„Mit diesem ‚verhängnisvollen Brauch’, der nur von mangelndem Respekt den anderen gegenüber spreche, müsse nun endgültig Schluss sein, sagte Garcia gestern in Lima, kurz bevor das gesamte Land pünktlich zu Mittag seine Uhren stellte. Allerdings ging Garcia selbst mit 15 Sekunden Verspätung ans Werk: Hätte ihn ein Berater nicht mit verzweifelter Gestik darauf aufmerksam gemacht, hätte er den Einsatz womöglich noch länger verpasst.“
15 Sekunden Verspätung? Und das soll eine Nachricht wert sein? Ja sind wir hier denn in der Schweiz? Und überhaupt: haben wir uns denn nicht schon längst daran gewöhnt, dass in Ländern, wo die Sonne intensiver und häufiger scheint, die Menschen es mit der Zeit nicht so genau nehmen? Und das soll sich ändern? Nachdem man uns doch jahrelang eingehämmert hat, dass es sich bei dem, was wir in fremden Ländern nicht begreifen, um natürlich Gewachsenes, um Tradition, mithin also um etwas fast Heiliges, ja Unantastbares handle. Und jetzt sollen sich solche Jahrhunderte alten Sitten und Gebräuche plötzlich ändern? Das kann ja wirklich nur einem Politiker einfallen!
Andrerseits, mit dem Respekt, da hat der Mann natürlich Recht.
Nur: Respekt ist ein arg vager Begriff, werden wir also deutlicher: Jemanden warten zu lassen, ist grob unhöflich (und deshalb, wo es um Macht geht, häufig kalkuliert), ist mehr als nur schlechter Stil, ist schlicht unverschämt.
Als ich letzthin ein paar Monate im argentinischen Mendoza Englisch unterrichtete, war ich regelmässig der Einzige, der rechtzeitig im Klassenzimmer eintraf. Zwanzig Minuten zu spät zum Unterricht zu erscheinen, gilt da als normal. Das sei eben so in Mendoza, wurde mir gesagt. Mit anderen Worten: ich hatte mich anzupassen. Doch woran? Sollte ich künftig später kommen? Das ging natürlich nicht – ich bin Schweizer, ich kann nicht einfach später kommen, das ist gegen meine Natur. Anpassen hiess hier offenbar, weiterhin pünktlich zu erscheinen und mich nicht aufzuregen, wenn die Studenten verspätet eintrudelten. Ich tat es höchst widerwillig und mit zusammengebissenen Zähnen, vor allem, weil ich in der Minderheit war, also rein numerisch keine Chance hatte, doch auch weil gilt, dass wenn in Rom, man es wie die Römer machen solle. Fragt sich nur, welche Römer? Denn dort, wie in Mendoza, gibt es auch Menschen, die pünktlich sind. Anwälte zum Beispiel. Und Banker. Und ...
Man kann natürlich das Phänomen der Zeit und unseren Umgang mit ihr auch etwas abgehobener betrachten, aus weltanschaulicher Perspektive gleichsam. Und dann liesse sich zum Beispiel fragen, ob es denn die Zeit überhaupt gibt, oder ob wir sie, um es mit Jiddu Krishnamurti (in: Einbruch in die Freiheit) zu sagen, erfunden haben, um unserer Probleme Herr zu werden? „Ghosts don’t exist in some cultures,“ sagt ein alter Indianer in Kathleen Norris’ Dakota, a Spiritual Geography, und fügt abschätzig hinzu, „They think time exists.“
Doch bleiben wir praktisch:
Als ich vor einigen Jahren im walisischen Cardiff ein Nachdiplomstudium in „Journalism Studies“ absolvierte, gehörte ich zu einer Klasse, die multikultureller nicht hätte sein können: Wir waren 34 Studenten aus 22 verschiedenen Ländern, im Alter von 21 bis 50, von der Fernsehmoderatorin aus Antigua, zum Nachrichtensprecher aus Seoul zur Chefredakteurin aus Fiji. Da nicht alle unsere Herkunftskulturen den gleichen Vorstellungen von Pünktlichkeit huldigten, einige also kamen und gingen, wie es ihnen passte, griff einer der Professoren zu einem drastischen Mittel. Begann sein Unterricht um 14 Uhr, sperrte er um genau 14 Uhr die Tür zum Klassenzimmer zu. Da konnte dann einer (oder eine) so lange poltern, wie er (oder sie) wollte, die Tür blieb bis zum Schluss des Unterrichts verschlossen.
Damals fand ich das Verhalten dieses Dozenten übertrieben. Heute nicht mehr.
Da von ihm Pünktlichkeit erwartet wurde und er diesem Erfordernis nachkam, also mit gutem Beispiel voranging, durfte er auch von den Studenten Pünktlichkeit verlangen und allfällige Unpünktlichkeit sanktionieren. Und weil er das tat, und zudem ein exzellenter Dozent war (seine Vorlesungen waren immer gut besucht), wurde er respektiert.
PS: Nach längerem inneren Ringen bin ich zum Schluss gekommen, dass man für einmal nicht allzu streng sein und dem peruanischen Präsidenten die 15 Sekunden Verspätung nachsehen könnte, ja vielleicht sogar sollte.