Eigentlich hätte mich ja bereits der Titel (Fast nichts Menschliches ist mir fremd) stutzig machen müssen, denn mir ist nämlich ziemlich viel Menschliches recht fremd. Zum Beispiel, was auf der Seite 91 geschildert wird:
Ich erinnere mich noch lebhaft an den Abend bei den Tiv in Nigeria, als mein Tiv-Assistent (der Tiv schreiben, aber fast kein Englisch konnte) mir verkündete, er sei zurück vom Fluss, wohin er zum Baden gegangen war. Beiläufig erwähnte er, dass ein Mann ertrunken sei, während er dort war. Der Mann war ein Fremder, sagte er, der nicht wusste, dass das Flussbett etwa drei Meter vom Ufer plötzlich abfiel. Er trat über die Abbruchkante, konnte nicht schwimmen und ertrank. „Hat jemand versucht ihn zu retten?“ Er sagte, nein. Ich wusste aber, dass er ein kräftiger Schwimmer war – „Hast du nicht versucht, ihn zu retten?“ Seine Antwort: „Er gehörte nicht zu den Meinen.“
Ich brauche keinen Ethnographen, um mir klar zu machen, dass das Menschenbild der Tiv und meines (ich finde es selbstverständlich, dass ein guter Schwimmer in einer solchen Situation zu Hilfe eilt) nicht nur weit auseinander liegen, sondern unvereinbar sind. Ja, mich interessiert nicht einmal, was es mit dem Tiv-Menschenbild auf sich hat – ich gucke mir das Resultat an (das Verhalten und seine Auswirkung also), und das reicht mir. Ethnographen (jedenfalls Paul Bohannan und Dirk van der Elst, die Autoren des Buches) sehen das offenbar anders:
An diesem Abend erfuhr ich einiges über meine eigenen innersten Wertbegriffe: dass meine Vorstellung von den „Meinen“ sich von seiner Vorstellung deutlich unterschied. Dass ich mindestens ein halbes Dutzend Zusammenhänge anführen könnte, wer denn nun „meine“ Leute wären und welche Verpflichtungen ich ihnen gegenüber hätte und dass diese sich von Kontext zu Kontext änderten. Er hatte davon eine ganz – nun ja, andere Auffassung. Ohne es zu wollen, empfand ich für ihn und sein ganzes Volk Verachtung. Es dauerte ein bis zwei Tage, bis ich mich an unser Verschiedensein gewöhnt hatte. Ich fragte mich, wo ihre allgemeine Menschlichkeit blieb, musste mich aber, vielleicht einen Tag später, auch selber fragen, wo ich denn meine Idee her hatte, ich sei für die Menschheit verantwortlich.
Manche geben auf und fahren nach Hause, wenn ihnen dergleichen widerfährt. Andere machen auf „Eingeborene“. Und wieder Andere gewinnen die schmerzliche Erkenntnis, dass sie ihrerseits Werten anhängen, die Außenstehenden bizarr vorkommen.
Den Schlüssel für die Überwindung des Kulturschocks findet man in der eigenen Reaktion. Sobald man sich eingestehen kann, dass man irrational und sinnlos emotional reagiert hat, hat man eine Chance, mit der Sache gedanklich klar zu kommen. Man kann sich jetzt fragen, wie diese neuen Daten sich mit all dem anderen Wissen, das man hat, vereinbaren lassen. Aber man muss ein neues Gleichgewicht finden – was nicht immer leicht ist. Aber es lohnt sich unbedingt.
Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ich da richtig gelesen hatte. Und las deshalb noch mal, ganz langsam, doch der Satz verlor (im obigen Kontext wohlverstanden) nichts von seiner Absurdität: „Sobald man sich eingestehen kann, dass man irrational und sinnlos emotional reagiert hat, hat man eine Chance, mit der Sache gedanklich klar zu kommen.“ War der heftige Widerwille, dass man einem Ertrinkenden nicht zu Hilfe eilt, so man denn dazu fähig ist, etwa „irrational und sinnlos emotional“? Natürlich nicht. Zudem: auch wenn er es wäre (es sei betont: er ist es nicht), mit einer Sache gedanklich klar zu kommen, ist nur für Leute eine Lösung, die das Leben vornehmlich geisteswissenschaftlich-akademisch angehen.
Ständig die Werte der eigenen Kultur zu hinterfragen, ist genau so ethnozentrisch wie zu glauben, nur die eigene Kultur sei von Wert. Nichtsdestotrotz: nicht alle Kulturen sind von gleichem Wert. Für mich zum Beispiel sind Kulturen, in denen Frauen weder Auto fahren noch ohne Begleitung eines männlichen Verwandten aus dem Hause dürfen, klar von minderem Wert als Kulturen, wo solches selbstverständlich ist.
Die entscheidende Frage, so Bohannan und van der Elst, sei: Was sind das für Ideen, die einen davon abhalten, Andere zu verstehen? Welche eigenen Ideen hindern beispielsweise Nordamerikaner daran, klar zu hören, was die Chinesen sagen. Ein Grund, warum es zwischen beiden Völkern zu so häufigen Missverständnissen kommt, ist vielleicht in ihrer zutiefst unterschiedlichen Haltung gegenüber Autorität und Macht zu suchen.
Dieser Ansatz leuchtet ein und ist sinnvoll. Wenn es denn wirklich an der Verständigung hapert. Doch nicht alles, was in einer Kommunikation schief läuft, will repariert werden. Manchmal ist es nämlich so, dass Konflikte geradezu gesucht werden. Und das ist nicht immer verwerflich. So konnte man in Spiegel online vom 18. November 2007 etwa lesen:
Präsident Hugo Chávez ist erneut aus der Rolle gefallen: Auf dem Opec-Gipfel in Saudi-Arabien bekreuzigte sich der Venezolaner vor Gastgeber König Abdullah und nahm in seiner Rede gleich mehrfach auf Christus Bezug – das ist nach den Gesetzen des islamischen Landes streng verboten.
„Asking and listening“ heißt Bohannans und van der Elsts Buchtitel im Original. Kein besonders origineller, doch grundsätzlich vernünftiger Ansatz, den ich teile. Meine Sympathie gehört jedoch Chávez’ provokanten Worten in Saudi-Arabien.
P.S.: „Gute Ethnographen erzählen ihren Lesern etwas über sich selbst, ihre Überzeugungen, ihren persönlichen Kulturschock“, schreiben Bohannan und van der Elst. Man kann da nur zustimmen und anfügen: und möglichst mit ein bisschen Humor. Besonders schön illustriert hat das – obwohl kein Ethnograph – der Schweizer Schriftsteller Markus Werner in Der ägyptische Heinrich, wo er einen Aufenthalt in Kairo schildert: „Nachdem ich mich im nahen Swissair-Restaurant, bedrängt von sechs Kuhglocken, ein wenig gestärkt hatte, ging ich zurück zum Hotel. Auf den Gehsteigen herrschte ein solches Gewimmel, dass Zusammenstöße nur durch ständige Ausweichmanöver vermieden werden konnten, wobei mir auffiel, dass immer ich es war, der ausweichen musste, während die Einheimischen, als wäre ich Luft, nie auswichen und Platz machten – ein Verhalten, das ich als späten Rachereflex auf jene Zeiten deutete, als sich die europäischen Herren, worunter gewiss auch mein Heinrich, den Weg durch die Einheimischen mit Stockhieben bahnten.“