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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:07

 

Thomas Brussig: Berliner Orgie

02.04.2007

Besuch bei den Bordsteinflamingos

Dieses Buch ist ein einziger großer Bluff. Der Titel verspricht eine „Orgie“; tatsächlich lesen wir Texte, deren Unterhaltungs- und Reizwert sich knapp über dem von Gebrauchsanweisungen für elektrische Haushaltsgeräte bewegt. Kein Witz, keine Ironie, keine Milieustudie, stattdessen der wiederkehrende und ermüdende Habitus des Ahnungslosen.

 

Auch Schriftsteller sind käuflich. Es scheint nur eine Frage des Preises zu sein. So steht zu vermuten, dass der Berliner Autor Thomas Brussig (Helden wie wir,Am kürzeren Ende der Sonnenallee, Wie es leuchtet) für seine Reportage-Ausflüge ins Nachtleben der Hauptstadt von einem Berliner Boulevardblatt fürstlich entlohnt wurde und sich deshalb auf ein unsägliches Niveau begeben hat.

Nun liegt dieses halb dokumentarische, halb voyeuristische Sammelsurium in gebundener Ausgabe vor, und man sucht händeringend nach nicht kommerziellen Aspekten für die Veröffentlichung. Brussig tappt mit frappierender Naivität durch diverse Etablissements und verharrt in detailverliebter Beschreibung der Örtlichkeiten. Auch die aufgesuchten Damen unterschiedlichster Provenienz werden mehr bestaunt als deren Handeln analysiert. Von einem ambitionierten Schriftsteller hätte man vor allem im psychologischen Bereich erheblich mehr Tiefgang erwartet. Stattdessen gefällt sich der 42-jährige Autor in der Pose des Dauer-Staunenden, die an erwartungsfrohe Vorschulkinder beim Besuch des Zoos erinnert. „Ich habe die Zukunft der Prostitution gesehen“, entfährt es dem offensichtlich durch einen Besuch im Edel-Club (mit Buffet, Sauna und Fitnessraum) euphorisierten Autor, der seiner Frau vor Antritt der „Reportage“-Arbeit versprechen musste, es „nicht zum Äußersten“ kommen zu lassen.

Ein einziger großer Bluff

Dieses Buch ist ein einziger großer Bluff. Der Titel verspricht eine „Orgie“; tatsächlich lesen wir Texte, deren Unterhaltungs- und Reizwert sich knapp über dem von Gebrauchsanweisungen für elektrische Haushaltsgeräte bewegt. Kein Witz, keine Ironie, keine Milieustudie, stattdessen der wiederkehrende und ermüdende Habitus des Ahnungslosen. Der vermeintliche „Balzac vom Prenzlberg“ (mit diesem Spiegel-Zitat wirbt der Verlag auf dem Umschlag) hat sich augenscheinlich in einen züchtigen Klosterschüler verwandelt, der „Boxershorts mit roten Herzchen“ trägt.

„Vermutlich macht sie ihre Arbeit gern, denn als sich unsere Blicke treffen, merke ich, dass sie schon versucht, mich zu verführen.“ Das ist der erschütternd-naive O-Ton der Brussig-Prosa, in der die Formulierung „Bordsteinflamingos“ für die Prostituierten auf dem Straßenstrich an der Oranienburger Straße wie ein Highlight heraussticht.
Kaffee statt Champagner habe er bei seinen Besuchen der Etablissements getrunken, um das Spesenkonto nicht übermäßig zu belasten, lässt uns Brussig wissen. Vielleicht hätte sich der Schriftsteller doch das eine oder andere Gläschen genehmigen sollen, denn wie sagte einst Humphrey Bogart: „Was ich habe, ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen.“ Brussigs Berliner Orgie hat weder Gesicht noch Charakter.

Peter Mohr


Thomas Brussig: Berliner Orgie. Piper Verlag 2007. 205 Seiten. 17,90 Euro.

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