Petits riens (5)
15.03.2007
Wolfram Schütte über den Tod Robert Adlers, den von Thomas Pynchons Roman „Against the Day“ ausgelösten Fieberanfall deutscher Literaturredaktionen und das Kolorieren von Schwarz-weiß-Aufnahmen in historischen Filmdokumentationen.
Dem Erfinder der drahtlosen Fernbedienung, Robert Adler, der kürzlich mit 93 Jahren in Kalifornien gestorben ist, hat das “Streiflicht” der SZ (am 21.2.07) - das nicht selten unheimlich auf Draht ist, wenn es gilt, die Bedrängnisse des Alltags kritisch Revue passieren zu lassen - einen Nachruf gewidmet, der dem militärischen Begriff des “friendly fire” entspricht, womit ja der kollaterale GAU einer militärischen Aktion gemeint ist, die nicht den Feind trifft, sondern die eigenen Truppen. De mortuis nisi bene: also ohne doppelte bayrische Verneinung des nihil.
Natürlich benutzt jeder von uns Adlers Erfindung, um zappend, zippend und scannend sich durch das “Programmangebot” zu bewegen, das uns auf dem heimischen Bildschirm ins Zimmer kommt. Wahrscheinlich gehört zur Expansion dieser Fülle sogar notwendigerweise auch die Adlersche Erfindung, das Angebot, ohne sich vom Platz zu bewegen, “nutzen” zu können. Man stelle sich einmal vor, man müsste heute, um von einem zum anderen Sender oder Programm zu wechseln, jeweils zum TV-Apparat pilgern und dort mit Handdruck tätig werden, um der Transsubstantionen des darauf Erscheinenden teilhaftig zu werden. Das ist, genau genommen, unvorstellbar - von familiären Konflikten, die sich daraus ergäben, ganz zu schweigen. Das Couch-Potato hätte es ohne Adlers Fernbedienung nie gegeben. Sie hat den physischen Akt der Bewegung als Folge der Entscheidung, was man zu sehen wünscht, bloß auf einen Fingerdruck reduziert - gewissermaßen den individuellen physischen Nachvollzug einer intellektuellen Richtungsänderung damit: annulliert.
So kam der Typus des überfressenen, immobilen Apathikers in die Welt, der sich sein “Menü” zusammenzappt, was immer ihm auch da auf den Schirm des Hauses kommen mag. Denn die multiplizierte Wahlmöglichkeit und der jederzeitig mühelos herbeizitierbare Wechsel ist das beste Klebemittel, um dauerhaft bei der Sache zu bleiben, die ja “bequem” verspricht, vielleicht doch etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hatte: die drahtlose Verbindung mit dem vermeintlichen Schlaraffenland von Hören & Sehen. Eher drückt der Finger manisch die Programmwahltaste weiter, als einmal depressiv geworden, das (entfernt auf dem Display angebrachte) “Aus” zu wählen.
Es sei ein “schwacher Trost, dass Robert Adler von all dem nicht viel mitbekommen hat”, wozu seine erfundene Handreichung das ihre & seine beigetragen hatte, heißt es am Ende des SZ-Streiflichts: “Seine Frau sagte, er mochte das Fernsehen nicht. Eigentlich hat er immer nur gelesen”. Was für ein kolossaler Witz! *
Jetzt hat auch noch “Literaturen“ als “Coverboy” mit dem Phantombild Thomas Pynchons aufgemacht, den die Zeitschrift aus einem Jugendphoto des amerikanischen Schriftstellers sich von einem deutschen Polizei-Zeichner hat “hochrechnen” lassen. Ganz so sieht er jetzt auch aus: - auf dem Fahndungsbild von “Literaturen“.
Dieser jüngste Versuch, aus dem (aufgrund einer Marotte) unsichtbaren “Phantom der amerikanischen Literatur” Aufmerksamkeitskapital zu erwirtschaften, schließt ein merkwürdiges Phänomen ab, das Ende vergangenen Jahres die deutschen Printmedien heimgesucht hatte: die galoppierende Pynchon-Besprechung seines jüngsten Romans, der im vergangenen Herbst unter dem Titel “Against the Day” in den USA erschienen war und frühestens, wie jetzt “Literaturen” mutmaßt, Ende 2008 - also erst in zwei Jahren - auf deutsch vorliegen könnte.
Einen derartigen journalistischen Tanz um ein auf Deutsch gar nicht lesbares Buch hat es noch nicht gegeben. Keine Redaktion hatte es sich nehmen lassen, dabei mitzumachen. Bislang unbescholtene Rezensenten, die als Fremdsprachen-Kenner noch nicht hervorgetreten waren, wurden als Scouts abgestellt & losgeschickt, um “Against the Day” in Geschwindmärschen zu durcheilen und ihre eilfertigen Expeditionsberichte aus dem Tausendseiten-Gelände des Romans den verdutzten heimischen Sitzenbleibern brühheiß aufzutischen.: in der SZ sogar mehrteilig!
Es war zum Kopfschütteln; und komisch. Keiner unserer tapferen Pfadfinder versäumte dabei, die Reserviertheit, die Zurückhaltung und Urteilsvorsicht der amerikanischen Kritik gegenüber Pynchons literarischem jüngstem Monumentum abfällig zu erwähnen, um dagegen umso triumphaler als intimer deutscher Kenner des amerikanischen Autors aufzutrumpfen, als müsse “das alte Europa” den inkompetenten, ignoranten Amis demonstrieren, was sie doch für ein (nur unsereins verständliches und verstehbares) Genie in Pynchon haben.
Ebenso stolz waren aber die deutschen Forschungsreisenden & Pynchon-Archäologen auf fremdem Sprachgelände, uns in bewegenden Worten mitzuteilen, wie unmöglich es eigentlich sei, die speziellen Eigenarten und Subtilitäten der Sprache dieses “anspruchvollsten und schwierigsten Autors der Welt” (“Literaturen”) in unser Deutsch zu übersetzen. Diese pauschale Behauptung - von der Höhe einer Kompetenz herab gesprochen, die über beiden Sprachen zu suchen wäre - wollten die deutschen Spurensucher natürlich nicht als Eingeständnis verstanden wissen, bei ihrer Schnelllektüre oder gar generell an die eigenen Sprachgrenzen gestoßen zu sein. Solche Bescheidenheit bei aller gespreizten Bescheidwisserei wäre ja durchaus sympathisch & am Platze gewesen. Denn außer Willi Winkler, der in “Literaturen” über Pynchon schreibt und als veritabler Übersetzer amerikanischer Literatur ausgewiesen ist, hat sich keiner der jetzt im amerikanischen Pynchon-Gelände operativ tätigen Informierenden Mitarbeiter der deutschen Printmedien bislang als studierter Anglist oder kenntnisreicher Übersetzer hervorgetan.
Eine Frage bleibt nach diesem, übrigens weitgehend identischen “Overkill” der deutschen Pynchonmania: Was werden die Rezensenten mit dem Buch machen, das sie schon ausgiebig abgeschöpft haben, wenn es die hiesigen Leser in frühesten zwei Jahren endlich in Händen halten können? Wahrscheinlich bei sich selbst abschreiben, weil sich bis dahin kein Leser mehr an den jetzt abklingenden herbstlichen Fieberanfall der Literatur-Redaktionen erinnert. * Kürzlich sah ich in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ein Foto von dem 1978 gestorbenen Jean Améry, das von der bekannten Kölner Porträtfotografin Brigitte Friedrich stammt. Es gehört zu einer Serie von schönen Améry-Fotos, die mir seit meiner Redakteurstätigkeit im vergangenen Jahrhundert hinlänglich bekannt waren: als Schwarz-weiß-Fotos. Das in der FAS aber war aber farbig. Mit Sicherheit hat die Fotografin es in Schwarz-weiß aufgenommen. Farbfilm war damals so teuer wie heute Schwarz-weiß-Film - und in der seriösen Printpresse waren Autorenporträts in Farbe nicht gefragt, weil nicht reproduzierbar. Wer also hat das Dokument koloriert? Die Fotografin, die ihren historischen Schatz zeitgemäß aufmöbeln muss, um ihn noch absetzen zu können - oder die Redaktion selbst, die auf Farbe dressiert ist? Die Antwort, die ich leichthin bekommen könnte, interessiert mich aber gar nicht. Das Faktum allein genügt.
Kurz zuvor sah ich in Arte oder 3Sat eine historische Dokumentation zum Aufstieg Mussolinis und des Faschismus - mit “neu entdecktem historischem Bildmaterial”, hieß es in der Vorankündigung. Abgesehen davon, dass das historische Material gering und die “Dokumentation”, wie das bei uns seit Knoopschen ZDF-Geschichtsstunden üblich geworden ist, von nachgestellten “dramatischen” Szenen mit Schauspielern & Laien durchsetzt war (die auch noch mehrfach ausschnittsweise wiederholt wurden), waren auch dort die wenigen historischen Filmdokumente: koloriert.
Im Nachspann sah ich, dass es eine usamerikanische Dokumentation war. Ich erinnerte mich einmal gelesen zu haben, dass dort, falls überhaupt, noch Schwarz-weiß-Filme im TV laufen, in regelmäßigen Abständen eingeblendet werden muss, dass es ein Schwarz-weiß-Film ist, damit die Zuschauer nicht massenhaft annehmen, ihre TV-Apparate seien defekt. Warte, warte nur ein Weilchen, und auch das wird bei uns bald nötig sein.
Wolfram Schütte
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