"Wettbewerb für neue Kritik"
08.04.2008
Die Preisträger
"Neue Stimmen braucht das Land!", so tönten wir letztes Jahr laut, als wir den Wettbewerb neuer Kritik gemeinsam mit Glanz und Elend ausriefen. Was wollten wir eigentlich? Wir wollten, dass es knistert, wenn von Literaturkritik die Rede war, und nicht, dass man ins Gähnen kam, wir wollten Gewitztheit und keine Routine, wir wollten leidenschaftliche Auseinandersetzung und keinen irgendwie gearteten "Umgang" mit der Materie...
Und wir wurden von vielen interessanten Beiträgen überrascht, herzlichen Dank allen Teilnehmern! TITEL präsentiert hier nun mit den Siegertexten drei ganz ungewöhnliche - aber spannende! - Zugänge zur Literatur und Kultur, mal aus einem klugen Zynismus (Waldscheidt) schöpfend, mal von dem Hochstand der Philosophie herunter (Steinhaus) und mal mit rotzfrechen Rhetorikkünsten prahlend (Boson). Lassen Sie sich - wie wir es wurden - von dieser Kleinkunst der Kritik überraschen!
Virtuelles Globallywood
Der Film „Babel“ ist okay. Sehr okay. Visuell opulent und nur ein kleines bisschen langweilig. Ansonsten ein gut gemachter Betroffenheitsexportschlager. Und eigentlich lohnte er keine aufwendige Betrachtung, wenn er nicht so exemplarisch für ein Phänomen stünde. Eine Rezension von TIM BOSON. Geburt einer Lichtgestalt "Ob Kehlmann vor 10 Jahren geahnt hat, was ihn heute erwartet?" IINGO STEINHAUS über die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte des Daniel Kehlmann. STEPHAN WALDSCHEIDTS Buchmarkt-Glossar Buchmarkt Massenansturm von durstigen Affen, Pfauen, Füchsen, Eseln, Hornochsen, Geiern und Stinktieren auf eine Pfütze, die sie für einen See halten.
Virtuelles Globallywood
Der Film „Babel“ ist okay. Sehr okay. Visuell opulent und nur ein kleines bisschen langweilig. Ansonsten ein gut gemachter Betroffenheitsexportschlager. Und eigentlich lohnte er keine aufwendige Betrachtung, wenn er nicht so exemplarisch für ein Phänomen stünde. Ich würde es das Phänomen des blinden Flecks nennen oder die Globalisierungsfalle des technologischen Erzählens. Eine Rezension von TIM BOSON.
Gefühle im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Man sitzt im Kino und sieht sehr großformatig Cate Blanchett irgendwo in Nordafrika angeschossen auf einem Topf sitzen und pinkeln, während ihr Film-Mann Brad Pitt sie sehr besorgt und mit perfekt eingestellter Lee Strasberg-Einfühlungs-Stirnfalte im Arm hält, stützt und an sich drückt. Eine berührende Szene. Hier erkennt der Zuschauer, was die Menschen ganz allgemein und die beiden Teile eines problembeladenen Ehepaares im Besonderen doch immer noch an sich finden und vielleicht wieder finden - die Liebe.
Wenn man bedenkt, dass der Film an sich als dynamisches Ereignis im Jahre 1895 seine berühmte Gründungsszene hatte, als eine Lokomotive auf die Kamera und also auf die entsetzten Zuschauer vor der flimmernden Leinwand zuraste, sodass diese erschrocken aufsprangen und aus einem der ersten Pariser Kinos flüchteten, dann staunt man über den Abstand, den das Medium Film in den letzten 112 Jahren von seiner ursprünglichen Kernkompetenz genommen hat. Damals: Eine rasende Lokomotive. Heute: Die pinkelnde Cate Blanchett.
Eine willkürliche Gegenüberstellung, mag sein. Es kann auch nicht darum gehen, hier beides gegeneinander auszuspielen. Viele Male hat der Kinofilm inzwischen seine eigenen Möglichkeiten untersucht, strapaziert, kontrapunktiert, hat bis zum Stillstand im Close-up die vergehende Zeit gedehnt oder ist mit Warp 6 durchs Weltall gerast - und ein guter Kinoregisseur kennt und weiß dies alles. Und macht sich seinen Reim darauf, wie auch Alejandro Gonzales Innaritu.
Und sie, die Liebe? Sie wird auch bei ihm erst richtig erzählerisch und fühlbar, genau dann, wenn der Schatten einer Verletzung oder eines Abschieds, seelisch oder physisch, sie einzudunkeln droht. Ist das nun ein Klischee? Ein auf Breitwandformat zum x-ten Mal hoch geblasenes Poesiealbum? Oder trotzdem und gerade deshalb eine immer noch große Wahrheit? Der Regisseur Innaritu weiß hier um eine Gefahr, und deshalb lässt er Cate Blanchett im Augenblick des Filmkusses, der ja durch die lange Kinohistorie zu einem eigenen Referenz-Schema sich entwickelte, geräuschvoll und eiligst unter sich in einen Blechtopf pinkeln. Ruhe bitte! Action!
Das hat durchaus berührenden Witz, und damit bekommt Innaritu wenigstens an dieser Stelle gerade noch einmal die Kurve in einer ansonsten sehr werbefilmmäßig durchgeschickten Globalisierungs-Erzähl-Konfektionsware. Afrika zeigt er uns genau so, wie sich Meier, Müller, Schulze Afrika immer schon vorgestellt hat – mit ledergesichtigen Ziegenhirten, Flimmerhitze, weißen Lehmhäusern in ockergelber Landschaft und verschmockter Exekutive. In Mexiko (wo die Menschen noch zu leben wissen – jawohl) werden Hochzeiten noch richtig gefeiert: laut, intensiv, schmuddelig, lebendig und etwas gefährlich, was wir auch immer schon wussten. Und seine Japansequenzen schließlich würden sich sehr gut in einen pfiffigen H&M-Commercial einpassen.
Globalisierungsfalle des technologischen Erzählens
Aber auch hier hat der Regisseur seinen eigenen Braten gerochen und fleißig und lange gesucht, um ihn mit einem weniger abgenutzten Sujet zu spicken. Was ihm dazu einfiel am Drehbuchschreibtisch? Eine taubstumme Japanerin, die ein bisschen geil ist und darunter leidet, dass sie so anders ist und keiner von den Normalo-H&M-Romeos ihrer Altersklasse sich für sie und ihr Problem interessiert.
Ich ertappe mich an dieser Stelle bei dem etwas kindischen Gedanken, dass eine taubstumme Japanerin, die zudem noch in einem Basketballverein für taubstumme Japanerinnen spielt, irgendwie etwas ganz besonderes ist. Ein weniger abgenutztes Zeichen immerhin. Und ich denke: Da hat er sich aber tüchtig Mühe gegeben und: Aha, Japan ist also doch nicht nur Sushi, Haiku, Geisha und Bonsai, sondern, wer hätte das gedacht, es leben dort auch taubstumme Basketballspielerinnen. Und ich ertappe mich weiterhin dabei, wie ich im Sessel sitze und diese kulinarisch servierte Paraneuigkeit genieße. Mit dem Pfefferminzblättchen des Frischen und Ungesehenen. Aber zugleich auch ein bisschen belächle, während ich denke: Eine taubstumme kleine Japanerin, die in einem Basketballverein spielt und dann irgendwann im Restaurant den H&M-Romeos ihre Muschi zeigt… das hat einen guten pararealen Brechungsindex, dem wir wahrscheinlich bald so ähnlich irgendwann im nächsten Nike-Spot wieder begegnen werden. (Schon mal vormerken.)
Aber, so merkt man dem Film eben auch an, wie er einerseits redlich einen globalen Bogen spannen möchte, um zu erzählen, wie sehr seine internationalen Protagonisten in einer technologisch zusammenschnurrenden Welt sich selbst von einander zu entfernen drohen, und in ihren Bedürfnissen nach Nähe, Verständnis, Zuneigung und Geborgenheit ein letztlich katastrophales Aneinandervorbeireden herrscht (Der Film heißt ja deshalb auch „Babel“) – dies aber andererseits in einer Art Zapping-Dramaturgie mit babylonischen Mitteln serviert wird, die dem cinematografischen Ikea-Katalog des Globetrotterkinos seit Wim Wenders und den Toyota-Commercials entnommen sind. Zubereitet mit dem Authentizitäts-Strass von beigemischten „Laiendarstellern“, der großartig pinkelnden Cate Blanchett, der wunderbar taubstummen Basketball-Japanerin, dem stirnfaltenden Brad Pitt und, nicht zu vergessen, der „unheimlich intensiv“ agierenden mexikanischen Haushälterin, deren Namen mir gerade nicht einfällt.
Es wäre wohlfeil und abgenutzt, dem Film daraus einen Vorwurf zu machen. Der Film ist okay. Sehr okay. Visuell opulent und nur ein kleines bisschen langweilig. Schließlich ist man ja auch nur Mensch. Ansonsten ein gut gemachter Betroffenheitsexportschlager. Und eigentlich lohnte er keine aufwendige Betrachtung, wenn er nicht so exemplarisch für ein Phänomen stünde. Ich würde es das Phänomen des blinden Flecks nennen oder die Globalisierungsfalle des technologischen Erzählens. Und jede Form des Erzählens hat eine technologische Seite, eine Komponente des Gemachten und Kalkulierten. Diese Art von Kintopp technologiegemäß in ganz besonderem Maße.
Der Regisseur zeigt uns also, darin auch vorbildlich pessimistisch, eine Welt, die mit ihren babylonischen Anmaßungen von Mobilität, Technologie, aber auch mit krassen Differenzen der Geschwindigkeit, der Gerechtigkeit und der Verteilung bedrohlich aus dem Leim geht, während seine Protagonisten in ihrem geografisch tektonisch bebenden Möglichkeitsraum wie verwirrte Ameisen zumeist alle überfordert sind und sich bei akuter Verständigungsnot in zwischenmenschlicher Hinsicht die Hosen mit der Kneifzange anziehen.
Filmemacherglobetrotter-Urania-Diavortrag
Und der Regisseur selbst? Kurioserweise baut er selbst mit an diesem Babel, indem er uns diese Welt in einer cinemtatografisch katalogisierten Optik erzählt, mit den obligatorischen Raffinessen einiger Befremdungsreize. Er kommt uns mit einem Filmemacherglobetrotter-Urania-Diavortrag über die schaurigschöne Kompliziertheit dieser Welt und am Ende mit einer halbschwellig induzierten Honoratioren-Ethik, die an Erkenntniszuwachs eher weniger zu bieten hat: Habt euch mehr lieb. Passt auf euch auf. Achtet mehr aufeinander. Macht langsamer. Lasst Euch nicht so beschleunigen. Achtet die elementaren Bedürfnisse eures Menschseins etc...
Nicht dass ich das nicht sofort mit einem dicken Stift unterschreiben würde. Aber diese Frage ist nicht interessant. Interessant ist das Phänomen, dass ein erzählerischer Gestus, der es darauf anlegt, verstanden zu werden – und diese Art von Kino ist immer auch eine Technologie des Verstandenwerdenwollens – eben gezwungen ist, auf gelernte Klischees und Schemata zurückzugreifen, auf globale und gemeinsame Zeichenvorräte, die aber genau zu der Klasse von technologischen Standards gehören, die unseren Planeten gerade so hübsch globalisieren und babylonisieren.
Man könnte es auch so ausdrücken: Es gibt Ikea, es gibt Samsung, es gibt H&M und Mc Donalds. Und mittlerweile gibt es eben auch sehr gut gemachte und auf der ganzen Welt verständliche filmische Betroffenheitsware aus den global agierenden Problemversandhäusern von Innaritu, von Trier, Wenders, Soderberg und Co.
Phänomenal daran ist, dass auf diese Art so ganz allmählich ein virtuelles Globallywood erwächst, indem die Motivkreise von reinen Commercialspots und den immer noch in bester Absicht gedrehten Globalisierungsproblemfilmen miteinander verschmelzen. Denn beide werden inzwischen von identischen Visualitäten getragen und vom selben Movens getrieben: Entdecke dein Menschsein. Liebe es. Intensiviere dich und guck dir vielleicht auch mal Afrika an etc.
Muss man sich deswegen Sorgen machen? Vielleicht, wenn man ein Gegner der Globalisierung ist, aber auch darin schließt sich schon wieder ein hübscher Zirkel. Denn niemand denkt globaler als der Globalisierungsgegner. Also kann man diese Sorge beiseite lassen. Die Homogenisierung der Wahrnehmung, unserer Sehnsüchte, aber auch unserer Ängste und Probleme, vor allem aber der Mittel, die sie uns vor Augen führen, wird voranschreiten. Und irgendwann werden alle Menschen auf diesem Planeten entweder dieselben Unterhosen tragen, dieselben Burger essen und dieselben Innaritu-Filme gucken oder sie werden tot sein. Dass bis dahin noch einige japanische Geschäftsmänner in Nordafrika ihre Jagdgewehre verschenken und damit kleine bis mittelgroße Katastrophen auslösen, ändert nichts an dieser Perspektive.
Apropos. Der Film von Innaritu hätte die Chance gehabt, am Ende doch noch so etwas wie einen kleinen Erkenntniszuwachs zu liefern. Dass im toten Winkel seiner/unserer so sehr im Menschsein und im Menschbleiben problemelnden Mentalitäten die Technik, hier in Form eines simplen Gewehrs, der eigentliche und erhabene Hauptakteur war, könnte man dem Film wohlwollend zugestehen. Aber zu sehr war der Regisseur in seine Taubstummenfolklore, lederhäutigen Ziegenhirtengesichter und in seine pinkelnde Cate Blanchett verliebt, als dass er es selbst so gemeint haben könnte. Deshalb operierte auch bei Ihm die Technologie wieder einmal als treibende Kraft wuchtig, aber blind in einer ansonsten vorbildlich menschlichen Geschichte.
Tim Boson
Geburt einer Lichtgestalt
"Ob Kehlmann vor 10 Jahren geahnt hat, was ihn heute erwartet?" INGO STEINHAUS über die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte des Daniel Kehlmann.
"Das verkauft sich bestimmt. Es ist gut geschrieben und ziemlich lustig." Hannah sitzt in meiner Küche und rührt in ihrem Kaffee. Die Bibliothekarin der Stadtteilbibliohek Köln-Nippes hat das, was man einen guten Riecher nennt. Sie kennt ihre Klientel, und sie kennt das kulturbeflissene Publikum, das die Lesungen in dem nüchternen Zweckbau in der Neusser Straße besucht. Deshalb hat sie sofort mit dem Verlag eine Lesung vereinbart, sofort, nachdem sie das Vorabexemplar gelesen hatte. Das war noch, bevor es plötzlich alle gelesen haben. Sie sitzt in der Küche, rührt und schwärmt von dem Buch. "Für deutsche Verhältnisse ist das wirklich intelligent amüsant." Mir sagt der Name nichts. Und der Humboldt-Foliant im Jahr davor hat ja eigentlich auch gereicht, mir jedenfalls.
Der Verlag sieht das allerdings anders, er baut Daniel Kehlmann als Großautoren auf. Der Vorgängerroman war ein Erfolg und nun druckt Rowohlt direkt 30.000 Exemplare des neuen Werks. Für deutsche Verhältnisse ist das ein Bestseller, in diesem Fall sogar ein geplanter. Doch das funktioniert nicht immer. Eigentlich übersteigt bei diesem Spiel die Zahl der Flops die der Erfolge. Es sind einfach zu viele Variablen im Spiel: Das Buch muss gut sein. Die Literaturkritik muss es loben. Es muss in Stapeln in den Eingangsbereichen aller großen Buchketten stehen. Es muss in den Regalen der Sortimenter stehen. Die Leute müssen es kaufen, lesen und mögen. Sie müssen es weiterempfehlen oder verschenken.
Diesmal wird alles gut: Als die Literaturkitik das Buch entdeckt, beginnt der Hype. Als Elke Heidenreich es in ihrem literarischen Monett vorstellt, beginnt die Hysterie. Die Erstauflage wird von einem Käufertornado verschlungen. Die Buchtürme der weiteren Auflagen schrumpfen und schrumpfen. Schnell steht es an erster Stelle der Bestsellerliste. So wird es für eine erstaunlich lange Zeit bleiben. Das ganze Jahr 2006 ist der Roman auf den ersten Plätzen, die meiste Zeit sogar an der Spitze. Auch 2007 geht der Erfolg weiter und erst im Frühsommer sackt das Buch langsam ab, um dann im September aus den Top 10 zu verschwinden. Längst ist die erste Auflagenmillion überschritten - Spötter vermuten, jeder bekennende Leser habe von der um Geschenke verlegenen Verwandtschaft wenigstens zwei Exemplare bekommen.
In das anfangs einhellige Lob der Literaturkritik mischen sich übrigens nach einiger Zeit die ersten "Überschätzt!"-Rufe. Denn ein solcher Erfolgswirbelsturm ist gar nicht im Plan vorgesehen. Als die Rezensionsexemplare an die Kritiker gehen, ist alles für die Wiederholung des halbjährlichen Rituals vorbereitet: Gewöhnlich wird zu jeder der beiden Buchmessen irgendein aktuelles, vom Verlag besonders intensiv beworbenes Buch zur Rettung der deutschen Gegenwartsliteratur ausgerufen - im Frühjahr 2005 Der Eisvogel von Uwe Tellkamp. Nun hat das als sperrig und anstrengend geltende Buch die Produktion literarischer Ernsthaftigkeit für das Jahr bereits übererfüllt. Im Herbst soll es etwas Vergnügliches und leicht zu Lesendes sein. Also ist diesmal die Reihe an Daniel Kehlmann.
Nicht der übliche Literaturhype
Doch irgendetwas läuft bei diesem Buch anders als bei den üblichen Literaturhypes. Die hymnischen Rezensionen können es nicht gewesen sein - auch andere Bücher werden mit dem kritischen Kleingeld von "großer Wurf" über "genialisch" bis "intellektuell überbordend" überschüttet. Nach meiner Erfahrung als Leser stimmt die Begeisterung der Kritiker weder mit dem Publikumserfolg noch mit der tatsächlichen literarischen Qualität überein. Auch das Lob von Elke Heidenreich ist keinesfalls ein Garant für Erfolg. Da sie meist eher Ohrensesselliteratur empfiehlt, hätte ein Roman über zwei Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts auch schlicht an den Bedürfnissen der Zuschauer vorbeigehen können. Was also hat das Buch zu einem "klugen, unterhaltsamen, flüssig erzählten Buch" (SZ), zum "handwerklich nahezu perfekten Roman" (FAZ) und damit zu "einem der erfolgreichsten Romane der Nachkriegszeit" (FAZ) gemacht?
Hilfreich ist da ein Blick in die Jahresbestsellerlisten, die immer wieder verblüffen. Warum ist eine schwartendicke Kreuzung aus Bio-Lehrbuch und Katastrophenfilm so erfolgreich? Warum landet ein schrulliger Schafskrimi auf dem dritten Platz? Warum wird der in einem Kleinverlag veröffentlichte Krimi einer Debütantin ohne Hilfe der Kritik zu einem alles sprengenden Megaerfolg? Und warum passiert dies dem Nachfolger ebenso? Wenn ich diese Fragen präzise beantworten könnte, würde ich als Autor oder Verleger Millionen scheffeln und müsste nicht für Büchergutscheine um die Wette schreiben.
Doch eines lässt sich sagen: Das Publikum wünscht sich durchaus anspruchsvolle Bücher. Unter den Bestsellern der letzten Jahre findet sich ein kleiner, aber merklicher Anteil gehobener Belletristik: Neben Kehlmann auch Julia Franck, Ingo Schulze oder Katharina Hacker. Meine Vermutung: Eine bestimmte Art von anspruchsvollen Büchern wird durch schlichte Mundpropaganda in die Bestsellerliste gehoben - auch wenn es nicht immer für Platz Eins reicht. Dieses System der gegenseitigen Empfehlungen protegiert aber nur eine bestimmte Art von Büchern. Im Bekanntenkreis empfiehlt man nur ungern überschwierige Romane, sondern lieber Werke mit erzählerischem Elan und klar erkennbarer Geschichte. So pendeln sich die Tipps der Leser untereinander, aber auch die Tipps der Buchhändler an die bekannt starken Käufer, schnell auf bestimmte Bücher ein: Süffig erzählt, mit nachvollziehbaren, aber nicht zu normalen Protagonisten und einem erkennbaren Bildungsanspruch. Diese Art des Informationsaustauschs über Empfehlungen erklärt auch die stattliche Reihe der Bestseller aus der Sendung von Elke Heidenreich. Nur auf den ersten Blick ist Elke Heidenreich die deutsche Oprah Winfrey. Nein, der Ganz Ganz Große Glamour™ hat in Deutschland keine Heimat. Stattdessen zählen hier einfache Werte wie zum Beispiel Glaubwürdigkeit. Elke Heidenreich verkörpert die Erfahrung der professionellen Vielleserin mit beinahe hoheitsvoller Autorität, mit jeder Faser ihres Körpers. Perfekt kultiviert sie den Habitus der Leseelke, die ihren netten Bekannten von der anderen Seite des Schirms mal schnell dieses unglaublich tolle Buch empfiehlt.
Mäkeleien, die platzen wie Seifenblasen
So entstehen Erfolge, denen die Literaturkritiker nur hinterher hecheln können. Die Standardreaktion ist jetzt das Runterschreiben, also eine Reaktion vom Typ "Eine genauere Lektüre deckt eklatante Mängel auf". Einige Kritiker ringen sich halbherzig wirkende Einreden ab und finden das Buch "eher langweilig". Mehr gelingt in diesem Fall nicht, denn offensichtlich ist das Buch wirklich gut. Die ersten Mäkeleien platzen wie Seifenblasen. Weder sinken die Verkäufe, noch springt eine wahrnehmbar große Zahl von Kritikern auf den Zug des Kehlmann-Bashing. Also greift die Kritik zu Plan B, dem Strategem "Ist der Gegner unbesiegbar, verbünde dich mit ihm".
Es folgt nun die Verwandlung der "größten Begabung der jüngeren deutschen Literatur" (SZ) in den "reifsten deutschsprachigen Autoren nicht nur seiner Generation" (Laudatio zum Kleistpreis). Fürderhin wird er nur noch als Lichtgestalt, ja als „Prophet Daniel der allerschönsten Literatur“ angesprochen. Und so gerät der Autor mit seinem "5." (die SZ im September 2005), nein "7." (im März 2006), halt, doch "6." (die FAZ bereits im Januar 2006) Buch unter "Genieverdacht" (SZ) und wird schließlich von Helmut Karasek anlässlich der Verleihung des Welt-Literaturpreises seiner verdienten "Verkürbissung" (Seneca) zugeführt:
"Der sanfte Berserker, der philosophisch beschlagene und mit allen Wassern der Ironie gewaschene Erzähler, ein Genie erzählerischer Geometrie und Arithmetik, der die Trigonometrie erzählerischer Falltüren, verwirrender Spiegelkabinette, optischer Täuschungen und zum Ziel führender Irrwege geradezu mit halsbrecherischer Sicherheit beherrscht, ist, was den Erfolg anbelangt, nicht nur der Mann der Stunde, sondern der atemberaubende Türöffner zu einer neuen Erzählepoche. "
"Ob Kehlmann vor 10 Jahren geahnt hat, was ihn heute erwartet?", fragt sich da der schon etwas erschöpft klingende Laudator des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ich vermute einfach mal: Wohl kaum. Kopfschüttelnd sage ich Hannah, die heute wieder in meiner Küche sitzt und Spaghetti auf die Gabel dreht: "Ich lese das Ding erst, sobald ich einen richtig fetten Verriss entdecke."
Ingo Steinhaus
Stephan Waldscheidts Buchmarkt-Glossar
Buchmarkt Massenansturm von durstigen Affen, Pfauen, Füchsen, Eseln, Hornochsen, Geiern und Stinktieren auf eine Pfütze, die sie für einen See halten.
Absatzhonorar Honorar, das die attraktive Jungautorin dafür erhält, dass sie im Bett ihres Verlegers möglichst hohe Absätze trägt.
Alkohol Flüssiges Medium, auf dem der Autor eine Schreibblockade umschiffen kann.
Anthologie Mit viel Phantasie und noch mehr Geschäftssinn in ein Buch gepackte Erzählungen, die angeblich eine Gemeinsamkeit haben, die sich jedoch auch nach mehrmaligem Lesen nicht erschließen will.
Antiquariat Mit Büchern bis unter die Decke vollgestopfter Raum, in dem sich jeweils nur eine einzige Person aufhält, zumeist der Inhaber des Antiquariats. Anderen Personen ist der Zutritt wegen Einsturzgefahr der Bücherberge in der Regel nicht gestattet (TÜV Rheinland).
Arbeitstitel 1. Vorläufiger Titel eines verdammten Romans. Einziger Titel, den das Buch mit 100%iger Sicherheit bei Drucklegung nicht haben wird. 2. Von Autoren vorgenommene Benennung ihrer Manuskriptversuche, um anzudeuten, dass auch Schriftstellern Arbeit ist.
Auflage, verramschte Zahlenmäßiger Beleg für das Scheitern des Autors oder des Verlags oder beider.
Autor, guter Armes Schwein, dessen anspruchsvolle und literarisch wertvolle Werke kein Verlag drucken will.
Autor, schlechter Dumme Sau, die verhindert, dass gute Autoren bessere Chancen auf Veröffentlichung haben. Wird aus hygienischen Gründen letztinstanzlich von einem =>Druckkostenzuschussverlag vom Buchmarkt entfernt.
Autor, veröffentlichter Idol aller unveröffentlichten Autoren. Jammert ständig herum, dass er vom Schreiben allein nicht leben kann.
Autor, unveröffentlichter Ergebnis karitativer Arbeit der Verlage zugunsten der Leser.
Autorenselbstmord Gründlichste Möglichkeit, die Zahl der Neuerscheinungen zu begrenzen.
Autorenvertrag Legale und von den Sklaven angestrebte Form der Sklaverei.
Bestseller Ergebnis gefälschter Bestsellerlisten.
Buch 1. Einrichtungsgegenstand. Ideal zum Legen, beidseitig möglich. Gebundene Exemplare eignen sich auch zum Hinstellen, sofern das Verhältnis zwischen Abmessungen und Gewicht stimmt. Unbestätigten Quellen zufolge soll vor ein paar Jahren ein Leser dabei beobachtet worden sein, wie er ein Buch aufschlug. 2. Politikum. Gerüchte über den Inhalt genügen dabei und ersetzen die Kenntnis des Inhalts vollständig. 3. veraltet: Liebhaberstück.
Buch zum Film Ergebnis der Silikoneinspritzung in ein Drehbuch.
Buchclub Lesezwang von Unterhaltungsliteratur unter Gruppendruck (siehe dazu die psychologische Fachliteratur).
Bücherverbrennung Viel zu selten genutzte Möglichkeit destruktiver Kritik.
Buchmarkt Massenansturm von durstigen Affen, Pfauen, Füchsen, Eseln, Hornochsen, Geiern und Stinktieren auf eine Pfütze, die sie für einen See halten.
Buchmesse Massenauftrieb mit Reizüberflutung. Der Fluch zum Buch.
Drama Vertragsverhandlung.
Drehbuch Betätigungsfeld für Autor, der den Dreh raus hat, mehr Geld pro Buch zu verdienen.
Druckkostenzuschussverlag Karitative Einrichtung eines selbstlosen Verlegers, der unveröffentlichten Autoren gegen sehr viel Geld eine Chance gibt, die man ihnen besser nicht geben sollte. Produziert Bücher umweltschonend direkt für den Müll, ohne damit die Buchhandlungen zu verstopfen.
Erzählrhythmus Tempo, mit dem der Autor die Wiege schaukelt, in der er den Leser einschläfert.
Fachbuch Betätigungsfeld für Autoren, die sich nicht verständlich ausdrücken können.
Feuilleton 1. Einzige Rubrik einer Zeitung, in der die Kritiker davon überzeugt sind, den Kritisierten auf deren eigenem Feld überlegen zu sein. 2. Arbeitgeber für gescheiterte Autoren.
Genre Schublade. Sobald der Verlag den Autor hineingelotst hat, wirft er den Schlüssel weg.
Ghostwriter Öffentlichkeitsscheue Prostituierte.
Held Die Figur einer Geschichte, die als letztes stirbt.
Hörbuch Möglichkeit für Menschen, die angeblich keine Zeit zum Lesen haben, guten Gewissens keine Zeit zum Zuhören zu finden.
Hurenkind Kind einer Hure.
Klappentext Eine Lüge in wenigen Worten auf dem Buchdeckel über viele Lügen in vielen Worten zwischen den Buchdeckeln.
Klischee Sprachfloskel, die sich einmal (das erste Mal) bewährt hat und die folgenden eine Million Male nicht. Optimistische Autoren probieren sie dennoch weiterhin gerne aus.
Komik Als unfreiwillige K. in der Trivialliteratur: zum Schmunzeln reizende Demonstration der groben Unfähigkeit eines Autors. In der Literatur weder als unfreiwillige K. anzutreffen und schon gar nicht als gewollte.
Kommunikation Fremdwort.
Kreativität 1. veraltet: Autoreneigenschaft. 2. Leerformel.
Krimi Wer warum und wozu, wie, wann und wo den Mord begangen hat. Plus ein Ermittler.
Kritiker Journalist, der über ein Buch schreibt, von dem er nur Schlechtes gehört hat.
Kunst Zustand; wird von Autoren gelegentlich mit dem Leben verwechselt.
Künstler Autor, der sein Handwerk nicht beherrscht.
Kürzen Einen Text verbessern.
Leben Die flüchtigen Momente zwischen dem Ende des einen und dem Anfang des nächsten Buchs.
Lebenserfahrung Altersarroganz, die zum Schreiben von schlechten Romanen berechtigt.
Leser Vom Aussterben bedrohte Spezies.
Literatur 1. für Autoren: das leider enttäuschende Ergebnis langer Arbeit. 2. für Kritiker: das hoffentlich enttäuschende Ergebnis langer Arbeit. 3. für Leser: Grundnahrungsmittel.
Literaturagent 1. Der beste Freund des Autors. 2. Der schlimmste Feind des Autors.
Literaturpreis 1. Willkommene Möglichkeit für etablierte Autoren, ohne Zutun die Portokasse aufzufüllen. 2. Billige Publicity für Gemeinden und Organisationen, die den L. ausschreiben.
Literaturzeitschrift Versteck für Gedichte und Kurzgeschichten, wo sie garantiert niemand findet.
Lüge Mittel zum Zurechtschneidern der Wahrheit dergestalt, dass sie zwischen zwei Buchdeckel passt.
Lyrik Schnellster Weg zu beweisen, dass man nicht schreiben kann.
Mängelexemplar, preisreduziertes Per Stempel entwertetes Buch, das zugleich den Autor als Ladenhüter abstempelt.
Manuskript In Publikumsverlagen willkommenes Heizmaterial für die kalte Zeit zwischen Frankfurter und Leipziger Buchmesse.
Märchen Klappentext eines Romans.
Metapher Kropf.
Muse Frau; typischerweise nie da, wenn man sie am dringendsten braucht.
Plot Kreuzweg für den Protagonisten eines Romans; manchmal auch für den Leser.
Pop-Autor Lautmalerisch: Autor, der mit lautem Knall auftaucht und, wenn der Rauch sich verzogen hat, verschwunden ist.
Publikum Amorphe Masse von Lesern, die zusammen einen schlechteren Geschmack hat als die Elemente, aus denen sie sich zusammensetzt.
Rückblende Teil des Romans, der den Leser noch weniger interessiert als der Rest.
Sachbuch Betätigungsfeld für Autoren, die keine Phantasie haben.
Satire Siehe Bücherverbrennung.
Scheitern Einen Roman schreiben.
Schreiben 1. Zeit verschwenden, damit Leser mit dem Ergebnis der Zeitverschwendung Zeit verschwenden können. 2. veraltet: Mittel zur Kommunikation.
Schreibmaschine Veraltetes Folterinstrument; Geklapper, das Geplapper zeugt.
Schriftsteller, freier Bekanntestes Paradoxon der Buchbranche.
Schublade Geeignetster Aufbewahrungsort für Gedichte.
Schublade, unterste Der Ort, wo sich die Geschichten finden, die die Mehrheit der Leser lesen wollen.
Schusterjunge Junger Schuster.
Sprache Das am wenigsten geeignete Mittel zur Kommunikation.
Starautor Autor, der mehr signiert als schreibt.
Stil Die ganz individuelle und unverwechselbare Art, beim Schreiben zu scheitern.
Taschenbuch Biologisch unbedenkliches Insektenvernichtungsmittel für die Jackentasche. Ab sechshundert Seiten auch geeignet gegen Mäuse und Frösche.
Unterhaltung Hebung des Gemütszustands des Lesers, indem man ihn anlügt. In der Trivialliteratur zu selten verwirklicht, in der Literatur ausdrücklich verboten.
Verlag Als Kleinverlag Weißer Zwerg, der keine Anziehungskraft entfaltet, weder für Buchkäufer noch für Buchhändler, als Großverlag Roter Riese, der alle Autoren und Leser an sich zieht, bis er irgendwann an seiner eigenen Masse zu einem Schwarzen Loch kollabiert.
Zensur 1. Knebel für Autoren, der nur dafür sorgt, dass sie noch lauter schreiben. 2. Folge einer einstweiligen Verfügung.
Stephan Waldscheidt
Insgesamt wurden einige sehr spannende und lesenswerte Kritiken eingereicht - herzlichen Dank an alle Teilnehmer!
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