Die Idee des „Letzten Menschen“ (ebenso wie die des „Ersten Menschen“) beschäftigte schon Jean Paul mehrfach. Das ist nicht verwunderlich bei diesem größten Phantasten & Imaginisten der deutschen Literatur, der zugleich Philosoph und Metaphysiker war. Aber
erzählt hat er sie nicht, wenn man seinen metaphysischen Albtraum der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ nicht doch für eine philosophisch-theologische
Erzählung hält. Aber es geht ja um die
Menschen & deren letzten auf dem Erdenrund.
Der letzte & einzige Mensch in einer fortdauernden, vom Menschen geschaffenen Welt der Dinge zu sein, ist aber nun das Sujet des Romans „Die Arbeit der Nacht“, den der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic eben bei Hanser veröffentlicht hat. Ein literarisches Ereignis - wie die deutschsprachige Kritik jubelt.
Bis auf Maike Albath, die in der FR darin eher eine „Männerphantasie“ entdeckt zu haben meint, sich im zweiten Teil des fast 400 Seiten starken Buchs gelangweilt hat und die es lieber gesehen hätte, wenn der einsame Held namens Jonas (im Bauch der menschenleeren Welt Wiens und später Europas) seine vermisste Frau wiedergefunden hätte, damit es (im Geschlechterkampf ?) „spannend“ geworden wäre: - bis auf diese
eine abweichende Stimme hat der Literaturbetrieb & die Kritik für den bislang nur mit einem Auge kaum wahrgenommenen vierunddreißigjährigen Autor jetzt beide Augen staunend, bewundernd & begeistert aufgerissen und Thomas Glavinic für den literarischen „Einfall“, der sich „etwas großmäulig und menschheitsparabelartig anhört, aber genial ist“ (Iris Radisch), über die Maßen gelobt.
Allen voran Glavinics Wiener Freund Daniel Kehlmann, der Shootingstar der letzten Saison mit seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“. Als Herold des großen Ereignisses war er der Bewundererschar voraus geeilt & hatte im „Spiegel“ mit einem zweiseitigen Hymnus das „wundersam große Buch“ als „Thomas Glavinics Meisterwerk“ gerühmt.Die Bewunderung für das außergewöhnliche Buch, dem nicht nur Kehlmann attestiert, ein „philosophischer Roman“ über „die Abwesenheit“ und „die Angst und ihre viele Spielarten“ zu sein, sondern auch Iris Radisch „Pascalsche Dimensionen“ zuspricht, beruht vor allem auf seiner „simplen Grundkonstellation“ (Kehlmann), die jedoch ebenso einfach wie einzigartig erscheint.
Dass ein Mensch eines Tages erwacht und die Welt um ihn herum entblößt von allen Menschen vorfindet, ist ja schon ein haarsträubender Einfall existenzieller Welt-Verlassenheit, der nicht so häufig in der Welt-Literatur vorkommt wie die Entdeckung eines Ehebetrugs oder einer Leiche im Keller. Nur Gregor Samsas Selbst-Erfahrung in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, der eines Morgens als Insekt mit Käferbeinchen erwacht, könnte es als Choc damit aufnehmen.
Von einer „kafkaesk-orwellschen Situation“ spricht dann auch ein Rezensent, während andere jüngere sofort an „Horrorfilme“ denken, die ihnen als Schreckenserlebnisse näher sind als die Literatur. Auch Kehlmann entdeckt in „Die Arbeit der Nacht“ seines Freundes „Anspielungen auf Horrorfilme und Gothic Novels“, wenngleich er „ein postmodernes Spiel mit Genres“ in dem solipsistischen Roman
nicht sehen will.
Ein das Buch rezensierender Kenner der Trivialliteratur behauptet, Glavinics Grundeinfall sei dem „uralten SF-Schmöker 'I am a Legend' von Richard Matheson“ verwandt, während der Kritiker der „Neuen Zürcher Zeitung“ gleich davon spricht, dass sich das Buch „in die große Tradition österreichischer surrealer Endzeit-Literatur von Kafka über Kubin und Lebert bis Ransmayr einreiht“. Auch erwähnt er, dass der österreichische Schriftsteller Peter Rosei 1975 ein Buch mit dem Titel „Entwurf für eine Welt ohne Menschen“ geschrieben habe.
Der österreichische Kritiker Ulrich Weinzierl (in der „Welt“) verweist auf eine Stelle in Peter Handkes 1973 veröffentlichten Theaterstück „Die Unvernünftigen sterben aus“, wo von einer Figur der von Thomas Glavinic imaginierte Weltzustand skizziert wurde. Andere aber deuten, wie Alex Rühe in der SZ, der von einem „geradezu tollkühnen Experiment“ spricht, auf Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ hin, die (wie Daniela Strigl im „Standard“ bemerkt) ihre „Icherzählerin in die Waldeinsamkeit gesperrt“ hat, wo „die Städterin mit ein paar zugelaufene Tieren in der Wildnis überleben“ muss.
Dem deutschen Rezensenten Rainer Moritz in der Wiener „Presse“ fällt neben Haushofer sogar noch Arno Schmidts frühe Erzählung „Schwarze Spiegel“ ein, an die womöglich die ahnungslose Maike Abarth gedacht hat, als sie das letzte menschliche Paar in Glavinics Roman vermisste, das Arno Schmidt in seinem menschlichen Endspiel in der Lüneburger Heide nach einem Atomkrieg sich noch einmal über den Weg laufen lässt.
Aber keiner der heute mit dem schockierenden erzählerischen Grundeinfall Thomas Glavinicskonfrontierten und zurecht darüber staunenden Rezensenten hat noch eine Erinnerung daran oder mehr noch (& wahrscheinlich der Autor ebenso)
eine Kenntnis davon, dass vor 15 Jahren im nicht gerade unbekannten Insel-Verlag ein Buch erschienen ist, das eben diese Idee des „Letzten Menschen“ von Grund auf erzählerisch durchreflektiert hat.
Es war zugleich das letzte Buch des unglücklichen, nämlich mit seinem Oeuvre zu Lebzeiten unpublizierten italienischen Schriftstellers Guido Morselli (1912/73) und heißt in der deutschen Übersetzung Ragni Maria Gschwends: „Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit“.
Dem Autor, einem vermögenden norditalienischen Industriellen und hochgebildeten, unaufdringlichen Intellektuellen, der den „Möglichkeitssinn“ des Musilschen „Mann ohne Eigenschaften“ in allen seinen fünf Romanen favorisierte (siehe
hier), war endgültig gelungen, woran der Letzte Mensch seines kurz zuvor als Lebens-Abschied geschriebenen Romans
gescheitert war: der Selbstmord.
Als Morsellis Held, der sich vierzigjährig an einem 2. Juni in einer Höhle mit Barbituraten umbringen will, am Ende der Nacht wieder aufwacht, hat sich die Menschheit „verdunstet“, wie es ein von ihm zitierter griechischer Philosoph sich vorgestellt hatte. Geblieben sind von den Menschen nur ihre materiellen Hinterlassenschaften in der Stadt „Chrysopolis“ – erkennbar die Geldmetropole Zürich, in der nun langsam die Natur der Pflanzen zu wuchern & die die Kühe zu weiden beginnen. Was für eine brillante ironische Idee: der Selbstmörder als einziger Überlebender!
Morsellis Roman, der vier Jahre nach seine Tod in Italien und siebzehn Jahre später in Deutschland erschien, ist damals von der deutschen Kritik mit Respekt & Bewunderung wahrgenommen worden: Als ebenso eindringliche wie stille, jedoch unübersehbar originelle und schockierende „Apokalypse der menschlichen Gattung“ (Thomas Wagner in der FAZ) und als eine „hochentwickelte Sprachphantasie“ und als ein außerordentlich abgründiger, brillanter
philosophischer Roman, der auf die „Zumutungen der Wirklichkeit und solche Worte wie ‚Gesellschaft’, ‚Öffentlichkeit’, ‚Industrie’ mit Intelligenz & Sarkasmus reagiere, wie Rudolf Grimmiger in der SZ über diesen
ersten Roman eines
Letzten Menschen schrieb.
Tempi passati - nämlich längst ganz & gar vergessen, wie sein Autor, der nur postum für den kurzen Moment einer verglühenden Sternschnuppe am Horizont der Literaturwahrnehmung aufgeleuchtet war. Es ist aber schon erstaunlich, wie sogar ein sowohl solitärer als auch exzentrischer literarischer Einfall, dem Guido Morselli & Thomas Glavinic ihre außerordentlichen Romane verdanken, im Gedächtnis einer Leser- & Kritiker-Generation nicht als Kontinuität & Variation präsent blieb, sondern von der „Furie des Verschwindens“ wie die Menschheit in beiden Büchern „verdunstet“ ist. Nicht aber Morsellis „Dissipatio humani generis“. Der Roman ist als Band der „Bibliothek Suhrkamp“ noch liefer-, also auch nachlesbar. André Gide meinte schon: „Man muss alles wiederholen, weil alles vergessen wird“.
Wolfram Schütte