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Dienstag, 07. Februar 2012 | 06:32

 

Petits riens (17)

10.08.2009

Mäzenatisches Zubrot

WOLFRAM SCHÜTTE über Signierstunden nach Lesungen, über den Unikatwert von Leseexemplaren, - der eine seriöse Möglichkeit für unterbezahlte Rezensenten und Buchhändler sein könnte, sich ein bescheidenes Zubrot zu verdienen - und über von den Verlagen rätselhafterweise verschenkte Werbemöglichkeiten.

 

Killroy was here - Schon oft habe ich mich nach „Dichterlesungen” gefragt, warum & zu welchem Zweck die meist älteren Herrschaften am Ende zum Autor eilen, um sich eines seiner Bücher signieren oder mit ihrem Namen oder dem einer nicht anwesenden Person sogar von ihm widmen zu lassen. Es soll wohl eine Wertschätzung sein - für den Autor, dem man als Leser buchstäblich nahetritt; oder durch die Signatur eine (erbeten-erpresste) Wertschätzung des Autors für den Leser, dem er mit dessen Namen das Buch scheinbar persönlich zueignet. Meist weisen die Bücher, die er signiert, jedoch nicht die Wertschätzung auf, bereits gelesen worden zu sein. Ob es danach noch dazu kommt: wer weiß es?

Andere kommen gleich mit einem Packen von den Autors Büchern am Lesetisch an. Das sind, so grotesk solche „Massentaufen“ scheinen mögen, aber oft Leser, welche die zur Signatur herangeschleppten Bücher schon gelesen haben.

Gehört habe ich aber auch von Buchhändlern, dass sie Dichterlesungen nur besuchen, um sich das gerade erschienene Buch in mehreren Exemplaren signieren zu lassen, um ihre potentielle Käufer-Kundschaft mit solchen Unikaten zu ködern; wohingegen Antiquare, die sich im Besitz von Erstausgaben eines noch lebenden Autors wissen, diese im Wert steigern, indem sie sie durch den persönlichen Schriftzug des Autors adeln lassen. Denn das signierte Buch ist für Bibliophile in seinem Wert gesteigert.

Es wäre aber noch eine deutlich höhere Wertsteigerung, würde der Autor das Buch nicht nur signieren, sondern es zugleich mit einem Satz einer prominenten Person gewissermaßen persönlich widmen („Lieber Willy Brandt.... Dein Günter Grass“), wobei es natürlich am besten wäre, wenn es sich um einen bereits toten Prominenten handelte, der den Fake nicht dementieren könnte.

Natürlich wäre das jedoch ein Betrug - wie ihn ein amerikanischer Antiquar begangen hat, der im Laufe der Zeit 300.000 $ damit verdient haben soll, dass er Erstausgaben von eigener Hand mit den ihm bekannten Unterschriften verstorbener oder lebender Autoren hochgepreist hat. Er hat es aber offenbar zu toll, zu durch- & unvorsichtig und ohne das dazu notwendige Raffinement getrieben, so dass man ihm auf die Spur kam. Der Signaturen-Imitator gewärtigt nun eine Gefängnisstrafe von 80 Jahren, wodurch er allerdings in den (zweifelhaften) Genuss käme, bis an sein Lebensende auf Staatskosten kartäuserhaft Bücher lesen zu können - falls es sich bei ihm nicht nur um den Profiteur seiner vorübergehend erfolgreichen Geschäftsidee, sondern auch noch um einen Bücherliebhaber handelt.

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Mäzenatisches Zubrot
- Ohnehin ist durch ihre inflationäre Verbreitung, als Nebeneffekt der beliebten „Dichterlesung”, die handschriftlich persönliche Zueignung eines Autors für einen Leser weitgehend wertlos geworden - zumindest für spekulative Schnäppchenjäger. Wenn manche Erstauflagen von Büchern bekannter Autoren zwischen 20 bis 50. Tausend Exemplaren liegen (und die Erstauflagen immer seltener, wenn überhaupt noch, vom Verlag außer im Buchhandelsprospekt angegeben werden), ist das einstige Unikum Erstauflage um seinen wertvollen Seltenheitswert gebracht - ganz zu schweigen davon, dass der Typus des Bibliophilen und Bibliomanen im Verschwinden begriffen ist.

Unikate oder zumindest Bücher in geringer Auflage sind dagegen jene sogenannten „Leseexemplare” für Kritiker und Buchhändler, die größere Verlage zu Promotion ihrer erhofften Erfolgs- oder Renommeetitel in eine nichtkommerzielle Zirkulation befördern. Sie unterscheiden sich zumindest meist durch den eingedruckten Hinweis des Erstverkaufstags, bis zu dem keine Rezension erscheinen sollte. Manche dieser „Leseexemplare” sind aber opulenter als die späteren Verkaufsbücher, indem sie Interviews, Porträts oder (bei ausländischen Autoren auch) Rezensionen enthalten, also das Buch schon eingebettet in seine Rezeptionsgeschichte den Rezensenten zu deren „Information”, Einschüchterung oder ggf. zum „Abkupfern” darbieten.
Insofern wären heute Buchhandels- oder Rezensionsexemplare für einen aufs Besondere, Abweichende und Seltene spekulierenden Bibliophilen viel attraktiver als die gar nicht als solche ausgewiesene Erstausgabe mit oder ohne Autorenschriftzug.

Wenn Rezensenten, Buchhändler und Bibliophile gemeinsam diesen Arkanbereich der heutigen Buchproduktion für sich entdeckten, wäre das zwar keine Goldgrube, aber doch die seriöse Möglichkeit für die unterbezahlten Rezensenten und Buchhändler, sich ein bescheidenes Zubrot zu verdienen: mäzenatisch gestützt von den Verlagen wie den Bibliophilen.

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Unterlassene Hilfeleistung - Vermehrt fällt mir an den Waschzetteln der Hardcover- Bücher renommierter Verlage auf, dass sie bei den Autorenangaben ihrer Haus- & Stamm-Autoren gar nicht mehr alle der bei ihnen erschienenen früheren Bücher aufführen, sondern nur noch meist die zwei letzten. Man war einmal stolz darauf, das vom Verlag betreute Oeuvre in toto auf dem Waschzettel annoncieren zu können. Jetzt - verschweigt man lieber, dass man nicht mehr alle früheren Bücher als Hardcover präsent hält, also sie vergriffen sind? Ja, ja, die hohen Lagerkosten, die Konkurrenz des Neuen, die Umschlagsgeschwindigkeit in den Buchhandlungen: das alles führt dazu, dass die Verlage die einstige „Pflege” ihrer Autoren heute dem Lesepublikum verschweigen?

Obwohl es ja immer schwerer geworden ist, außer mit Bestsellern und Prominenten, an die Leser & Leserinnen heranzukommen, haben die Verlage jedoch ihre eigensten Möglichkeiten, in ihren Büchern für ihre Bücher und Autoren zu werben, kontinuierlich zurückgenommen. Dabei könnte ja gerade das jüngste Buch eines Autors für Leser, die ihn damit für sich „entdeckt” haben, der willkommene „Einstieg” sein, sich seinem früheren Oeuvre zu widmen. Besser & kostengünstiger als in den eigenen Büchern kann man doch für Autor, Verlag & dessen Produkte gar nicht werben!

„Früher” endete ein Buch meist nicht mit seinem Textcorpus, sondern ihm folgten noch zwei, drei Seiten mit Inseraten vorausgegangener Bücher des Autors oder verwandter Verlagspublikationen samt Zitaten aus Kritiken. Nun muss man nicht bedauern, dass das kleine Fortleben der Rezensenten als Verkaufsherolde im Zitat aus ihren Besprechungen heute verschwunden ist; aber man könnte als Verlag ja sinnvoller (& statt dessen) Thema, Sujet, Umfang der früheren Bücher annoncieren und damit einen direkten Kontakt zu den Lesern herstellen, die ja durch Kauf & Lektüre einem „ins Haus” gekommen sind - ob sie dazu die Schwelle einer Buchhandlung überschritten hatten oder immer häufiger das Buch übers Internet erworben hatten. Wenn man in Rundfunk & TV genervt wird von der aggressiven, lautstarken Eigenwerbung für andere Programme - im Buchgewerbe, das sie einmal kannte, als es die elektronischen Medien noch gar nicht gab, wäre eine solche stille Eigenwerbung im Appendix eines Buchs Lesern willkommen als weiterführende, animierende Information. Rätselhaft, dass die Verlage sich immer häufiger und rigider zur unterlassenen Hilfeleistung entscheiden, sowohl gegen sich als auch gegen jene Leser, die ihnen am nächsten gekommen sind.

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