Dass sich die Organisatoren des Wettbewerbs um den Bachmann-Preis nun endgültig zu Vasallen des Fernsehens haben machen lassen, ist weitgehend Konsens. Aber das Paradox besteht darin, dass die Kommentatoren, indem sie dem Klagenfurter Schauprozess mehr Aufmerksamkeit zuwenden als irgendeiner anderen Literaturveranstaltung, just bestärken, was zu beklagen sie vorgeben: die Degradierung der Literatur zum Medienereignis. Was hindert sie, sich dem Spektakel zu entziehen und stattdessen dort vor Ort zu sein, wo Literatur tatsächlich an die Menschen herangebracht wird in einer Form, die der Literatur und den Menschen gleichermaßen entspricht? Will heißen: in einer Form, die der ästhetischen Anstrengung Vorrang gibt vor dem Unterhaltungswert. Was hindert sie, die Arbeit idealistischer Literaturfreaks zu würdigen, die dem Gegenstand ihrer Leidenschaft dienen, statt ihn zu schröpfen?
Ist es ein Zeichen für ein neu erwachtes Interesse an Literatur, oder ist es, vergleichbar der Funktion von Filmfestivals, eine Reaktion auf die immer enger werdenden Spielräume im kommerziellen Bereich, dass Literaturfestivals seit ein paar Jahren wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schießen? Bei Sprachsalz jedenfalls, dem Festival, das heuer zum sechsten Mal stattfand und seinen Namen der mittelalterlichen Salzstadt Hall, wenige Kilometer östlich von Innsbruck, verdankt, braucht man sich über mangelnde Anteilnahme nicht zu beklagen. Es ist für jeden, der Literatur liebt, herzerfrischend, wie da drei Tage lang in zum Teil überfüllten Räumen bekannten und weniger bekannten Dichtern und Schriftstellern aus der näheren und weiteren Umgebung gelauscht wird. Gewiss, Autoren zum Anfassen: das ist Teil des Reizes solch einer Veranstaltung. Aber Prominentengeilheit, wenn sie denn eine Rolle spielt, geht hier nicht auf Kosten der Substanz, und die liefern nun einmal die Texte.
Literatur wird in Hall in Tirol nicht eng verstanden, nicht als Vermittlung von Botschaften und nicht als Sprachkunst nur. Das ist es ja, was Literatur unverzichtbar macht, wenn der Mensch nicht von Brot allein lebt: dass sie den Raum unserer Erfahrung erweitert. Sie lässt uns Vertrautes in neuem Licht erscheinen, wie etwa in der Tetralogie von Erasmus Schöfer, aus deren letztem Teil Winterdämmerung der Autor bei Sprachsalz las, sie präsentiert uns Fragmente der Wirklichkeit, die uns die Medien vorenthalten, wie etwa in Felix Mitterers neuem Stück über den Briefbombenattentäter Franz Fuchs, das im November in Wien seine Uraufführung erleben wird, sie setzt Alltagserfahrungen in musikalische Verse um wie bei Charles Plymell, dem sympathischen Veteranen der amerikanischen Beat Poetry, sie erzeugt Empathie für die Erniedrigten und Beleidigten, wie Colum McCann in seinem Roman Zoli über eine slowakische Roma, deren Familie von den Faschisten ermordet wurde. Ein Ire aus New York auf osteuropäischen Spuren: wer weiß denn hierzulande noch, wer Hlinka war? Literatur in ihrer satirischen Spielart setzt der Politik zu, wie es anderswo nicht möglich ist – etwa in den Erzählungen des Slowenen Drago Jan?ar. Und Literatur gewährt uns das Vergnügen an Sprache, die, wie etwa in den Fundstücken von Bodo Hell, von ihrer ursprünglichen Funktion befreit wurde und so ästhetische Qualitäten entwickeln kann, die ihre Autoren nicht vorgesehen hatten.
Vertreten ist in Hall auch die humoristische Literatur, etwa durch Monique Schwitter, durch Michal Hvorecký, durch Margit Schreiner. Robert Schindel attestiert Margit Schreiner, dass sie eine unideologische Schriftstellerin sei, denn wer aus einer Ideologie heraus Literatur produzieren wolle, würde es bald aufgeben. Womit wir darüber belehrt wären, dass Dante und Diderot, Marie von Ebner-Eschenbach und Dostojewski, Majakowski und Upton Sinclair es aufgegeben haben oder zumindest hätten aufgeben sollen. Was Schindel in Aufarbeitung seiner eigenen Biographie als „unideologisch“ lobt, ist vielleicht bloß launig im Verständnis von Feuilletons, wie sie früher in den Wochenendbeilagen von Tageszeitungen veröffentlicht wurden, und steht in scharfem Kontrast zum schräg-grotesken Humor eines Werner Kofler und zum abgründigen Humor eines Drago Jan?ar.
Dem beliebten journalistischen Ritual der Trendanalyse oder gar der Prophetie wird hier nicht entsprochen. Bei Sprachsalz koexistieren die diversen literarischen Richtungen friedlich, und die Auswahl der Gäste verdankt sich ausschließlich den Vorlieben der Projektgruppe, die das Festival organisiert.
Ein Literaturfestival ist auf direkte Kommunikation angelegt. Vorlesen vor einem Publikum ist etwas anderes als stille Lektüre, Versenkung ist hier kaum möglich. Deshalb sind bei solchen Festivals bevorzugt jene Autoren beliebt, die nicht nur schreibend, sondern auch sprechend über eine gewisse Virtuosität verfügen. Bodo Hell ist da ein Glücksfall. Und zwar – das sei um der historischen Gerechtigkeit willen festgehalten – diesseits von und lange vor der Slam-Mode. In der Slam-Szene genießt Nora Gomringer hohes Ansehen. Unter nicht geringem Einsatz mimischer und stimmlicher Mittel verwandelt sie ihre Texte in eine Performance, die nur noch wenig zu tun hat mit dem ausladenden rhetorischen Gestus, mit dem Charles Plymell seine Langgedichte vorträgt.
Auch Literaturfestivals sind von der Kommerzialisierung bedroht, von der stromlinienförmigen Anpassung an die Bestsellerkultur, wenn sie den Haien in die Hände fallen (was, zugegeben, ein schiefes, aber dennoch zutreffenden Bild ist). Der Charme von Sprachsalz liegt in der Symbiose von professioneller Organisation und dem uneigennützigen Engagement der Veranstalter, die Literatur eben offenkundig lieben. Dazu kommt, dass mit dem Parkhotel in Hall in Tirol ein idealer Veranstaltungsort gefunden wurde. Kurz: Sprachsalz ist eine Reise wert.