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Buchmesse Spezial

10.10.2007

Mehrsprachigkeit war für Ramon Llull kein Hindernis

Mit Katalonien ist erstmals eine Region (und kein Land) Themenschwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Jene Region im äußersten Nordosten der iberischen Halbinsel, in der Katalanisch (und eben nicht Spanisch, Castellano) die bevorzugte Sprache ist. Von PETER MOHR

 

Mit Katalonien ist erstmals eine Region (und kein Land) Themenschwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Jene Region im äußersten Nordosten der iberischen Halbinsel, in der Katalanisch (und eben nicht Spanisch, Castellano) die bevorzugte Sprache ist. "Ohne die katalanische Sprache würden wir nicht von katalanischer Kultur sprechen", erklärte Josep Bargalló, Direktor des Instituto Ramon Llull, das Katalonien federführend in Frankfurt vertritt. Einhergehend mit den immer wieder aufkeimenden Autonomiebestrebungen in Katalonien sollen nun nur Autoren zur offiziellen Frankfurter Delegation gehören, die ihre Werke in katalanischer Sprache schreiben.

Viele der bekanntesten katalanischen Autoren werden auf diese Weise ausgegrenzt. Juan Goytisolo, Eduardo Mendoza, Juan Marsé, Enrique Vila-Matas und Carlos Ruíz Zafón schreiben alle auf Spanisch – ebenso wie der 2003 verstorbene Manuel Vázquez Montalbán, der mit seinen Pepe-Carvalho-Krimis auch hierzulande eine große Leserschaft gefunden hat. "Ich mache gerne Platz für einen Schriftsteller, der auf Katalanisch schreibt", erklärte der 73-jährige Juan Marsé süffisant.

Noch bevor die Frankfurter Buchmesse ihre Pforten geöffnet hat, führte das in Zeiten des europäischen Zusammenwachsens provinziell anmutende katalanische Possenspiel zu einer tiefgehenden Spaltung in der Gastregion.
Dass der Sprachenstreit den Gedanken des Urvaters der katalanischen Literatur, des Philosophen, Universalgelehrten und Mönches Ramon Llull (1232–1316) zuwiderläuft, scheint heute niemanden mehr zu stören. Der Mallorquiner Llull, der viele Jahre im Kloster Santuario de Cura (nördlich von Llucmajor) lebte und arbeitete, war ein weit gereister Mann und hatte sich zum Ziel gesetzt, alle Sprachen der besuchten Länder zu beherrschen. Llull hat über 260 Werke hinterlassen, darunter bedeutende katalanische Romane wie Bla(n)querna oder Fèlix o Llibre de meravelles.

Obwohl Barcelona schon früh zum literarischen Zentrum Spaniens wurde und noch heute der wichtigste Verlagsort des gesamten Landes ist, lebte die in katalanischer Sprache verfasste Literatur erst wieder im 19. Jahrhundert auf. Die Epen von Jacint Verdaguer (1845–1902), die Dramen von Àngel Guimerà (1845–1924), die Romane von Narcís Oller (1846–1930), die mit einem Zola-Vorwort auch auf Französisch erschienen sind, und die Lyrik von Josep Vincenc Foix (1893–1987), der mit den beiden weltbekannten katalanischen Malern Joan Miró und Salvador Dalí befreundet war, fanden weit über Kataloniens Grenzen hinaus Beachtung.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts boomte vor allem die Erzählliteratur. Opulente Werke legten die beiden im Jahr 1897 geborenen Romanciers Josep Pla aus Palafrugell an der nördlichen Costa Brava und der Mallorquiner Llorenç Villalonga vor. Der glänzende Beobachter und ausgefeilte Stilist Pla, der als Journalist aus vielen Ländern berichtet hat, bringt es auf ein 46-bändiges Gesamtwerk. Villalonga widmet sich in den wichtigsten seiner Werke (1931: Tod einer Dame, 1961: Bearn) dem Niedergang der mallorquinischen Aristokratie.

Ein Vertreter der literarischen Avantgarde war Salvador Espriu (1913–1985), dessen Poesias gerade im Ammann Verlag neu aufgelegt wurden. Der Erzähler, Dramatiker und Mitbegründer des katalanischen Schriftstellerverbands ist Schöpfer des imaginären Ortes "Sinera" – ein Anagramm aus dem Küstenstädtchen Arenys (zwischen Blanes und Mataró), wo Espiru lange lebte und ein Forschungszentrum den Namen des Ehrendoktors der Universitäten Barcelona und Toulouse trägt.

Ein weiterer äußerst fruchtbarer Autor ist Manuel de Pedrolo (1918–1990), der mehr als 50 Romane publiziert hat – darunter den mehr als eine Million Mal verkauften Science-fiction-Bestseller Mecanoscrit del segon origen (1974: Maschinenskript vom zweiten Ursprung).

Da das Franco-Regime bis in die 60er-Jahre hinein eine äußerst repressive Politik gegenüber Katalonien verfolgte (totales Verbot der katalanischen Sprache), entstanden auch im Exil herausragende Werke der katalanischen Literatur. An erster Stelle rangiert der in zwölf Sprachen übersetzte Roman Auf der Plaça del Diamant (1962) von Mercè Rodoreda (1909–1983), in dem der Leidensweg einer jungen Frau aus einem Vorort Barcelonas in der Zeit des Bürgerkriegs beschrieben wird.

Die große Teilung in Katalanisch und Spanisch schreibende Autoren hat sich in den 60er-Jahren vollzogen. Die bedeutendsten zeitgenössischen Romanciers bevorzugen heute Spanisch: Juan Goytisolo, Eduardo Mendoza, Juan Marsé, Enrique Vila-Matas und Carlos Ruíz Zafón. Von Mendoza (Mauricios Wahl), Vila-Matas (Doktor Pasavento) und Marsé (Der zweisprachige Liebhaber) erscheinen zur Buchmesse ebenso neue Romane wie vom "Star" der katalanischen Fraktion, Quim Monzó (Hundert Geschichten). Eine Sonderstellung nimmt die in Palma de Mallorca geborene und in Barcelona lebende Carme Riera (Jahrgang 1948) ein. Sie verfasst ihre Romane zeitgleich in Katalanisch und Spanisch. Von ihr ist bei Ullstein soeben der Roman Der englische Sommer erschienen.

Katalanisch wird heute von knapp acht Millionen Menschen gesprochen, und zwar in Katalonien, in der Provinz Valencia, auf den Balearen sowie in Teilen Aragons und des französischen Departments Pyrenées-Orientales. Doch im Alltag dominiert überall die Zweisprachigkeit. Dieses Nebeneinander funktioniert allenthalben – nur nicht in den Köpfen der katalanischen Kulturpolitiker des Instituto Ramon Llull.

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