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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:17

Theaterkritik: Onkel Wanja

18.05.2009

Nitschewo

THOMAS ROTHSCHILD über die temporeiche, auf zwei Stunden zusammengestrichene Onkel Wanja-Interpretation am Melchinger Theater Lindenhof.

 

Zu den wenig beachteten Besonderheiten in Tschechows Stücken gehören die häufigen Szenenanweisungen, wonach von außen, von hinter der Bühne, Musik zu hören ist. Franz Xaver Ott hat für seine Inszenierung des Onkel Wanja, wo solche Anweisungen fehlen, die Anregung aufgenommen. Wenige Töne, auf seltenen Instrumenten produziert, dienen hier als Interpunktion. Am Anfang und kurz vor dem Ende der auf zwei Stunden zusammengestrichenen Interpretation am Melchinger Theater Lindenhof entscheidet sich die Regie für eine deutliche Stilisierung. Sie prägt aber nicht das Gesamtkonzept. Diese Aufführung hat dem Stück durch Tempo den letzten Rest von Poesie ausgetrieben. Das kann man machen, aber ist es ein Gewinn?


Dass die Menschen, die da, wie jüngst bei Jürgen Gosch, allesamt ständig auf der Bühne präsent sind, dass insbesondere Sonja und ihr o­nkel Wanja gelitten haben, wird hier eher behauptet als gezeigt. Onkel Wanja – landauf, landab. Lange Zeit im Schatten von Kirschgarten, Drei Schwestern und der Möwe, scheint dieser Tschechow neuerdings den Dramaturgen besonders aktuell. Die tri-bühne hat ihn auf dem Spielplan, das LTT zeigte in der vergangenen Spielzeit die frühe Fassung unter dem Titel Der Waldschrat. Die Regiestars unserer Tage, etwa Andrea Breth, Luc Perceval oder Andreas Kriegenburg, wetteifern mit Onkel Wanja, und Jürgen Goschs umjubelte Berliner Inszenierung hat im vergangenen Jahr so ziemlich alle Auszeichnungen eingefahren, die im deutschen Theater vergeben werden.


Vielleicht ist es gerade die Mittelmäßigkeit der Figuren dieses Stücks, die Gosch noch drastischer als seine Vorgänger herausgearbeitet hat, was Onkel Wanja für die Gegenwart reizvoll macht: Der Professor, für den sich alle abrackern und der in Wahrheit von Kunst, über die er schreibt, nichts versteht, seine junge, von allen begehrte, aber im Grunde nicht nur gelangweilte, sondern auch langweilige Frau, die rührende, aber unbeholfene Sonja, deren Haar gepriesen wird, weil sonst an ihr nicht viel zu loben ist, die Schwiegermutter des Professors, die blindlings auf ihn hereinfällt, der scheinbar positive Held Astrov, der sich bei genauerem Hinsehen als typisch Tschechowscher versoffener Arzt und Schwätzer entpuppt, was die Frauen des Dramas freilich nicht durchschauen, der trottelige Telegin, der wegen seiner Pockennarben je nach Übersetzer „Waffel“ oder „Waffelgesicht“ genannt wird, und schließlich der titelgebende o­nkel Wanja, der sein Leben und seine Erbschaft für den Professor geopfert hat und in seiner tumben, lammfrommen Ergebenheit, in die er nach kurzatmigen Rebellionen stets wieder zurückfällt, doch auch das Mittelmaß nicht überschreitet. Wenn Sonja sich mit ihm am Ende an die Buchhaltung macht und auf eine utopische Zukunft vertröstet, in der er und sie sich ausruhen werden, dann ist der Gipfel der Tristesse erreicht, weil wir alle begreifen, dass diese Hoffnung trügerisch ist.

Auf Folkloristik wird verzichtet

Auch die Tschechow-Inszenierungen unterliegen Moden. Nachdem man wahrgenommen hatte, dass Tschechow mit Stanislawskis kanonisierten Auffassungen unzufrieden gewesen war, dass er selbst seine Stücke als Komödien verstand, häuften sich die komischen Tschechow-Inszenierungen. In den vergangenen Jahren bemühte man sich einerseits um eine Entrussifizierung oder vielmehr um eine Vermeidung von Klischees, die für typisch russisch gehalten wurden, und andererseits, seit Peter Zadeks Wiener Iwanow, um eine Konzentration auf die Figuren, die frontal in Räumen mit geringer Tiefe aufgereiht werden (was bei Onkel Wanja eher zu machen ist als bei den Drei Schwestern).
Im Theater Lindenhof stehen einfache Holzstühle und nach vorne geneigte Tische auf der Bühne sowie der unvermeidliche (und im Text schließlich erwähnte) Samowar. Auf Folkloristik wird auch in Melchingen verzichtet. Die Njanja ist mit der eigentlich zu jungen Gina Maas gegen das Klischee besetzt und gekleidet, Sofie Millers Sonja ist nicht nur hübsch und muss daher an der wunderbaren Stelle, an der die Verliebte bei Tschechow erkennt, dass man das Haar oder die Augen einer Frau lobt, wenn sie hässlich ist, bedauern, dass sie rotes Haar hat („Glaubst du, ihm gefällt rotes Haar?“) – sie ist auch resolut, eine Frau von 2009, nicht von 1897. Wenn sie von dem Arzt Astrov (Oliver Moumouris) schwärmt, steigt sie auf einen Stuhl.

Nun ja. Linda Schlepps trägt als die von allen Männern begehrte Jelena einen ärmellosen geblümten Seidenoverall. Die Schwiegermutter des Professors (Bernhard Hurm) und Mutter Wanjas (Stefan Hallmayer) ist den Strichen zum Opfer gefallen. Zu den unübersetzbaren Wörtern des Russischen gehört „nitschewo“. Eigentlich heißt es einfach „nichts“. Aber es kann die Bedeutung von „mach dir nichts draus“, „schon gut“, „spielt keine Rolle“, „so la la“ annehmen, eine abwiegelnde Geste, die sich weder auf ein „ja“, noch auf ein „nein“ festlegt, für das es aber im Deutschen nicht das eine Wort gibt. Deshalb sagen Tschechows Bühnenfiguren in Deutschland immerfort „Das macht nichts“. So auch in Melchingen. Das klingt hölzern, eben nach Übersetzung, und macht alle Bemühungen der Entrümpelung russischer Signale zunichte. Ist es unvermeidbar? Nitschewo.

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