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Merk- & Denkwürdigkeiten der Stasi

18.12.2006


Die “Welt”, Günter Grass & (zweifach) Schädlich

Von Wolfram Schütte

 

Nicht nur Frankfurt am Main, wie Goethe gesagt haben soll, “steckt voller Merkwürdigkeiten”, sondern auch die Welt insgesamt und ”Die Welt” insbesondere. Nun war dem “Springer-Blatt” dieses Titels, speziell zu seinen politischen Hochzeiten des Nach-Achtundsechziger Jahrzehnts, der Schriftsteller Günter Grass ein Dorn im Auge, vielleicht sogar ein “Bolzen”, wie ihn die DDR-Stasi zur gleichen Zeit nannte. Denn beiden bereitete Grass Ärger, weil der für die SPD “trommelnde“, damals in der “Frontstadt” Berlin lebende Grass sowohl zu den sympathielosen Kritikern des SED-Regimes, als auch zu den nachhaltigsten öffentlichen Widerrednern der politischen “Hetze” des Springer-Konzerns und zu den Wortführern eines Boykotts westdeutscher Autoren gegen “Die Welt” gehörte. Hätte zu jener Zeit der verhasste Grass bei seinem stetigen, kleinen Grenzverkehr mit Kollegen & Freunden in Ost-Berlin und der DDR sich auch nur die geringste politische Blöße oder auch nur den fälschlichen oder fälschbaren Anflug einer DDR-Sympathie gegeben, so hätte man sicher sein können, dass Springers Blätter mit Balken großen Lettern zu- und auf ihn eingeschlagen hätten.

Nun mag sich ja im Laufe der letzten Jahrzehnte manches im deutschen Blätterwald geändert haben und “Die Welt” und ihre “Welt der Literatur” für viele Autoren, die früher einen Bogen um sie gemacht haben, heute als Publikationsort nicht mehr tabu sein - ein Faktum, das mit den Konkurrenz- & Verteilungskämpfen auf dem deutschen Printmedienmarkt zu tun hat und auf einem anderen Blatt steht, das ich hier nicht aufschlagen will. Aber dass Grass dort zu einer Persona grata geworden wäre, könnte man immer noch nicht sagen. Obwohl es angeblich zu einem Gespräch zwischen dem derzeitigen Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner und Grass gekommen sein soll, ist der Literaturnobelpreisträger in der “Welt” bisher so wenig als Beiträger aufgetreten wie etwa Jürgen Habermas.

Als nun bekannt wurde, dass die Stasi ihrem verhassten “Bolzen” im Verlauf der Zeit ein Dossier von 500 Blatt gewidmet und Grass das geheime Dossier über seine “dunkle und unheilvolle Rolle” (Stasi) zur öffentlichen Einsicht freigegeben hatte, fanden die geheimen, und wie sich zeigte, fast lückenlosen Aufzeichnungen über Grass´ Kontakte mit ostdeutschen Schriftsteller-Kollegen & Freunden zwar nicht das nachschnüffelnde Interesse der journalistischen Welt, aber doch der Springerschen “Welt“.

Man wird wohl annehmen dürfen: nicht mit der Absicht, dem einst verhassten Autor einen nachträglichen Liebes-, Freundschafts- oder gar Wiedergutmachungsdienst zu erweisen, sondern in der Hoffnung, bei einer nachtragender Observierung der in Archiven des bekanntlicherweise sammelwütigen DDR-Nachrichtendienstes doch noch etwas für heutige Zwecke Abträgliches oder Zweideutiges über Grass zu finden. War aber nichts; im Gegenteil.

Nach einem denkwürdigen Wort des Verlegers Axel Springer, der einmal behauptete, er “lasse für sich lesen”, hatte nun auch “Die Welt” lesen lassen: “Ausgelöst durch eine Antrag von Welt.de “, schreibt das Blatt eben, “durchforsteten Mitarbeiter (der Birthler-Behörde) noch einmal ihre Archive” - und siehe, sie fanden weitere 208 Blatt ad G.G., aus denen u.a. hervorgeht, wie ein MfS-Informant in Halle mitteilt, dass Grass als “ein Vertreter der Idee einer gesamtdeutschen Kultur und Nation hervortritt” - also gewissermaßen mit den Herzensanliegen des patriotischen Axel Springer mitten in der DDR auftrat! Donnerwetter! Wenn das der selige Axel noch erfahren hätte!Wenn wir nun “Die Welt” verlassen & uns der Unter- oder Hinterwelt, nämlich der Stasi zuwenden, so ist jedoch dieser jüngste Fund in deren Akten keine Überraschung für Grass-Kenner; dagegen aber die Enttarnung eines von dreien Informellen Mitarbeitern des “Ministeriums für Staatssicherheit”, die auf den West-Schriftsteller angesetzt waren. Es handelt sich um den Historiker Karlheinz Schädlich, der als IM “Schäfer” nicht nur Günter Grass, sondern (schlimmer noch) seinen Bruder, den Schriftsteller Hans-Joachim Schädlich, im Dienste des MfS gehegt, gemolken & “geschoren” hat und dafür sogar mit einer Medaille von Minister Mielke ausgezeichnet worden ist.

So konnte Grass jetzt auch lesen, was sein Kollege H. J. Schädlich über den Autor der “Blechtrommel” seinerzeit seinem Bruder und dieser der Stasi, aber nicht dem gleichfalls von ihm “abgeschöpften” Grass gesagt hatte. Hans-Joachim Schädlich, der seine Erzählungen “Versuchte Nähe” - nachdem er vergeblich versucht hatte, sein literarisches Debüt in der DDR zu veröffentlichen - mit Grass´ Hilfe 1977 im Hamburger Rowohlt Verlag publizierte und damit sogleich bei der westdeutschen Kritik hohe Bewunderung fand, wie zugleich in der DDR schikanösen Repressalien ausgesetzt wurde, durfte Ende 1977 nach der Bundesrepublik übersiedeln. Sein verräterischer Bruder Karlheinz aber konnte im Schafspelz des unerkannten IMs ein Jahr darauf eine Lesung von Günter Grass vor DDR-Ärzten in der Privatwohnung eines Ostberliner Anästhesisten arrangieren, um bei dieser von der Stasi eingefädelten Gelegenheit, wie “Die Welt“ jetzt schreibt, “mehr über das Netzwerk um Günter Grass in der DDR zu erfahren“.

Ein wahrhaft “operativer Vorgang” an den nichts ahnenden ostdeutschen Ärzten und ihrem westdeutschen Gast, wobei nur noch zur humoristischen Abrundung dieser sinistren Real-Allegorie deutscher Verhältnisse gefehlt hätte, wenn Grass ihnen aus seinem Roman “Örtlich betäubt” vorgelesen hätte. Hat er aber wohl nicht.Der Schriftsteller Schädlich aber hat - ohne damals schon von den schädlichen IM-Tätigkeiten seines Bruders gegen ihn und gegen Grass zu wissen - 1986 seinen großen Roman “Tallhover” veröffentlicht. Dessen Titelheld ist der buchstäblich unsterbliche, weil seit dem Vormärz und bis in die DDR-Gegenwart in Deutschland für die jeweilige Staatsmacht tätige deutsche Spitzel, der sich am Ende des ein Jahrhundert umfassenden Romans in einem von ihm selbst imaginierte Schauprozess zum Tode verurteilt.

Grass wiederum war so sehr von dieser literarischen Idee Schädlichs fasziniert, die Geschichte eines deutschen Jahrhunderts anhand einer typologischen Figur zu durchwandern, dass er für seinen “Wende“- & “Treuhand”-Roman “Ein weites Feld” (1995) Schädlichs Vision variierte, indem er Fontanes Biographie und die Zeit der deutschen Reichsgründung vor hundert Jahren als allegorisches Muster dem Erzählgerüst seinem zeitgenössischen Roman der (Wieder-)Vereinigung zugrunde legte, und (neben einer Vielzahl von offenen und versteckten Anspielungen auf Schädlichs “Tallhover”) in seinem Haupthelden Wuttke, genannt “Fonty”, einen Widergänger Fontanes erfand, dem er als seinen “Tag- & Nachtschatten” jedoch den arbeitslos gewordenen Stasiagenten “Hoftaller” zur Seite stellte.Zwar hat Grass seine Fortschreibung von Schädlichs Tallhover als Hoftaller auf der allerletzten Seite seines “Weiten Felds” vermerkt - wohingegen die deutsche Kritik die unausgesprochene Schuld, in der Idee und Konzeption des Grass-Romans bei Schädlich stehen, auf dem Weiten Feld ihrer geradezu schwelgerischen Verrissblüten nicht bemerkt hat.

Hans-Joachim Schädlich aber, der erst durch die Öffnung der Stasi-Archive nach der Vereinigung erschüttert erfahren hatte, dass seine literarische Vision über den deutschen Typus “Tallhover” in der Person seines Bruders Karlheinz ihn selbst “operativ” zu “zersetzen” versucht hatte, konnte in der weniger unheimlich als heimatlos, weniger bösartig als komisch von Grass gezeichneten Fort- & Umschreibung Tallhovers zum kauzigen Hoftaller nur eine ignorante Verharmlosung sehen, welche Schädlichs eigene traumatische Realerfahrungen mit dem brüderlichen “Tag- & Nachtschatten“ geradezu zu verhöhnen schien. Deshalb war Hans-Joachim Schädlich wegen der “unfreundliche Übernahme”, mit der Grass sich die fiktive Figur aneignete, weniger literarisch als persönlich und existenziell verbittert.

Im differenten Umgang mit der Stasi der DDR als literarischem Gegenstand trat eine weitere historische Hinterlassenschaft der deutschen Nachkriegsgeschichte diesseits und jenseits der Mauer zutage, die noch nachträglich die sympathetischen Beziehungen in den Lebensgeschichten zweier hervorragender deutscher Autoren zu ruinieren geeignet war.

Wolfram Schütte

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