Interkulturelles (4)
17.06.2007
Interkulturelles (4)
Hans Durrer über dubiose Verhaltensregeln für den Besuch in fremden Ländern.
Jeweils Samstags liegt in meinen Briefkasten Wirtschaft Regional, ein Blatt, das mir ohne dass ich es bestellt hätte, seit einiger Zeit gratis zugestellt wird und in dem regelmässig Menschen aus der Region Liechtenstein / Werdenberg / Sarganserland (oder solche, die mit dieser Region in Verbindung gebracht werden können) interviewt werden. Letzthin war es Marc Sittl, ein deutscher Hotelmanager, der mit seiner liechtensteinischen Familie vor fünf Jahren nach Abu Dhabi gezogen ist.
„Herr Sittl“, fragte Markus Goop für Wirtschaft Regional, „was mussten Sie als europäischer Manager als erstes lernen, als sie in das Königreich der Emirate kamen?“ „Mit der Internationalität der Gäste und des Personals umzugehen“, antwortete Marc Sittl und führte aus: „Kleinigkeiten sind entscheidend – Personen aus 40 verschiedenen Ländern arbeiten bei uns. Beispielsweise darf man einem Thai-Angestellten niemals auf den Kopf tippen. Das gleiche gilt natürlich für die arabische Kultur, die völlig anders und vor allem sehr traditionell und religiös ist. Man schüttelt einer Frau nicht die Hand. Und wenn man einen Araber am Tisch hat, sollte man nie die Füsse kreuzen oder die Fusssohle zeigen.“
Nun ja, das ist ja nicht nur in Abu Dhabi so. Hat man zum Beispiel, wo auch immer in der Welt, einen Schweizer zu Tisch, zeigt man diesem doch auch nicht die Fusssohle. Oder übersehe ich da vielleicht etwas, gibt es möglicherweise Kulturen, in denen man den Gästen bei Tisch die Fusssohlen zeigt? Auch dass man einem Thai-Angestellten niemals auf den Kopf tippen soll, scheint nicht allzu aussergewöhnlich. Ich stelle mir vor, dass auch anderen Angestellten das kaum sonderlich gefallen wird, wenn man sie auf den Kopf tippt. Zugegeben, ich kenne die Gepflogenheiten in der internationalen Hotellerie nicht, vielleicht ist es da ja üblich.
Knigges über fremde Länder sind oft amüsant und haben den Vorteil, dass sie meist keinen grösseren Schaden anrichten, allerdings nützen sie auch nicht besonders viel. Auf der Website (www.cross-cultural-coaching.com) von Walter Brander aus dem schweizerischen Cham, der, wie er verlauten lässt, in mehr als 88 Ländern und Märkten verantwortlich war „ for achieving results and sales objectives“, findet man zum Beispiel einen Test, der offenbar zeigen soll, was man von fremden Kulturen wissen muss, um als erfolgreicher „Global Player“ (es ist anzunehmen, dass Herr Brander sich selber so sieht) durchzugehen. „Wie tief verbeugen Sie sich bei der klassischen Begrüssung in China?“, lautet die erste Frage des Tests. Was um Himmels Willen ist bloss eine klassische Begrüssung, ist damit vielleicht eine besonders formelle gemeint? Wie auch immer, die Antwort, gemäss Herr Brander, lautet: „Am besten gar nicht. China ist nicht Japan. In China ist ein kurzes Kopfnicken üblich oder ein Händedruck.“ Letzteres hätte ich wohl eh gemacht, ich wäre gar nicht draufgekommen, dass Sich Verneigen hätte angesagt sein können. Im Übrigen würde ich mich auch in Japan nicht verneigen: das sollen nur Leute tun, die sich mit solchen Sitten und Gebräuchen auch wirklich auskennen.
Frage zwei: „Warum grüssen Sie einen Russen nie über die Türschwelle hinweg?“ Na ja, in eine solche Situation wird man so häufig ja nun auch nicht kommen, doch anzunehmen ist, das dies wohl mit Aberglauben zu tun hat. Und siehe da, die richtige Antwort lautet in der Tat: „Abergläubische Russen fürchten, das bringe Unglück.“ Sollte ich also künftig mit Russen zu tun haben, denen ich Schaden zufügen möchte, werde ich mich zuerst versichern, ob sie abergläubisch sind. Falls ja, weiss ich ja jetzt, was zu tun ist.
Frage drei: „Was passiert, wenn Sie in Malaysia dem Kind ihres Geschäftspartners übers Haar streichen?“ Ich bin sicher: in der Regel passiert gar nichts. Doch Herr Brander sieht das klar strenger: „Er (gemeint ist wohl der Geschäftspartner) wird schockiert sein! In Asien soll der Kopf – Sitz der Seele – nicht berührt werden.“
Frage vier: „Woher bekommen Sie in Dubai die traditionelle weisse Dish-dasha fürs Meeting?“ Keine Ahnung, doch ich nehme nicht an, dass ich mich für ein Meeting in traditionelle Gewänder hüllen werde. Das tun in der Regel nur Staatschefs, wenn sie sich bei internationalen Wirtschaftstreffen (nach den Meetings notabene) für die Fotografen herrichten – und meistens sieht das ziemlich blöd aus. Die richtige Antwort? „Nur keine Umstände. Ungläubigen ist es nicht erlaubt, traditionelle muslimische Kleidung zu tragen.“ Aha, jetzt weiss ich jedenfalls was eine Dish-dasha ist. Andrerseits: Dass der Herr Brander die Besucher seiner Website offenbar allesamt für Ungläubige hält, zeugt nicht gerade von einer ausgeprägt differenzierten Weltsicht.
Das Fazit? Am besten fährt, wer sich in fernen Ländern so gesittet verhält wie er (oder sie) sich da, wo er (oder sie) herkommt, es auch tut. Kulturelle Fehltritte werden Fremden nämlich fast immer leicht verziehen, vor allem dann , wenn sie sichtlich nicht beabsichtigt waren.
Hans Durrer
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