Am Ehrenmahl der deutschen Einheit
03.10.2007
Die Kolumne zum Feiertag. Von Ismael Fischmord
Wenn man vom Land kommt, dann hat man nur wenige Möglichkeiten, ein vernünftiges Leben zu leben. Die eine heißt, sich zu weigern, vollständig verrückt zu werden, die andere lautet, sich nicht erwachsen machen zu lassen und die dritte ist, offen in den Widerstand zu gehen. Nutzt man keine davon, wird man entweder völlig verrückt und Landwirt, ist viel zu früh halb erwachsenes Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, muss dort Verantwortung übernehmen und wird mit siebzehn mit einem dicken Mädchen zwangsverheiratet.
Ein anderes typisches Schicksal der Landjugend ist, dass man von den eigenen Eltern verkauft wird, weil diese nicht mehr ein noch aus wissen und auch nicht mehr für die Versorgung aufkommen können. Dies genau war mein Schicksal. Aber meine Eltern tragen nicht alleine die Schuld. »Mama, ich möchte Schlagzeuger werden. Ich mag das Solo von Ian Paice von Deep Purple und finde die Paraddidle Technik von Gene Krupa hoch beeindruckend. Das möchte ich auch machen. So will ich spielen lernen.« Das ist keine schlechte Aussage für einen Siebenjährigen kurz vor dem Wachstum. »Fein, wir kaufen dir ein Klavier«. Das war keine schlechte Antwort für eine ausgewachsene 40jährige vom Land.
Meine Eltern kannten, wie die übrigen Dorfbewohner, drei Gattungen in der Instrumentenkunde: Kellerinstrumente, Dachbodeninstrumente und Wohnzimmerinstrumente. Schlagzeug und Dinge, die mit Strom betrieben werden mussten, galten als laut, sie waren eindeutig Kellerinstrumente. Blasinstrumente waren wenig begehrt, weil sie Leck geschlagen waren. An irgendeiner Seite lief immer Spucke raus. Man konnte und durfte sie nur auf dem Dachboden spielen, wo es ohnehin rein regnete und riesengroße Spinnen ihre Pisse absonderten. Was blieb, um der Jugend eine gut geheizte musikalische Bildung zugute kommen zu lassen, war das Klavier. Ein Klavier konnte ins Wohnzimmer. Das Klavier war das Wohnzimmerinstrument. Man kriegt also ein Klavier, wenn man Musik machen möchte, ob man will oder nicht. Ein Klavier sieht nett aus und man kann sogar eine Hausbar darin verstecken. Praktisch.
Mir reichte die mütterliche Feststellung »du kriegst ein Klavier« aber nicht als Antwort auf den Wunsch, Schlagzeuger zu werden. »Wenn ich nicht Schlagzeug spielen darf, dann gehe ich in die freiwillige Feuerwehr. In spätestens drei Jahren seid Ihr Großeltern.« Das war ihnen nicht recht, meinen Eltern, was aber weniger mit dem drohenden Nachwuchs zu tun hatte. Sie befürchteten einfach, ich würde noch am gleichen Abend den Dachstuhl in Brand setzen, um autodidakt die Löschkunst zu erlernen. Heute würde man mich mit Retalin vollpumpen und mich mit mindestens zwei oder drei lateinischen Diagnosen adeln – damals kannte man für meinen Aktionismus nur ein Wort, das man stets zusammenhängend aussprach. Man brauchte auch keinen Arzt für die Diagnose, sondern nur den Kennerblick der dickleibigen Wustverkäuferin im Krämerladen. Ihre Feststellung kam aber einer Diagnose gleich und lautete: „Eristeinaufgewecktesundsehrregeskind.“ Und als solches, das wussten sogar meine Eltern, bekommt es einem eigentlich gut, wenn man Schlagzeug spielt. Auch wenn es laut ist, weh tut und im Keller stattfindet.
»Unser Sohn will das Kellerinstrument lernen«, sagte meine Mutter am Abend unter Tränen und mein Vater griff zum Telefonhörer und wählte die einzige örtliche Notrufnummer, die eine 24 stündige Hotline hatte. Neun Minuten später und einige Tränen weiter war ich gegen eine Ablösesumme von nur fünf Mark im Monat verkauft – an den Tambourkorps. Schlagwerker gehören auf dem Lande in einen Keller oder in einen Tambourkorps – mein Vater hatte entschieden. Im Keller stand schon das Weinregal.
So verzichtete ich notgedrungen auf die Paradiddle Technik von Gene Krupa, bekam beigebracht, wie man Schlagzeugstöcke in Wirklichkeit niemals halten durfte und wie man sich eine Jazz- und Wirbeltechnik für Jahre versaut. Das nannten die Ausbilder „Grundkenntnisse“. Die erlernte ich auf einem Holzblock. Für eine Trommel war ich noch zu schmächtig oder ich konnte noch nicht genug Bier vertragen, da wird auf dem Land keine so feine Trennlinie gezogen. Am Ende meiner Ausbildung war ich acht, kannte vierundzwanzig preußische Märsche, hatte eine grüne Krawatte mit Eichenlaubverzierung und wusste wie Bier schmeckt. Ich hielt Schlagzeug von nun an für ein Instrument, das mindestens von drei Landwirten gespielt wird: dem an der Paukentrommel, dem mit der Marschtrommel und dem, der die beiden Becken schlägt. Becken und Pauke waren Posten für die, die weder Talent noch Rhythmusgefühl hatten. Ein gefährlicher Job. Nach nur drei Schützenfesten waren sie vom Biertrinken so aufgeschwemmt, dass sie nur noch unter großer Mühe an das Schlagfel kamen und die Becken so gegeneinander werfen konnten, dass nicht immer eine Bauchfalte dazwischen hing. Nach fünf Schützenfesten mussten sie gegen neue Mitspieler ausgewechselt werden. Trommler nicht. Trommler blieben schlank. Ich auch. Ich trommelte gerne, fuhr frohlockend zur Schule und summte dabei leise den „Brucker Lagermarsch“ oder „Preußens Gloria“ vor mich hin. Manchmal auch „das Lieben bringt groß Freud“. Auftritte hatten wird leider nicht sehr viele. Folgende Dinge fand ich deshalb Schade: es gab nur einmal Schützenfest im Jahr, nur einen Volkstrauertag und noch keinen Tag der Deutschen Einheit. Denn obwohl die Amerikaner noch im Waldstück nebenan lagen und täglich auf russische Panzer warteten, war ich visionär genug, um eines zu wissen: Eine Deutsche Einheit wäre eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal öffentlich trommelnd vor einem Kriegerdenkmal am Ort zu treffen. So aber fand das Trommeltreffen nur zum Voklstrauertag statt.
Am Tag des deutschen Volkes Trauer standen wir früh auf und einheitlich viel rum. Zwischendrin salutierten wir unzählige Male, nahmen die Trommel auf und ab, kreuzten Stöcke und Blicke und erinnerten uns der beiden Kämpfer unserer Gemeinde, die wahrscheinlich irgendwann irgendwie ums Leben gekommen waren. Ob das stimmte, wusste keiner so genau. Fest stand: Sie gingen in den Kriegsjahren weg und blieben verschollen. Es könnte natürlich auch sein, dass sie einfach fortgezogen waren. Das aber bedeutete das gleiche. Sie waren für den Ort verloren und deshalb musste ihrer gedacht werden. Der Krieg bot immerhin die Möglichkeit, dass man aus einigen vom Ort ein paar Helden schmiedete... Also hatte man ihnen in den sechziger Jahren ein Kriegerdenkmal aus dem neu entwickelten Werkstoff Beton gebastelt. Wir spielten nun jedes Jahr davor und luden Kränze ab, um hinterher kranzweise Biere in uns hinein zu schütten. Wahrscheinlich wegen der Trauer. Ich spielte »Ich hatt einen Kameraden, einen besseren findst du nicht«, salutierte und lauschte dem großen Zapfenstreich. Schon kurz darauf war großer Zapfhahn und nur wenige Minuten und Liter verstrichen und ich hätte als Zugabe »die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen« gespielt, wenn mir irgendjemand die Noten gereicht hätte. Jugend ist unkritisch aber musikalisch und trinkt gern. Auch vor Kriegerdenkmälern.
Ich bin lange nicht mehr da gewesen und frage mich, wie sie wohl morgen den Tag der deutschen Einheit begehen. So etwas muss man feiern – überall. Der Tag der Deutschen Einheit ist auch ein Tag aller Tambourkorps dieses Landes. Wofür genau gefeiert und aufgespielt wird, ist für einen Marschtrommler egal, wichtig aber ist die Frage: wovor – wegen der Kranzniederlegung. Sie werden mit dem ganzen Tambourkorps irgendwo stehen und ein Denkmal bespielen. Wahrscheinlich haben sie in der Zwischenzeit mit Hilfe von Spenden ein Stück Mauer aufgebaut. Irgendein Stück irgendeiner Mauer. Die Symbolik zählt. Morgen versammeln sich alle davor und gedenken der Opfer. Ganz sicher ist niemand aus meinem Dorf dem Mauerbau oder dem Mauerfall zum Opfer gefallen, wir wohnen in der Nähe der holländischen Grenze, da gibt es weite Felder, aber weit und breit keine Mauer. Das könnte ein Problem sein, wegen der Inschrift. Wahrscheinlich hat man deshalb einfach die Namen derjenigen auf das Stück alte Mauer gemeißelt, die nach Berlin gezogen sind. Ihrer wird morgen gedacht werden. Sie sind für den Ort verloren und haben ihr Leben hingegeben, um dem Ort in der Fremde, in der Hauptstadt zu dienen. Mir nicht, mir wird man nicht gedenken, mir wird man keine Schleife des Kranzes widmen. Ich gelte nur als verschollen, niemand weiß, wo ich bin. Und eines würde man auch nicht verstehen, wenn man mich träfe oder ich zurück käme: »Wie kann jemand, der so viele Märsche konnte und im Tambourkorps alles erreicht hatte, was man im Tambourkorps nur erreichen konnte, wie kann jemand die Mühe auf sich nehmen und nochmal ganz von vorne anfangen. Und wieso erlernt er dann ein Instrument, das man eigentlich auch gut zu dritt spielen kann?«
Ismael Fischmord
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