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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:08

 

Eric Honegger: Erinnerungs-Prozess

10.06.2007

Die Welt der Blasen

Erinnerungs-Prozess heißt das Buch von Eric Honegger, in dem der lange Zeit als Regierungsrat des Kantons Zürich und zuletzt als CEO und Verwaltungsratspräsident der SAirGroup tätige Politiker und Manager recht offen und erstaunlich ehrlich aus den Kreisen von Hoch-Finanz und –Politik berichtet und das nun auf einer Buchvernissage vorgestellt wurde. – Hans Durrer berichtet.

 

Der Klappentext ist (für einen angesehenen literarischen Verlag) von erstaunlicher Unbedarftheit: „Das Buch bildet die persönliche Befindlichkeit des Autors (gibt es eigentlich eine unpersönliche Befindlichkeit?) auf seinem hart zu bewältigenden Weg …. schonungslos ab …eine vordergründige Abrechnung mit seinen ehemaligen Mitarbeitern hat er nicht im Visier (vielleicht eine hintergründige?). Doch was er zu berichten hat, verfügt über Sprengkraft. Jedem anständigen Menschen müsste das Blut in den Adern gefrieren, wenn er zu lesen bekommt wie es um den Mut, die Haltung und die Zivilcourage unserer Gesellschaft und ihrer Repräsentanten in Politik und Wirtschaft bestellt ist.“ Ich halte mich zwar für einen durchaus anständigen Menschen, doch so lebensfremd bin ich dann doch wieder nicht, dass ich bei „Mut, Haltung und Zivilcourage“ an die Repräsentanten in Politik und Wirtschaft denken würde. Mit anderen Worten: mir ist das Blut in den Adern nicht gefroren.

Doch das Buch habe ich gerne gelesen, nicht zuletzt, weil mir der Autor aufrichtig, anständig, ehrlich, und um die Sache bemüht vorgekommen ist. Und der Mann hat etwas zu erzählen, auch wenn vieles nicht gerade überrascht („Das Interesse meiner Kolleginnen und Kollegen (in der Regierung des Kantons Zürich) richtete sich mehr darauf, dass die eigene Direktion möglichst ungeschoren durch die Sparübungen kam, als auf das übergeordnete Ziel des Haushaltsausgleichs“). So erfährt man zum Beispiel, dass er sich für den Posten als Präsident der SAirGroup (und gegen die ihm angebotene Anstellung bei der Crédit Suisse) entschied, weil er „das Gefühl“ hatte, „dieses Geschäft besser zu kennen als das Banking. Obwohl ich in der Regierung viel mit Finanzen zu tun hatte, war ich doch kein Bankfachmann, schon gar nicht im komplexen internationalen Banking. Dort hätte ich mir mehr Fachwissen aneignen müssen, als dies im Airline-Business nötig war.“ Und da dachte man doch bisher immer, die Leute, denen leitende Funktionen in einer Bank angeboten werden, seien Leute vom Fach.
Auch wenn Honegger mit dem Airline-Business nicht unvertraut war (schließlich verfügte er über mehrjährige Erfahrung im Verwaltungsrat der SAirGroup), galt es dennoch, sich mit der Materie intensiver auseinanderzusetzen: „Bevor ich mein Amt als Präsident der SAirGroup antrat, bot mir diese eine Weiterbildung an der Harvard Business School an. Das war eine große Chance, die ich gerne wahrnahm. Seit Jahren hatte ich nie mehr Zeit gefunden, Neues dazuzulernen, sieht man einmal von den jährlichen Seminaren zur Weiterbildung der Regierungsmitglieder ab.“

Auch wenn mein Vertrauen in die Kompetenz von Regierungsmitgliedern noch nie besonders groß war, zu erfahren, dass diese, einmal im Amt, nichts Neues dazulernen, bestätigt einmal mehr, dass man sich in solchen Positionen offenbar von der Realität verabschiedet hat. Dass Honegger übrigens kein Geheimnis daraus macht, dass er für das „Advanced Management Program“ in Harvard zuerst einmal richtig Englisch lernen musste (der Schulwortschatz aus dem Gymnasium war ihm, mangels Praxis, weitgehend entfallen) offenbart viel Aufrichtigkeit.
Honegger lege mit seinem Erinnerungs-Prozess nicht einfach ein weiteres Swissair-Buch vor, schreibt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und führt aus: „Wer vom glücklosen und spätestens in seiner späten Doppelrolle als Präsident und CEO der SAir Group auch überforderten Honegger vor allem Einzelheiten und Schuldzuweisungen in diesem nationalen Wirtschaftsdrama erwartet, kommt eher selten auf seine Kosten. Und es sind die schwächeren Passagen des Buches, in denen Honegger seinen negativen Empfindungen über Verantwortungsträger aus Wirtschaft (Gut, Corti, Goetz, Ospel) und Politik (Leuenberger, Blocher, Bührer, Huber) nachgibt, so menschlich diese auch sein mögen.“ Es sind ganz und gar nicht die schwächeren Passagen, die konkret benennen, was konkret zu benennen gehört. Wer nämlich weiß, dass sein Nachfolger Corti, „im Einklang mit dem Verwaltungsrat aus der Unternehmenskasse mit zwölf Millionen Franken entschädigt wurde, bevor er nur schon die Arbeit aufgenommen hatte …“, mag von Herrn Corti eigentlich nichts mehr hören. Außer man heißt Frank A. Meyer, der ihn noch im Februar dieses Jahres im „Sonntagsblick“ als den „Mann, der für die Swissair seine Karriere opferte“ beschrieb. Mit zwölf Millionen Franken ist ja das doch einigermaßen erträglich, möchte man meinen.

Buchvernissage

„Der Autor wird lesen und im Gespräch mit Professor Dr. Georg Kohler Sie interessierende Fragen erörtern“, hieß es in der Einladung zur Buchvernissage.
Zuerst redete der Verleger. Man erfuhr, dass er den Autor schon seit vielen Jahren als aufrichtigen Menschen kennt und dass das Zeugnis, das er hier ablege, an Gottfried Kellers Martin Salander gemahne. Und an Wallenstein, warf Professor Kohler ein.
Weder Martin Salander noch Wallenstein ist mir geläufig, und so mache ich mich kundig. Wir leben in einer Welt der Blasen, schreibt Peter von Matt im Dezember 2003 im Tages-Anzeiger, die dann alle wieder platzen, sei es die Börsenblase, die New Economy, die Patriotismusblase oder welche auch immer. Er fährt fort: „Von nichts anderem handelt der Salander als von solchen Blasen und vom Hereinfallen darauf. Der Held des Romans, Martin Salander, ist uns als Typus heute bekannt wie ein Doppelgänger. Er trifft auf immer neue Blasen und geht ihnen unweigerlich auf den Leim. Ein guter Mensch ist er, aber hilflos dem gelackten Beschiss gegenüber. Redlich ist er, von Idealen beseelt, aber, und hier ist Keller hinreißend, genau diese Art von sittlich bewegten Weltverbesserern ermöglicht den Triumph der Blasen.“ Und was ist mit Wallenstein? Der war kaiserlicher Generalissimus zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges und Herzog von Friedland und Mecklenburg sowie Fürst von Sagan und kämpfte auf Seiten des Kaisers und der Katholischen Liga gegen die Protestantische Union, fiel später jedoch in Ungnade und wurde von kaisertreuen Offizieren ermordet, erfährt man auf Wikipedia.

Im Gegensatz zu Wallenstein war Eric Honegger noch sehr lebendig als er aus seinem Buch vorlas, nicht zu schnell, nicht zu langsam, er machte das gut. Anschließend war Professor Kohler am Zug. Es dauerte eine ganze Weile, bis er zu seiner ersten Frage kam, die ich dann auch prompt verpasste. Das Buch sei nirgends wehleidig meinte Kohler (ich stimme zu), es sei kein Buch der Rache (ich sehe das auch so), kein Buch der Rechtfertigung im eigentlichen Sinne (vielleicht im uneigentlichen?). Positiv gesagt: da legt einer öffentlich Rechenschaft ab.
Die Antworten Honeggers auf die Fragen Kohlers und aus dem Publikum lieferten für diejenigen, die das Buch gelesen haben, wenig Überraschendes. Er wiederholte, zum Teil fast wörtlich, was er bereits geschrieben hatte. Spannend versprach es zu werden, als Kohler ihn darauf ansprach, dass ihm in einer Fernsehsendung vorgeworfen wurde, er zeige keine wirkliche Reue. Natürlich tue ihm leid was passiert sei, doch „wir haben damals innerhalb der Informationslage nicht anders entscheiden können“, erwiderte Honegger. Das sagt auch Hillary Clinton, wenn man von ihr fordert, sie solle zugeben, sie habe, als sie für die Invasion des Irak gestimmt habe, einen Fehler gemacht. Von „schuldloser Schuld“ sprach Professor Kohler.

„Nicht am Willen, etwas zu tun oder an der erbrachten Leistung wird man gemessen, sondern am Resultat. Und das Resultat heißt Konkurs, auch wenn er erst Monate nach meiner Absetzung eingetreten ist“ schreibt Honegger. Dass er es vorziehen würde, an der erbrachten Leistung gemessen zu werden, ist nicht nur verständlich, es wäre auch gerechter (und hätte bei ganz vielen Leuten massivste Lohneinbussen zur Folge). Doch leider hat der Kapitalismus längst ein Eigenleben angenommen, über das wir keine Kontrolle mehr zu haben scheinen.

Kohler und Honegger sind per Du, kennen sich schon lange, vom Fußballspielen her. Einmal, in einem Gespräch unter Freunden, berichtete Kohler, sei man auch auf die Scheinwelt und die reale Welt zu sprechen gekommen und Honegger habe gesagt, „wenn dir einer zehn Jahre erzählt, wie gut du bist, dann glaubt man das auch einmal.“ Doch jetzt will er darauf nicht eingehen, sondern streicht heraus, dass er als Regierungsrat mit viel Kritik habe leben müssen.
„Ein tiefes Sich Wundern: was passiert mir eigentlich?“ (so Professor Kohler) scheint nach wie vor Dr. Honeggers vorherrschendes Gefühl zu sein.

Er habe ja jetzt, sagte der Verleger Egon Ammann gegen Schluss der Vernissage, wie Martin Salander, die andere Seite des Staates kennen gelernt. Ob er dazu noch etwas sagen könne? Er und seine Frau hätten ernsthaft in Betracht gezogen, aus der Schweiz wegzuziehen, hätten dann aber gemerkt, dass sich seinen Lebensunterhalt im Ausland zu verdienen, auch nicht gerade einfach geworden wäre. Ausschlaggebend sei letztlich gewesen, dass sie nicht davon laufen, sondern sich dem Leben in der Schweiz stellen wollten. Und was mache er heute anders als früher? Wenn er heute, wie letzthin geschehen, jemanden entlassen müsse, wolle er ihm auch weiterhin in die Augen schauen können.
Möglicherweise wäre diesem lieber, er wäre nicht entlassen worden.

Hans Durrer


Eric Honegger: Erinnerungs-Prozess. Ammann Verlag 2007. 180 Seiten. 19,90 Euro.

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