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Interkulturelles (8)

27.08.2007

Interkulturelles (8)

Lesern von Pico Iyers früheren Büchern ist bekannt (er hat es oft genug erwähnt), dass er als Kind indischer Eltern in England geboren, in Amerika aufgewachsen, doch in England zur Schule gegangen, heute in Japan lebt. In seinem neuesten Werk lernen wir nun, dass er sehr viel durch die Gegend fliegt, also eine
Global Soul (dies der englische Originaltitel) ist und sich zu fast Allem und Jedem seine Gedanken macht. Er ist ein genauer Beobachter, ein guter Rechercheur, und was ihm notierenswert, lohnt die Lektüre.

 

Um der globalen Seele nachzuspüren, hat sich Iyer unter anderem mehrere Wochen am LAX, dem internationalen Flughafen von Los Angeles aufgehalten und dabei auch festgestellt, dass viele Neuankömmlinge am meisten darüber verblüfft sind, dass das gelobte Land aus Immigranten wie ihnen selber zu bestehen scheint und eigentlich so ziemlich gar niemand wie Robert Redford oder Michelle Pfeiffer aussieht, die sie vom Fernsehen her kennen.

Natürlich sieht nicht jeder Flughafen wie der andere aus, doch die Tendenz zur Uniformität ist unübersehbar: die selben Ladenketten und Produkte allüberall, die üblichen Hotelketten nebenan. Klar, das findet niemand spannend. Doch Iyer, ein belesener Kopf und Auffinder von Trouvaillen, zitiert dazu Christopher Isherwood, der einmal gemeint hat, die Gleichförmigkeit der Dinge sei der Transzendenz förderlich, weil ihre Oberflächen so leer seien und man sich deshalb leicht davon befreien könne. Ganz im Gegensatz etwa zu alten Kathedralen, teuren Erstausgaben, Pariser Models oder Weißwein.

Wo, fragt Iyer, könnte man sich besser über den Stand der Weltordnung informieren, als bei den Olympischen Spielen? Und so hat er in den vergangenen fünfzehn Jahren sich zu insgesamt sechs Olympiaden aufgemacht. In Nagano, zum Beispiel, hat er beobachtet wie die iranische Delegation (bestehend aus vierzig Männern) sich weigerte, anlässlich der Parade der Nationen, von einer Frau angeführt ins Stadion einzumarschieren; wie die Südkoreaner den nordkoreanischen Eisläufern zujubelten (wofür sie zu Hause eingesperrt hätten werden können); und wie in der Disco des Olympischen Dorfes die Teenager alle Sprachbarrieren mit Kichern überwanden.

Iyer, wie alle Kosmopoliten, ist letztlich auf der Suche nach einem Zuhause, einem multikulturellen natürlich. Toronto scheint seinem Multikulti-Ideal am nächsten zu kommen: Hier finde sich die New Yorker Intelligenzia (doch ohne die Neurosen), und die ganze Kultiviertheit Londons (ohne das Säuerliche) – ein temperierter Idealismus, der ihm das Herz wärmte und Vertrauen einflösste. Dabei, und dies ist einer seiner größten Vorzüge, weiß er die Dinge auch immer mit klärender Distanz zu sehen: Es sei eine der Kuriositäten des Daseins als Fremder, wo auch immer, dass man Paradiese erblicke, wo Einheimische nur Fegefeuer auszumachen imstande seien.

Doch Iyer hat sein Zuhause nicht in Toronto gefunden, sondern ist nach Japan zurückgekehrt. Ihm ist klar, dass Japan einem Japaner genauso seelenlos und voll trauriger Einsamkeit vorkommen kann, wie ihm selber London oder Los Angeles. Andrerseits lebt er als Ausländer, der dort gar nie dazugehören kann, anders als die Japaner es tun. Mit weniger Besitztümern, langsamer auch.

Eines Nachts träumt er von seiner Kindheit in England, und plötzlich, und mit völliger Klarheit, weiß er, dass er sich dort zugehörig fühlt: Bei den Häusern aus rotem Ziegelstein, den grauen Nachmittagen, dem modrigen Licht und der Langeweile, dem Gefühl, dass nichts Besonderes geschieht. Nicht nur, dass er in seinem Traum die Gerüche und Stimmungen seiner Kindheit empfand und sah, er fühlte sich mitten drin. Dann wachte er auf. An einem hellen Sonntagmorgen in Japan. Er war angekommen.

Hans Durrer


Pico Iyer: Sushi in Bombay. Fischer Verlag. 320 Seiten.

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