Diesem Rausch, dem allzu oft die Begleiterscheinung der Kritiklosigkeit treu zur Seite steht, wollen wir einen Kübel frisches Wasser verabreichen, geschöpft aus dem kleinen, aber stetigen Quell der Skepsis. „Wie man ein Buch liest“, geschrieben von Mortimer J. Adler und Charles van Doren. Ersterscheinung übrigens 1940 und dieses Jahr neuaufgelegt bei Zweitausendeins.
„Nicht die Menge des Gelesene ist wichtig, entscheidend ist, die eigene Lektüre effektiv zu gestalten.“ Das ist natürlich zunächst konsumfeindlich und stößt jedem auf, der sich damit brüstet, schon ganze Bibliotheken leergelesen zu haben. Der New Yorker schrieb über dieses Buch (original: “How to read a book“), es sei das Schlüsselwerk zur Kultur. Gut, manche mögen meinen, dies sei doch eher die Bibel resp. der Koran oder etwa Homers „Odyssee“ u.ä. Nichtsdestotrotz müssen auch diese erst einmal gelesen und verstanden werden – und wenn man sich so umschaut auf unserem Planeten, dann scheinen zumindest bei den religiösen Texten so viele Unklarheiten zu bestehen, also so viele Falschlektüren zu bestehen, dass es rund um den Globus so mächtig bumst und scheppert. Und wenn man dann noch an die Koranschulen denkt, die zumeist nur das sture Auswendiglernen vermitteln, ganz ohne Hinterfragen, dann wird einigermaßen ersichtlich, wie wichtig, ja un-ver-zicht-bar solch ein Buch, das uns das Lesen lehren will, doch ist.
Schau, der eigene Nabel
Auch unsere Kultur laboriert selbstverständlich an mangelnder Fähigkeit zur Medienkritik- mit erschreckenden Resultaten, das harmloseste davon ist noch das deutsche PISA-Ergebnis. Adler und van Doren machen hier zumindest für den Bereich „Buch“ einen ersten, wichtigen Schritt in die völlig richtige Richtung. Natürlich musste die Originalausgabe von 1940 ein wenig umgeschrieben, sprich: angepasst werden. Zu viel hat sich zwischenzeitlich medial und im Bildungsbereich in unserer Welt getan. Zudem ist das Interesse im Bereich Sachbuch wesentlich größer geworden, was allein schon ein völlig neues Lesen fordert. Im Kern allerdings ist es, auch wenn erweitert und neu gegliedert, das Buch von 1940.
Was lernt man hier also? Zunächst einmal die Binsenweisheit, dass Lesen nicht gleich Lesen ist. Jeder Text bedarf eines bestimmten Tempos und einer bestimmten Strategie. Schon ein Zuschnell oder Zulangsam kann da schädlich sein. Außerdem bedarf es eines klaren Erkennens der Textsorte, mit der man es jeweils zu tun hat, um den Rang der Argumente innerhalb eines Textes und um vieles mehr, was erstaunlicherweise – und das ist das eigentlich schockierende – in unseren Schulen nicht mehr unterrichtet wird. Zumeist wird ja nur bis zur sechsten Klasse ein dezidierter Leseunterricht erteilt. Danach?
Adler und van Doran geht es um Bewusstheit, um das Anwenden und Erlernen einfacher Regeln und das Kennenlernen eines hilfreichen Kanons – letztlich um die wahre Lesekunst. Erreicht wird diese über einzelne Etappen, die da heißen: elementares Lesen, prüfendes Lesen, analytisches Lesen und syntopisches Lesen. Wer jetzt schon denkt: „Mein Gott, wie professoral!“ Der sollte sich aber vom Gegenteil überzeugen lassen, denn die Lektüre ist außerordentlich kurzweilig, übersichtlich und sehr gut verständlich, da auch die Gesamtgliederung zur Klarheit vieles beiträgt. Kurz: Ein wirklich wichtiger Baustein für das Erwachsen oder Erwachen eines mündigen Bürgers.