Ein eigenes Tanztheaterensemble gehörte seit langem zu Werner Schretzmeiers Träumen. Seine Initiativen waren nicht vom Glück begünstigt. Jetzt aber ist ihm mit der Bindung von Eric Gauthier an das Stuttgarter Theaterhaus ein ganz großer Coup gelungen. Es wurde damit schlagartig zu einer ersten Adresse für diese Kunstform.
Hervorgegangen aus dem renommierten Stuttgarter Ballett, kann der erfolgreiche kanadische Tänzer in eigener Verantwortung nun mit einer sechsköpfigen Truppe seine Ideen verwirklichen. Für das dritte Programm haben außer Gauthier selbst keine Geringeren als William Forsythe, Ji?í Kylián und Philip Taylor Choreographien beigesteuert. So unterschiedlich sie sind – sie haben alle die Tendenz, sich von der Musik zu emanzipieren, diese gleichsam visuell zu „übertönen“.
In vier von den fünf Stücken des Abends setzt der Tanz ein, ehe die Musik zugespielt wird. In Forsythes „Duo“ aus dem Jahr 1996 entwickelt sich eine Spannung zwischen Synchronität und Asynchronität, zwischen parallelem Gleichmaß und der Abweichung davon. Zeitliche Verschiebungen spielen auch in Ji?í Kyliáns „Double You“ von 1994 eine Rolle. Eric Gauthier tanzt sein Solo vor zwei Pendeln mit unterschiedlicher Amplitude. Die dreifache Bewegung reibt sich dann an Bachs Partita Nr. 4.
Dass Philip Taylor eine Generation jünger ist, erkennt man nicht nur an der Verwendung der Musik von Amy Winehouse, sondern auch daran, dass für sein „What It Is“ am Saaleingang vor der Verwendung eines Stroboskops gewarnt wird. Das Stück des viel gelobten Engländers, der von 1982 bis 1990 dem renommierten Nederlands Dans Theater angehörte, erinnert an Kinderspiele. Weit mehr als Forsythe und Kylián ist Taylor vom Modern Dance geprägt, freilich immer noch diesseits des Tanztheaters einer Pina Bausch oder eine Anne Teresa De Keersmaeker. Gauthier selbst, schon im vorausgegangenen Programm zuständig für das Komische, schuf die „Björk Duets“, in denen drei Paare hintereinander auftreten, nachdem und bevor das gesamte Ensemble an der Rampe Schluckauf simuliert und sich die Tänzer schließlich ans Herz greifen, sowie die eklektizistischen „Seasons“, die in Sylvestervorsätze der auf unterschiedlich hohen Kuben sitzenden Tänzer münden.
Heterogen wie die Tanzformen sind in „Seasons“ auch die verwendeten Musiken: eine rhythmisch akzentuierte Version von Gershwins „Summertime“ zu einer ironischen FKK-Szene, das Wiegenlied „Hush Little Baby, Don’t You Cry“ zu einem Riff aus Elvis Presleys „King Creole“, Jacques Brels „Le plat pays“. Dazu wird auf Heelys – Schuhen mit eingebauten Rollen – über die Bühne geglitten oder aus einer Art Zeltplane eine angedeutete Schneedecke gewickelt.
Das trägt Gauthiers Handschrift. Aber der Leiter des Ensembles hat es sich nicht zu leicht gemacht. Er rekapituliert nicht bloß seine früheren Erfolge. Wir dürfen auch für die Zukunft noch manche Überraschung erwarten. Wenn überhaupt ein Wunsch bleibt, dann dieser: dass sich die Truppe am Theaterhaus – Anja Behrend, Marianne Illig, Armando Braswell, Alexis Dupuis-LeBlanc, William Moragas und, im vergangenen Jahr hinzugekommen, Lisa May – noch entschiedener von ihren Wurzeln entfernt, um eine echte Alternative zum Stuttgarter Ballett zu bieten. Nicht etwa, weil dieses nicht erstklassig wäre. Im Gegenteil: gerade weil es das ist, können ihm, ebenso erstklassig, andere Formen des modernen Tanztheaters entgegengehalten werden.