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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:03

 

Rudi Palla: Unter Bäumen.

11.01.2007

 
Abwechslungsreiche anekdotische Streifzüge

Wer je von Alexandras traurig-schönes Lied “Mein Freund, der Baum, ist tot” sich hat rühren lassen, der wird “Unter Bäumen”, zu denen Rudi Palla gereist ist, sich glücklich & wie zuhause fühlen.

 

Unter Bäumen - so hörte ich eben zufällig aus zweiter Hand - lassen sich heute a la mode manche, die ihren arbeits- & ortsflexiblen Nachkommen “nicht zur Last fallen wollen” oder gar keine haben, von denen sie Grabpflege erwarten dürften, gerne anonym in Urnen beisetzen. Schon zu Lebzeiten suchen sie sich einen Baum in einem Waldstück aus - und für 3-10.000 ¤, die sogleich berappt werden müssen, findet ihre Asche dort dann ein letztes Plätzchen. Nur der findige Wald-Eigner hat einen Gewinn davon; denn bis die Urne zerfällt und ihre Asche ihre Düngestoffe freisetzt, hat womöglich der Baum schon das Zeitliche gesegnet und ist ebenso anonym dahingegangen - wie seine ihm unbekannt gebliebenen Liebhaber im Angesicht ihres eigenen Todes, dessen keiner mehr gedenken wird.

Von derlei jüngsten neudeutschen heidnischen Absonderlichkeiten & Geschäftsmöglichkeiten, sich ebenso sentimental wie teuer selbst zu entsorgen, erzählt der Österreicher Rudi Palla in seinem Buch “Unter Bäumen” nichts. Gut so; er muss ja nicht up-to-date sein. Es reicht ja schon, dass er zu berichten weiß, dass die Roten Khmer den von ihnen massenhaft Ermordeten eine Kokosnuss als Beigabe ins Grab legten - in der vergeblichen Hoffung, den Engpass bei der Produktion von Speiseöl durch ein vom Leichenhumus befördertes Wachstum von Kokospalmen überwinden zu können.

Das ist die einzige Abschweifung ins Makabre - selbstverständlich von Menschen gemacht -, die Rudi Pallas “Reise zu den größten Lebewesen” enthält. Schon dieser Untertitel seiner angenehm zu lesenden, unterhaltsam belehrenden vielfachen essayistischen Abschweifungen “Unter Bäumen”, lässt einen jedoch stutzen. Denn als “größte Lebewesen” stellt man sich doch eher Wale oder Elefanten vor, obwohl ja nicht nur die Fauna, sondern auch die Flora lebt (wie wir); mehr noch: nicht selten leben Bäume sogar wesentlich länger als wir - und unter uns gesagt: sie als Spezies schon vorhanden waren, als noch nicht einmal der “Schöpfer” sich von der selbsternannten “Krone der Schöpfung” (Alb-)träumen ließ.

Denn die ersten Wälder, hat der viel belesene österreichische Liebhaber der Bäume in der Fachliteratur gefunden, sind vor 380 Mio. Jahren entstanden; und von den zimtbraunen Mammutbäumen in Kalifornien nimmt man an, dass sie 2500 Jahre alt sind und eine mexikanischen Sumpfzypresse soll es auf rund 2000 Jahre gebracht haben. Die “Kalifornier” waren also schon Zeitgenossen Platons, der als erster Mensch die Erosionsschäden beim Abholzen der griechischen Wälder für den Schiffsbau erkannte, der auch jenseits des Mittelmeers in Silvanischen Gefilden wütete; und die 42 Meter hohe, 58 Meter umfängliche und 549.000 kg schwere mexikanische Zypresse kam einst als schlanker Jungfrauentrieb wie & mit Jesus auf die Erde & zur Welt !

Dagegen ist höchst zweifelhaft, ob die so genannte “Platane des Hippokrates” auf der Ägäis-Insel Kos den berühmten antiken Arzt noch gesehen hat, resp. dieser jene; auch kann Palla vor Ort auf Zypern nicht klären, ob der von Laurence Durrell in seinen “Bitteren Orangen” erwähnte “Baum des Müßiggangs” eine dort heute noch vorhandene Robinie oder ein Maulbeerbaum war - was aber so wichtig auch wieder nicht ist, weil der Literatur-Tourismus dort auf jeden Fall zum Ziel kommt.

Die einsame Akazie in der südlichen Sahara

Überhaupt werden Bäume als Individualitäten öffentlich nur wahrgenommen, wenn sie solitär stehen, alt sind & schriftlich erwähnt oder abgebildet wurden - wie eine Breite Föhre mit riesiger Krone bei Mödling in der Nähe Wiens, die Beethoven in der Sommerfrische noch so angestaunt haben mag wie der Maler Schnorr von Carolsfeld, der sie 1838 als Bild festhielt. Dieses “Naturdenkmal” - ein Wort & Begriff, den Alexander von Humboldt angesichts gewaltiger Baumriesen am Orinoko zum erstenmal gebraucht, also erfunden hatte - starb erst 1980 ab; jedoch als es beseitigt werden sollte, entbrannte ein heftiger öffentlicher Kampf um das mittlerweile kahle Baum-Monument, der erst zu einem Ende kam, nachdem man den abgetragenen Stamm als Andenken des Gewächses aus dem 16. Jahrhundert in einem Landesmuseum ausstellte.

Gleiches geschah mit den Resten einer Akazie, die als “Arbre du Ténéré” sogar lange Zeit auf einer Landkarte vermerkt war; denn der uralte Baum auf einer Anhöhe war als solitär in einer Wüstengegend des Niger jahrhundertelang ein weit sichtbarer Orientierungspunkt für die Tuareg-Karawanen; erst ein Lastwagenfahrer muss ihn wohl beschädigt haben.

Die einsame Akazie in der südlichen Sahara - möglicherweise das letzte Überbleibsel von Wäldern, als rundum noch Meer überm Sand war - offenbarte aber auch, dass sie in der Trockenheit nur überleben konnte, weil sie ihre Wurzeln tief in den Boden schickte, wo eine Wasserader lang lief, die man bei Brunnenbohrungen entdeckte.

Rudi Pallas subjektive Baumkunde besteht aus zweiundzwanzig “Reisen”. Meist “Reisen” im metaphorischen Sinne, nämlich erzählerisch-essayistische Wissenssammlungen & Plaudereien, die der Autor emsig recherchiert hat aus Reiseberichten und der vielsprachigen Fachliteratur von der Antike bis zur Gegenwart und die sich um Herkunft, Eigenart, Geschichte und Mythos verschiedener Baumarten & Wälder gleichsam wie Rinden oder Borken um seine Artikel anlagern.

Da es rund 80.000 Baum-Arten gibt, hat der Autor nach seiner Lust & Laune und zum Leservergnügen eben nur jene ausgewählt, die ihm nahe oder wichtig oder zu denen er etwas zu erzählen hat. Schade, dass die Zeder (für mich) nicht dabei war; dafür ist so etwas wie der “Kuhbaum” eine Trouveille.

“Mein Freund, der Baum...”

Weil die Wege, die Palla dabei essayistisch einschlägt, so unterschiedlich sind wie die Baumarten, die er “bespricht”, sind ihm abwechslungsreiche anekdotische Streifzüge gelungen, auf denen man ihm ebenso amüsiert wie belehrt, ebenso staunend wie bewundernd gerne folgt und dabei z.B. unter der Hand bemerkt, wie sich (von den Griechen an) Europa im Laufe der Jahrhunderte mit Samen und Bäumen, vornehmlich aus Asien und Amerika, ausgefüttert hat - heimlich und systematisch: ob es die Olive oder die Douglasie, der Ginkgo oder der Apfelbaum war, dessen Ursprungsort im kasachischen Alma-Ata kürzlich wissenschaftlich nachgewiesen wurde, obwohl er semantisch schon längst bezeichnet war; denn Alma Ata heißt “Vater der Äpfel”.

Wer also je von Alexandras traurig-schönes Lied “Mein Freund, der Baum, ist tot” sich hat rühren lassen, der wird “Unter Bäumen”, zu denen Rudi Palla gereist ist, sich glücklich & wie zuhause fühlen.

Wolfram Schütte



Rudi Palla: Unter Bäumen.
Reisen zu den größten Lebewesen.
Zsolnay, Wien 2006.
295 Seiten, zahlr. Abb. Register.
25.90 ¤

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