Eine kleine "Lettre"-Hommage
19.11.2006
Die Öffentlichkeit des Zwischenraums
Wer “Lettre International” immer noch nicht kennt & liest, dem ist kaum noch zu helfen - im Hinblick auf seinen Durchblick zur Welt & was auf ihr geschieht: jenseits & unterhalb der verkürzten Nachrichten in unseren Medien.
Das Focus-Gestammel von “Fakten, Fakten, Fakten” ist nämlich reiner Nonsens, weil das, was “faktisch” ist, nur dann wirklich in den Bereich der Erkenntnis transportiert & transponiert werden kann, wenn es in seinem Umfeld, seiner Genealogie, seiner kontroversen Breite des jeweiligen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Zusammenhangs dargestellt & reflektiert wird: als Reportage oder Essay - und zwar von einer Internationale von Kennern & Rechercheuren, passionierten Abenteurern der eindringlich beschriebenen Ortserfahrung wie auch kundigen Reflektoren gedanklicher Verarbeitung des Welt-Stoffs. Das geschieht in “Lettre International”.
Ich weiß, das klingt & ist abstrakt; aber was “Lettre International” leistet, bietet, eröffnet, das ist konkret, sinnlich, aufregend - wie wenn man von GoogleEarthWin (also aus der Abstraktion des Gesamtblicks) sich den Details des Erdgeschehens nähert und zu ihnen vordringt.
Die “Lettre“-Devise: genau beschreiben durch Reportagen und umfassend geistig durchforsten mit Essays, Briefen & Kommentaren lässt einen im Wald der Welt wieder die Bäume sehen, und erst recht das Unterholz, den Verhau - also alles, was dem “Fakten”-Focus (der auch “Spiegel” heißen mag) aus den Augen gekommen ist.
Jede neue Ausgabe der einzigartigen, in vielen Sprachen erscheinenden Viertelsjahr-Zeitschrift ist eine Überraschung - ein Leseabenteuer ersten Ranges, das wie jede Expedition natürlich Zeit kostet, besonders weil die Redaktion viele Reisen anbietet und die Leser angesichts dieser Stoff-Fülle gelegentlich ein schlechtes Gewissen bekommen, weil & wenn sie nicht dazu kommen, jeden Artikel zu lesen & deshalb ihren Frust der reichen Angebotspalette zuschreiben, was natürlich ein Fehler ist. Auch bei “Lettre” muss ja keiner (mit Lessings Worten) müssen. Jedoch von “Lettre” angesteckte Leser werden die Zeit auch brauchen, die zwischen den vierteljährlichen Erscheinungsterminen liegt, um ihren individuellen Lektüreweg in den 130 Seiten im Großformat auszuschreiten.
So ist es auch mir jetzt gegangen; aber bevor im Dezember die letzte Ausgabe des Jahres erscheint, will ich der Herbstedition (Nr.74) noch schnell eine kleine Hommage von subjektiven Fingerzeigen widmen. Wie immer hat die Redaktion die von ihr aus der anspruchsvollen internationalen Publizistik ausgewählten Artikel unter Rubriken versammelt. Diesmal heißen sie: “Orientalische Fragen”, “Späte Erinnerung”, “Kunst und Kalkül” und “Das Auge des Reporters”. Letzteres sind sechs Vorabdrucke aus Reportagen von globalen Brennpunkten, die um den von “Lettre” ausgeschriebenen “Ulysses-Award” konkurrierten. Dieser von der Zeitschrift inaugurierte “Nobelpreis für Reportage” ist in diesem Herbst zum letzten Mal in Berlin vergeben worden (weil der Sponsor seine Unterstützung einstellte) - übrigens, wie schon immer in den vergangenen Jahren, unter weitestgehender Abwesenheit der deutschen Presse, welche für diese Königsdisziplin des internationalen literarischen Journalismus kein Interesse aufbringt - was so verwunderlich nicht ist, weil sie bei uns, bis auf Wolfgang Büscher, Karl-Markus Gauß oder Roger Willemsen, weitgehend ausgestorben ist. In “Lettre” aber kann man ihre Autoren auf allen Kontinenten tätig finden und dabei bemerken, was unserem Journalismus fehlt: Weltoffenheit & Welthaltigkeit und anteilnehmende Neugier.
Neben diesem Reportage-Schwerpunkt des Heftes, will ich nur einige der zahlreichen anderen Beiträge erwähnen, die zwischen Erfahrungsbericht & essayistischer Überlegung changieren - und deren Gedankenintensivität & weitblickende Hellsichtigkeit in unserer Tages- & Wochenpresse nicht zu finden ist.
In den “Orientalischen Fragen” fragt sich der USAmerikaner Tom Engelhardt, in wieweit die Ikonographie der einstürzenden Türme des World Trade Centers zur “Kriegspolitik in einer medienimprägnierten Welt” beigetragen hat. Der ägyptische Journalist und Schriftsteller Youssef Rakha beschreibt einen erotisch-politischen Aufenthalt im Beirut unmittelbar vor den jüngsten Ereignissen. Der kanadische Philosoph Carlos Fraenkel, der Platon in einer palästinensischen Universität mit Studenten las & diskutierte, fragt sich, ob die Philosophie, ins Säurebad des Konflikts getaucht, eine Hilfe zur Auflösung der Spannungen sein könnte; und der wie immer originelle und riskant formulierende slowenische Dialektiker Slovoj Zizek wirft nicht nur einen Blick und nicht nur “in die Archive des Islams”, sondern entwickelt eine vielseitige verborgene Geschichte der Rolle, welche der Frau als geheimes Gravitations-Zentrum in den drei monotheistischen Religionen zugedacht ist und vor allem im Islam verschwiegen & verdrängt wird. Die in Berlin lebende deutschen Kunstwissenschaftlerin Isabelle Graw unterzieht den derzeitigen Kunstmarkt und seine Symbiose mit der Mode & der Event-Kultur einer einschneidenden Analyse, während der schwedische Anthropologe und Journalist Stefan Jonsson die Defizite des Journalismus im Zeichen der Globalisierung zwischen “der standardisierten Hochkultur, der kommerzialisierten Massenkultur und zum Widerstand aufrufenden Lokaltraditionen” lokalisiert. Er sieht in einer von ihm als “vierte Tendenz” ausgemachten “Hybrid”- oder “Grenzkultur” eine “Öffentlichkeit des Zwischenraums” - und wenn man Jonssons einleuchtende Analyse auf unsere eigene kulturelle und journalistische Situation rückbezieht, so kann man ohne weiteres sagen, dass “Lettre International” wie keine zweite Publikation im deutschen Sprachraum dieser “Öffentlichkeit des Zwischenraums” den publizistischen Platz verschafft und den kontroversen Erscheinungsort sichert.
Wo sonst auch hätte das Protokoll “Mein Warschaukoller” erscheinen können, das die polnischen Reporter Angelika Kuniak und Wlodzimierz Nowak aus den Erinnerungen des von der deutschen Wehrmacht zwangseingezogenen Deutsch-Belgiers Mathi Schenk destilliert haben? Als Achtzehnjähriger war der katholische Junge 1943 eingezogen und 1944 zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands nach Warschau geschickt worden. Was der heute Achtzigjährige mit einer Narbe am Hals, die von einem der 19 Messer- & Bajonettnahkämpfe zeugt, die er überstanden hat, in traumatischen Schüben von diesen Wochen in Warschau erinnert, ist von einer jede Beschreibung spottenden bestialischen Brutalität, die einem als Nachleser die Schamröte der Verzweiflung über die menschliche Spezies ins Gesicht treibt. Diese “Späte Erinnerung” gehört ebenso zur intellektuellen Seismologie von “Lettre International” wie die Wahrnehmung & Reflexion aktueller Verwerfungen & Erschütterungen, die man hier schon angezeigt bekommt, lange bevor sie auf die “Fakten, Fakten, Fakten” der Presse wert- & gedankenlos zusammengeschmolzen sind.
Wolfram Schütte
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