Museum und Zeitgenossenschaft
12.11.2006
Veranstalten wir ein Gedankenexperiment: Ein Mal im Jahr zeigen die Kinos der Stadt und ein paar zusätzliche Leinwände Höhepunkte der Filmproduktion der vergangenen Saison. Eine Kolumne von Thomas Rothschild.
Ansonsten, zwölf Monate lang, bekommen wir vorwiegend „Panzerkreuzer Potemkin“ zu sehen und „Citizen Kane“, „Die Kinder des Olymp“ und „Das Cabinet des Doktor Caligari“, „Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“ und „Die Regenschirme von Cherbourg“, „Letztes Jahr in Marienbad“ und „Wilde Erdbeeren“, „Jules und Jim“ und „Außer Atem“, „Key Largo“ und „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“, „Die Ewigkeit und ein Tag“ und „Alice in den Städten“.
Was belegt dieser scheinbar absurde Gedanke? Dass mit der Filmkunst anders umgegangen wird als, zum Beispiel, mit der Musik. Während im Konzert- und Opernalltag die aktuelle Produktion Ausnahme bleibt, oft als ungeliebte Provokation zwischen zwei lang bewährte „Klassiker“ geschmuggelt wird, besitzt sie im Kino ein Monopol. Nun mag man einwenden, dass auch ein Bach und ein Beethoven, ein Schubert und ein Bartók jedes Mal „neu“ sind, wenn sie von anderen Musikern, anderen Dirigenten interpretiert werden, während ein Film, ist er erst einmal abgedreht, bei jeder Aufführung gleich bleibt. Aber für junge Menschen, die niemals Gelegenheit hatten, die genannten Filme (jedenfalls auf der großen Kinoleinwand) zu sehen, sind diese ebenso neu wie für das Publikum einst im Jahr ihrer Entstehung.Komponisten sind darauf angewiesen, dass ihre Werke nicht nur als Partituren bei Verlagen verstauben, sondern zu Gehör gebracht werden. Das spricht für einen größeren Anteil zeitgenössischer Musik im Repertoire, wie auch Theater gegenüber lebenden Dramatikern eine kulturelle Verpflichtung haben, ihre Stücke zu inszenieren. Aber Kino ohne Geschichte, Aktualität ohne Gedächtnis beraubt die Gegenwart ihrer Bezüge. Ein Kinobesucher, der die Filmgeschichte nicht kennt, ist so „dumm“ wie ein Besucher des World New Music Festivals, der niemals Schönberg, Schostakowitsch oder Ligeti gehört hat.
Museum oder Zeitgenossenschaft, Zugänglichkeit von Geschichte, von Erinnerung und Ermöglichung von Gegenwart: das ist keine Alternative. Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil: das eine bleibt ohne das andere ein Fragment. Das gilt für den Film ebenso wie für die Musik, für das Theater ebenso wie für die Literatur, für die bildende Kunst ebenso wie für den Tanz. Ein Festival, bei dem man „Neue Musik“ hören oder Stummfilme besichtigen kann, mag für zwei Wochen darüber hinwegtäuschen. Kultur, die diesen Namen verdient, findet das ganze Jahr statt.
Thomas Rothschild
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Back for good
Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.
Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!
Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und 20 Jahren ...
Vorschlag zur Güte
Reiß mir bitte reiß mir doch
in meinen Etat ein Loch
stopf zwei drei deiner Sorgen rein
und bald wird wieder Frühling sein
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
Ecce Homo
»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Lämmer in der Obhut von Wölfen
Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Raubbau an Körper und Seele
In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...
No sleep till Pixel
Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...
Is it the end...my friend?
Nach dem Ende des dritten Teiles der Mass-Effect-Trilogie ist es Zeit,, völlig nüchtern Bilanz zu ziehen: RUDOLF INDERST will vollkommen sachlich über ein Spiel-Dreigespann ...
Kind sein, der moderne Vollzeitjob
Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...
|