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Petits riens (9)

03.12.2007

fast-food-Fassung

WOLFRAM SCHÜTTE über die 38 Seiten dünne fast-food-Fassung von Don DeLillos Roman „Falling Man“ mit dem das „Zeit-Magazin“ die Unversehrtheit und Originalität eines Kunstwerks unter tätiger Mithilfe seines Autors auf dem Altar einer zeitgemäßen Verwurstung liquidiert hat, Ulli Hoeneß’ Empörung über die Plebs der Südkurve, überfüllte Ausstellungen als kulturelle „Events“ und über die bemerkenswerte Dankesrede des Schriftstellers Ingo Schulze anlässlich der Verleihung des „Thüringer Literaturpreis“.

 

So gut wie unbemerkt von der Literaturkritik hat das „Zeit-Magazin“ zur Buchmesse eine literarische Verwertungsnovität auf den Zeitungsmarkt gebracht, die in unserer schnelllebigen Zeit eine große Zukunft haben könnte. Was im internationalen akademischen Verkehr das „Summary“, also die Zusammenfassung eines Aufsatzes oder einer These ist, hat das Zeitmagazin „Leben“ nun auf die Schöne Literatur übertragen: „Ein ganzer Roman. In einer Fassung nur für das Zeitmagazin“.
Der ganze Roman, den „der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo für diese Ausgabe mit Hilfe seiner deutschen Lektorin (...) exklusiv erstellt hat“ und dessen „Langfassung“ bei Kiepenheuer & Witsch zwei Wochen später erschien, war „Falling Man“. Der Roman DeLillos über 9/11, das New Yorker Massenverbrechen, das „die Welt erschütterte“, die danach nicht mehr war, was sie zuvor gewesen war, diente dem Zeit-Magazin als Ein- oder Abstieg der Buch-Promotion, wie es sie, zumindest an diesem Ort, der Hamburger „Zeit“ (meine ich), zuvor auch noch nicht gegeben hatte, aber nun das „künftig jährlich erscheinende Literaturheft (...) unter dem Motto: Ein Autor, ein Roman, ein ZEITmagazin“ zur Wiederholung mit einem anderen Objekt ankündigt.
Vollmundig, wie der fast schon in Vergessenheit geratene Slogan: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, bietet das Zeit-Magazin seinen Lesern, die es, aber selbst keine Zeit haben, um die 304 Seiten des Romans „Falling Man“ zu lesen, dessen autorisierte Kurzform auf bloß 38 Zeit-Seiten an - wohingegen der Verlag für deren „Langfassung“ 19.90 Euro verlangt. Dabei ist doch das Reader´s Digest des ins Zeit-Magazin „Fallenden Manns“ in dessen Preis inbegriffen, weist also für den geizigen Leser ein geradezu geiles, märchen- & schnäppchenhaftes Preis-Leistungsverhältnis auf.

So kann man als Zeitgenosse der „Flüchtigen Moderne“ guten Gewissens von sich sagen und anderen gegenüber behaupten, „Falling Man“ selbstverständlich zu kennen, ohne den Roman wirklich gelesen haben zu müssen; zugleich sich aber auch in seinem Vorurteil bestätigt sehen, dass diese Romanschreiber viel zu geschwätzig sind, statt kurz & knapp zur Sache zu kommen und einen nicht mit ihren eitlen, ausgewalzten erzählerischen Weitschweifigkeiten & kompositorischen Umständlichkeiten zu langweilen.

Der operative Leser-Service des Zeit-Magazins, der die vom Autor autorisierte und von seiner deutschen Lektorin chirurgisch ausgeführte Geschlechtsumwandlung seines Romans in dessen novellistische „U-Bahn-Fassung“ (Robert Wischenbart in „Virtualienmarkt“) vorausging, hat die literarische Minimalisierung maximal leserfreundlich aufgewertet. Denn was dem Leser an Roman-Lektüre erspart wurde, konnte durch ein Bypack-Interview mit dem Autor ausgefüllt werden, weil diese Leser ohnehin lieber erfahren, was der Autor mit seinem Buch „gewollt hat“ und was er von der Welt hält, anstatt sich der lästigen Mühe einer ausgiebigen Buchlektüre zu unterziehen und darüber den Kopf zu zerbrechen.

Nun weiß ich zwar nicht, ob diese Designer-Idee auf dem Redaktionsmist des Zeit-Magazins ursprünglich gewachsen oder doch dem vorauseilenden Nachholen einer dort nun auf deutsch adaptierten US-Idee entsprungen ist. Aber der krähende Stolz, mit dem man in Hamburg auf der Titelseite des Magazins ein Hardcover simuliert & darauf annonciert: „Dieses Magazin ist ein BUCH“, möchte sich unverkennbar surrealistisch nobilitieren. René Magrittes Abbild einer Pfeife mit der Unterzeile: „Ceci n´est pas une pipe“ hat dabei witzig Pate gestanden.

Der belgische Surrealist wollte mit seinem originellen Bild dessen augentäuscherische Repräsentation des Realen beim Betrachter destruieren. Die Pfeife, die er sieht, ist sie nicht; er hat nur ihr Abbild, nicht sie selbst als reales Objekt. Die Zeit-genössischen Hamburger Designer aber möchten mit dem von ihnen „inszenierten“ Augentrug (statt eines Magazins ein Buch vor Augen liegen zu haben, das man Seite für Seite als Buch durchliest) nicht zerstören, sondern festigen. „Sie denken“, suggerieren das Zeit-„Leben“ dem Leser, „Sie hätten, wie gewöhnlich, ein Zeit-Magazin in Hochglanz vor sich; aber schauen sie doch mal, das ist doch ein Buch“ - wie es im Magazin steht. Magrittes surrealistischer Witz der Subversion wird in sein Gegenteil verkehrt: zur Affirmation des Abbildes als realem Objekt. Die abgebildete Pfeife ist die reale Pfeife. Oder mit den Zeit-Worten: Ein ganzer Roman in einer Fassung des Zeitmagazins ist der wirkliche Roman, während der in den Buchhandlungen zu kaufende Roman nur dessen - für Konsumenten, die mehr Zeit haben im Leben - simulierte „Langfassung“ sein dürfte.

Wir sind hier Zeuge geworden, wie „eine der großen Stimmen der Weltliteratur“ (Zeit-Magazin) willentlich und mit Hilfe seiner deutschen Lektorin und seines deutschen Verlags sein eigenes literarisches Werk zum fast-food zurichtet, und wir könnten sagen, wir waren dabei gewesen, als die Unversehrtheit und Originalität eines Kunstwerks unter tätiger Mithilfe seines Autors auf dem Altar einer zeitgemäßen Verwurstung liquidiert wurde.
Wir könnten, mit Goethe, von diesem Valmy des literarischen Marketings sagen, dass „von hier und heute eine neue Epoche der Welt“-Literatur „ausgeht“ - wenn wir es denn bemerkt hätten.

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Bisher hatte ich gedacht, einzig der unvergleichliche Karl Kraus habe ihm unliebsame Leser damit bestraft, dass er ihnen das Abonnement seiner „Fackel“ kündigte. Jetzt aber lese ich in der SZ (14. 11. 07), dass der FC Bayern schon im Frühjahr „500 Personen die Dauerkarte entzogen hatte, weil sie sich auf der nicht mehr erwünschten Gruppierung Schickeria geführten Dauerkarten-Liste eingetragen hatten“; und dass Uli Hoeneß, der Manager der FC Bayern AG, eben jetzt erklärt habe, man werde auch künftig sich seine „Gäste aussuchen“.

Die Cäsaren in Rom hätten sich bei ihren Panem et Circenses nicht getraut, derart mit der Plebs zu verfahren. Zwar gab es bei den Gladiatorenkämpfen gewiss auch damals schon Fan-Clubs und im Forum Romanum vielleicht auch bereits Fan-Kurven; aber vom Fernsehen, das heute die Volks-Vergnügungen in den Arenen & die Spitzengehälter der Akteure auf den Rasen und den Geschäftsführeretagen mit öffentlichen & Werbe-Geldern hauptsächlich finanziert, war man auch noch fast 2000 Jahre entfernt. „Was glaubt ihr, wer ihr seid?“ empörte sich Hoeneß über die Plebs der Südkurve, die auf ihrem 7¤-Stehplatz als „Sozialticket-Empfänger“ (FC-Bayern-Vizepräsident Scherer) offenbar nicht weiß, was sie ist oder besser was sie sein soll: brav fanatisch jubelnde Claqueure, zugelassene und ausgehaltene Stimmungskanonen für Zwischenschnitte bei den Sportschauberichten. Jetzt wissen sie es. Und Karl Kraus ist nicht mehr der einzige, sondern nur der erste gewesen, der auf die ultima ratio verfiel, zahlende Abonnenten auszusperren, wenn sie ihm zu frech geworden waren.

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Neulich erzählte ein Bekannter, er sei für ein paar Tage nach Madrid geflogen - nur um die Schätze des eben neu eröffneten Prado zu bewundern. Er hat sie nicht gesehen, obwohl er es an zwei verschiedenen Tagen versucht hatte - weil er das stundenlange Stehen in einer kilometerlangen Schlange von Besuchern am Ende in der Madrider Eiseskälte nicht ausgehalten hat. Er hatte nicht gewusst, dass just zu jener Zeit, wegen der Neueröffnung nach Um- & Neubauarbeiten, der Eintritt frei war.

Einem anderen ist kürzlich Ähnliches passiert, als er - in Berlin ansässig - die dorthin zeitweilig ausgelagerte MoMa-Ausstellung besuchen wollte. Es gelang ihm nur zeitweilig, nämlich zur frühesten Morgenstunde, bevor die angereisten Touristenscharen gefrühstückt hatten. Aber zugleich meinte er, künftig darauf verzichten zu sollen, weil die Umstände im Kreise von Rucksacktouristen, deren künstliche Buckel einem nicht selten beim Gedrängel vor den Bildern ins Gesicht schlagen, zu hanebüchen seien.

Mir fiel dazu ein, dass das TTT-Kulturmagazin vor einigen Jahren einen Bericht brachte, in dem behauptet wurde, man sei heute technisch in der Lage, Gemälde in Originalgröße derart exakt optisch zu kopieren, dass das Original nur seine von Benjamin behauptete Aura des Hier & Jetzt dagegen in die Waagschale werfen könne, aber die kopierte Erscheinung des Objekts selbst von täuschender Ähnlichkeit und diese für die ästhetische Erfahrung, für bedächtigen Genuss & Analyse en détail, so adäquat sei wie das Original.

Denkbar (& wohl auch machbar) wäre also ein Museum (oder mehrere an verschiedenen Orten), das die großen Bilder der Weltmalerei als solche adäquate Kopien in wechselnder Auswahl präsentierte und damit jenen willkommen sein müsste, die primär die ästhetische Erfahrung mit den jeweiligen künstlerischen Objekten suchen und nicht vom wechselnden „Event“ angezogen werden.
Voraussehbar wäre aber gewiss, dass sämtliche herkömmlichen Museen, die davon „betroffen“ wären, eine solche „Konkurrenz“ verhindern würden - nicht weil den Bildern dadurch ein Schaden zugefügt würde (der droht ihnen eher durch Ausdünstungen der sie stetig umlagernden Besucher), sondern weil den Museen und ihrem weltweit kommerziell ausbeutbaren Exklusivitäten dadurch die Geschäftsgrundlage entzogen würde. Nicht Bilder wollen die Besucher sehen, sondern die Aura von akkumulierten Unikaten konsumieren, wenn sie sich und anderen sagen können, sie seien da und dort hingepilgert, um dies und das „im Original“ zu sehen. Deshalb würde den Kennern & Liebhabern, die sich weiterhin unter sie mischen müssen und nicht verweilen können, weil sie vom Betrieb fortgeschwemmt werden, selbst diese Ersatzbefriedigung ihrer Wünsche verwehrt.

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Als Ingo Schulze jetzt den alle zwei Jahre vom Land Thüringen vergebenen „Thüringer Literaturpreis“ in Höhe von 6000 ¤ erhielt, hat er eine ebenso mutige wie erstaunliche Dankesrede gehalten. Der liebenswürdige Preisträger kritisierte, dass sein thüringisches Heimatland sich den von ihm vergebenen Staats-Preis von dem E.ON-Konzern-Thüringen finanzieren ließ, wobei - wie heute immer öfter üblich vor allem im Kulturbetrieb - „die Wirtschaft“ als großzügiger Mäzen auftritt, der sich damit selbst sponsert und die staatliche Auszeichnung wie den kulturell Ausgezeichneten als Werbung benutzt.


Der höfliche Ingo Schulze hat sein Unbehagen nicht damit begründet, dass die ohnehin steuerlich begünstigten Konzerne, die im Falle der E.ON auch noch kartellhart ihren Gewinn maximieren, ihr kulturelles „Mäzenatentum“ noch einmal steuerlich absetzen können.

Schulze hat nur die längst (vornehmlich in der Kulturpolitik) Usus gewordene Refeudalisierung des öffentlichen Raums an- & ausgesprochen - eine Feststellung, die so triftig ist, dass sie von den meisten gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird, weil „der Staat“ als ebenso mittellos wie lästig in Verruf gebracht und „Privatinitiative“ als das höchste aller Güter propagiert wurde. So durchschlagend ist die Ideologie des Neoliberalismus bei uns geworden, dass keiner mehr den osmotischen Zusammenhang von öffentlicher Verarmung und privatwirtschaftlicher Bereicherung zu erkennen & zu benennen willens ist.

Dazu muss man, wie Ingo Schulze, heute in Deutschland wohl aus der ehemaligen DDR kommen, um die frühbürgerliche Vorstellung eines republikanischen Staatsbürgers überhaupt noch denken zu können. Was soll ein Bürger von „seinem“ Staat halten, der nicht in der finanziellen Lage ist, seine bescheidenen kulturellen Ehrungen & Auszeichnungen aus eigenen Mitteln zu bestreiten und gezwungen scheint, sie bittstellerisch von Großunternehmen & Banken sich alimentieren zu lassen - nachdem er diese begünstigend mit „Steuergeschenken“ überhäuft hatte?

Ingo Schulze hat nicht nur Kritik geäußert; er ist auch initiativ geworden, indem er sein Preisgeld stiftete und seinem Thüringer Heimatland empfahl, monatlich rund 250¤ auf die hohe Kante zu legen, um die angesparte Summe nach zwei Jahren mit Fug & Recht als „Thüringer Literaturpreis“ vergeben zu können. Und E.ON könne ja noch ein Stipendium für Schriftsteller spendieren.

Das ist ebenso haushälterisch wie bescheiden gedacht - eine der „Simplen Stories“ des in Dresden geborenen Schriftstellers, der mit seinem jüngsten Roman „Neue Leben“ nicht nur in diesem angekommen ist, sondern darüber auch nicht vergessen hat, dass es richtig ist, in manchem an „der alten Manier“ festzuhalten.

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

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Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

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