Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 16:05

 

Érik Orsanna: Lob des Golfstroms

01.02.2007

Alles fließt

Ein Kaleidoskop von Anekdoten, Erzählungen, Zitaten (von Plato bis Jules Verne), Reflexionen, Spekulationen und Erlebnisberichten, mit dem der Erzähler den immensen Sachgehalt seines Buches uns in immer neuen, überraschenden, pointierten Konstellationen vor die erstaunten & entzückten Augen dreht.

 

Es mag während des diesjährigen verzögerten Winters und des föhnigen Orkansturmsim Januar über Deutschland einen Grund mehr geben, Erik Orsennas “Lob des Golfstroms” zu lesen. Aber er ist überflüssig. Denn es gibt genug andere Gründe, dieses ebenso originelle wie aparte, ebenso witzige wie kenntnisreiche, ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Buch des 1947 geborenen französischen Schriftstellers in der tadellosen Übersetzung Annette Lallemands zu lesen. Wegen eben aller dieser Qualitäten nämlich. Orsennas “Lob des Golfstroms” ist so etwas wie ein “persönliches Sachbuch”. Es geht von Kindheits- & Jugenderfahrungen des leidenschaftlichen Schwimmers und Seglers aus, der einerseits sich von Meeresströmungen treiben, anderseits gegen sie ansegeln musste. Der Umgang mit Strömungen, schreibt Orsenna, habe ihn “Verzicht, Hartnäckigkeit, aber auch so manche List gelehrt”, sei also charakterbildend gewesen. In seiner “erzkatholischen Familie wurde selbstverständlich in jedem Gebet Gott gedankt (für die Gesamtheit seiner Schöpfung), aber gleich danach auch dem Golfstrom“. So rief die Großmutter oder eine Tante, wenn die Kinder “aus dem eisigen Wasser der Bretagne ans Ufer rannten”, ihnen entgegen: “Du musst noch dem Golfstrom danken. Ohne ihn wäre unser Meer doch eiskalt”. Aber auch die Palme oder Agave im Garten verdankten dem warmen Wasser und den milden Winden des Golfstroms ihre europäische Existenz. “Im Grunde”, phantasiert der Romancier, “tröstete der Golfstrom uns über den Verlust unserer Kolonien hinweg”.

Von solchen persönlich-individuellen und populär-bekannten Erfahrungen imprägniert, begibt sich der Schriftsteller, der kein Wissenschaftler ist, als “Weltenbummler” auf eine große Reise in die Erdkunde, die Geographie, die Geschichte, die Ozeanografie - sei´s als Leser, sei´s als neugieriger, nachfragender Journalist in französischen und usamerikanischen Universitätsinstituten (wobei ihm seine Mitgliedschaft in der “Académie Francaise“ hilfreich gewesen sein dürfte); oder er reist als kundiger Tourist zu den norwegischen Lofoten oder der schottischen Hebrideninsel Jura, um die dort besonders gefährlichen Meer- & Mahlstrom-Engen selbst in Augenschein zu nehmen.

Ein kaleidoskopisches Abenteuerbuch

Das “Logbuch” solcher ausschwärmenden Erkundungen, in Zeit-& Raum ausgreifenden, shandyistisch vom Hundertste ins Tausendste abschweifenden Recherchen ist nun sein “Lob des Golfstroms” - das weit mehr umfasst, als der Titel verspricht: nämlich Erd-, Welt- & Klimakunde: wie sie entstanden sind, was sie uns über unseren Planeten und uns zu sagen haben und was wir, wenn wir so weiter machen, planetarisch zu erwarten haben - sofern dieser Winter unseres Missvergnügens, dem wir mit Erik Orsennas Buch die besten Seiten abgewinnen können, nicht schon genug über unsere Zukunft verrät.

Das besondere Raffinement, den ungemeinen Reiz und das außergewöhnliche Lesevergnügen dieses Sachbuchs liegt aber in seiner schriftstellerischen Form vor Augen: In dem Kaleidoskop von Anekdoten, Erzählungen, Zitaten (von Plato bis Jules Verne), Reflexionen, Spekulationen und Erlebnisberichten, mit dem der Erzähler den immensen Sachgehalt seines Buches uns in immer neuen, überraschenden, pointierten Konstellationen vor die erstaunten & entzückten Augen dreht.

Es wäre sinnlos, der Fülle von Einsichten, die der freundliche Enthusiast auf seinen Entdeckungsfahrten eröffnet, als Rezensent nur das kleine ABC des Wissens abzulesen, das man über den Golfstrom erfährt. Denn mit Erik Orsenna ist man auf der “Grand Tour” einer erdumlaufenden Strömungslehre zwischen Sonne, Mond & Meerestiefen unterwegs. Man bewegt sich an seiner Seite von der Antike und ihrem (phönizischen) Wissen bis zu einer Science-Fiction, wobei der Autor von gigantischen Gezeitenkraftwerke ebenso einleuchtend zu phantasieren versteht, wie über die Entstehung von Hoch- & Tiefdruckgebieten, den Launen des Klimas, den “Etagen” des Golfstroms oder von “nichtmaritime Strömungen” in Frankreich, China oder Australien zu erzählen.

Von “Lili Marleen” zum “Luftdrucktypus”

Erstaunlich ist, dass Orsenna, dem unser Planet sowohl im Wasser wie auf dem Land ununterbrochen in Bewegung begriffen erscheint, zwar viel & gerne entlegene Fundstücke präsentiert und literarisch-philosophische Zeugen zitiert (wie Platon, E.A. Poe, Jules Verne, T. S. Eliot oder George Orwell), jedoch die große o­ntologische Grundannahme Heraklits, dessen “pantha rei” (“Alles fließt”), nicht erwähnt.

Dafür aber ist er auf den “Roman des Golfstroms” von Hans Leip gestoßen, in dessen “Großer Fluss im Meer“ (1954) sich der Autor von “Lili Marleen“ dazu versteigt, aufgrund von kühnen Behauptungen eines “Deutschamerikaners”, der zwei physiognomisch bestimmbare “Strömungstypen” des weißen homo sapiens gefunden zu haben meint, “die politische und kulturelle Geschichte Europas daraufhin zu untersuchen”, wie dessen “Geistesgeographie” vom “warm-“ oder “vom kaltfrontempfindlichen Lufdrucktyp” geprägt worden sei.

Vielleicht hätte der deutsche Verlag dem französischen Schriftsteller aber hilfreich unter die Arme greifen dürfen, wenn Orsenna schreibt, dass er nicht weiß, ob Leip vielleicht nur ein Namensvetter des Lili-Marleen-Textes sei, in Wangen (“über dem Bodensee”) lebe, von wo aus man, “wenn man sich vorbeugt, den Rhein sehen müsse“. Kurz: vielleicht wäre es angebracht gewesen die höchst verzeihlichen Unkenntnisse Orsennas über den 1983 in der Schweiz gestorbenen, auch uns nicht mehr präsenten Schriftsteller Hans Leip in der deutschen Ausgabe zu korrigieren.

Wolfram Schütte


Érik Orsanna: Lob des Golfstroms. Aus dem Französischen von Annette Lallemand C. H. Beck-Verlag, München 2006, 239 Seiten, 4 Karten, 17.90 ¤

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

Is it the end...my friend?

Nach dem Ende des dritten Teiles der Mass-Effect-Trilogie ist es Zeit,, völlig nüchtern Bilanz zu ziehen: RUDOLF INDERST will vollkommen sachlich über ein Spiel-Dreigespann ...

Kind sein, der moderne Vollzeitjob

Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...