begeisterung gelesen werden. Vor dem unvergleichlichen, aberwitzig fabulierenden und klugen Péter Esterházy ebenso wie vor Péter Nádas, die zusammen mit Kertész das Triumvirat der zeitgenössischen ungarischen Literatur bilden und zu den großen europäischen Autoren zählen. Weiterhin sind Györgi Konrád und der wunderbar eigenwillige, immer noch als Geheimtipp geltende László Krasznahorkai zu nennen, aber auch junge Hoffnungsträger wie László Darvasi oder Péter Zilahy. Nicht zu vergessen Terézia Mora, die zu unserem Glück zwar in einer traumhaften deutschen Sprache schreibt, als Übersetzerin aus dem Ungarischen aber ebenfalls Bedeutendes leistet.
Der Budapester Kortina Verlag hat die Gunst der Stunde genutzt und mit den ersten zwei Ausgaben seiner schönen, preiswerten Taschenbuchreihe „Literaturwunderland Ungarn“ die beiden vorherrschenden Tendenzen bezüglich der ungarischen Literatur aufgegriffen. Zum einen Neu- oder Erstübersetzungen alter Meister, die eine längst vergangene Zeit (zumeist die des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs) wiederaufleben lassen. Zum anderen die durch sprachliche Virtuosität, grandiose Bilderwelten und spezifischen Humor beeindruckende aktuelle Prosa, die uns einen Einblick in die Mitte sowie in die Randgebiete der modernen ungarischen Gesellschaft ermöglicht.
Ungarischer Törleß
Géza Ottliks „Die Weiterlebenden“ ist die erste deutschsprachige Ausgabe eines bereits 1949 fertig gestellten Romans, der erst fünfzig Jahre später, nach dem Tod des Schriftstellers in Ungarn veröffentlicht wurde. Ottlik, der in seiner Heimat als bedeutender Autor gilt, ist außerhalb Ungarns kaum bekannt. Allenfalls sein auch in der DDR erschienener Roman „Schule an der Grenze“, zu dem das jetzt von Éva Zádor ins Deutsche übertragene Buch eine Art Vorstufe und Komplementärstück bildet, ist Kennern der magyarischen Literatur ein Begriff.
„Die Weiterlebenden“, zu Beginn der zwanziger Jahre in einer Militärschule im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet der Doppelmonarchie spielend, steht in der Tradition des Schüler- und Internatsromans. Man fühlt sich an Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ erinnert, auch wenn die zehn- bis vierzehnjährigen Protagonisten bei Ottlik einige Jahre jünger sind. Es geht dennoch, ähnlich wie bei Musil, um den Gegensatz von Individuum und Kollektiv, um Machtkämpfe, Gruppenzwang, Aggression, Täter- und Opferrollen, um Schuld, Grenzüberschreitungen und erste sexuelle Erfahrungen.
Neben der wunderbaren Sprache Ottliks, der eigentlichen Heldin dieses Buches, ragt die Figur des Schülers Damjáni heraus. Der beschützenden Obhut der Elternwelt in Budapest entrissen, werden die Ereignisse aus seiner Perspektive geschildert. Der Autor hat ihm die Rolle des nüchternen Beobachters übertragen, die manchmal allerdings im Widerspruch zu der „abenteuerlichen, tragisch-lächerlichen“ Sicht des Kindes zu stehen scheint; gerade wenn Damjáni selbst Opfer der unmenschlichen militärischen Erziehung sowie der Gewalttaten einer die Mitschüler terrorisierenden Gruppe wird.
Ottlik, der in seinem Debüt mit der Technik des modernen Romans arbeitet und den Verlust des ganzheitlichen Weltbildes abbildet, der gegen militärischen Drill und erste Postulate eines sozialistischen Realismus im Nachkriegsungarn anschreibt, hat das vermeintliche Paradoxon von kindlicher Perspektive und rational registrierender Beobachterposition bewusst gewählt. Denn Damjáni erscheint „der tiefe innere Ekel, der ihm auf einmal die Lust zu allem nahm, schon beinahe als der natürlichste Geschmack der Welt.“
Zigeunerzeiten
In eine gänzlich andere Welt führt uns der 1973 geborene Lyriker und Prosaautor Tamás Jónás mit seinem Buch „Als ich noch Zigeuner war“. Dennoch gibt es etwas Verbindendes mit dem Roman Ottliks: die Perspektive des Kindes. Die autobiografischen Geschichten, die unter dem Titel „Zigeunerzeiten“ den ersten Teil des Buches bilden, sind sämtlich aus der Sicht des jungen Tamás erzählt. „Ich konnte mich nicht entscheiden, so sehr ich auch wollte, was jetzt wertvoller, bedeutender wäre: das Ich, das Sie oder das Wir. Das Hier, das Dort oder das Nirgendwo.“ Diese Texte – in ihrer poetischen Problematisierung des Gegensatzes von individualisiertem Dichter-Ich und Gruppenkodex der Roma fesselnder als die märchenartigen Erzählungen des zweiten Teils – sind eine kleine Sensation.
„Ich fühlte“, schreibt der von Familie und Volk getrennt lebende Dichter, „noch etwas von dem Zigeunerblut in mir, das mir diktierte, nichts zu tun.“ Péter Esterházy hat die Qualitäten des jungen Roma-Dichters früh erkannt und ist zu einer Art Förderer geworden. Jónás’ Erzählungen beeindrucken durch atemberaubenden Bilderreichtum und einen expressiven, die traditionell mündliche Überlieferung der Zigeuner fingierenden Stil. Sie sind fragment- und sprunghaft, folgen keiner chronologischen Ordnung und ziehen den Leser sofort in den Bann, obwohl sie neben den Jugendabenteuern aus Familienerlebnissen, Schulerfahrungen und erster Liebe auch von schrecklichen Dingen berichten: dem prügelnden Vater, der sich prostituierenden Schwester, den Betteleien der Mutter und anderen Gesichtern der Armut.
Wegen zu hoher Schulden (dieser Tatbestand wurde in Ungarn einmal mit Freiheitsentzug bestraft) werden die Eltern ins Gefängnis gesperrt, während die Kinder zuerst in verschiedene Heime, später zu Pflegeltern kommen, die ihrerseits wegen Grausamkeit und massiver Vernachlässigung der Fürsorgepflicht verurteilt werden. Tamás gebraucht übrigens für sich selbst und seine Familie den Ausdruck „Zigeuner“ (ungarisch „cigány“), den ein Großteil der Sinti und Roma als diskriminierend ablehnt. Denn nicht erst seit dem in der Öffentlichkeit wenig präsenten Holocaust an den Sinti und Roma (es gibt bezeichnenderweise keine genauen Zahlen – Schätzungen liegen zwischen 20.000 und 1,5 Millionen Ermordeten), sondern spätestens seit dem Mittelalter ist das uralte, ursprünglich aus Persien und Indien stammende Volk unter dem klassifizierenden Begriff „Zigeuner“ Verfolgungen ausgesetzt gewesen.
Stolz auf meine Schwester, die Hure
Tamás verliert kein Wort über den Holocaust. Seine von Clemens Prinz einfühlsam übertragenen Geschichten spielen in der nahen Vergangenheit oder im Hier und Jetzt, in den Randgebieten der ungarischen Gesellschaft. Sie sind entsetzlich Mitleid erregend, unglaublich komisch und spannend zugleich. Die bedrückende Armut der Familie und die Diskriminierung der Zigeuner; die Aufforderung der eigenen Eltern, der fleißig zur Schule gehende Tamás möge nicht so gebildet daherreden wie die Gadschos, die Nicht-Zigeuner – all dies wird, erzählt aus der Perspektive des mal erniedrigten, dann wieder emphatisch liebenden oder mit schwarzem Humor bewaffneten jugendlichen Erzählers, zu einem literarischen Ereignis.
Es gibt neben der lakonischen Bestätigung einiger Vorurteile über die Zigeuner auch Kritik am eigenen Volksstamm, an der zum Teil selbst gewählten Isolation, an den dennoch innig verehrten Eltern und dem kriminellen Bruder. Vor allem aber sind es wundervoll vor den Kopf stoßende Formulierungen wie die folgende, wenn Tamás über seine geliebte Schwester spricht, die dieses Buch zu etwas Besonderem machen: „Mit einem Wort: Hure. Zsusi war eine Hure. Ein bisschen stolz war ich schon auf sie. Da gehört ja was dazu. Eine Hure in der Familie. Und ich werde Dichter.“
Mathias Schnitzler
Géza Ottlik: Die Weiterlebenden. Roman. Aus dem Ungarischen von Éva Zádor. Kortina, Budapest 2006. Klappenbroschur, 204 S., 10 Euro. ISBN 9-638626976
Támas Jónás: Als ich noch Zigeuner war. Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz. Kortina, Budapest 2006. Klappenbroschur, 213 S., 10 Euro. ISBN 9-6338626968
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Back for good
Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.
Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!
Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und 20 Jahren ...
Vorschlag zur Güte
Reiß mir bitte reiß mir doch
in meinen Etat ein Loch
stopf zwei drei deiner Sorgen rein
und bald wird wieder Frühling sein
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
Ecce Homo
»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Lämmer in der Obhut von Wölfen
Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Raubbau an Körper und Seele
In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...
No sleep till Pixel
Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...
Is it the end...my friend?
Nach dem Ende des dritten Teiles der Mass-Effect-Trilogie ist es Zeit,, völlig nüchtern Bilanz zu ziehen: RUDOLF INDERST will vollkommen sachlich über ein Spiel-Dreigespann ...
Kind sein, der moderne Vollzeitjob
Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...
|