Gänse stopfen - Der Rowohlt- & der Spiegel-Verlag haben sich vor dem Hamburger Landgericht “gütlich geeinigt” und wollen “ihre gute und professionelle Zusammenarbeit auch in Zukunft fortsetzen”. Etwas anderes war auch gar nicht zu erwarten, obwohl Rowohlt Klage gegen den “Spiegel” erhoben hatte, weil das Wochenmagazin 14 Tage vor der Auslieferung von Daniel Kehlmanns Roman Ruhm und entgegen einer von Rowohlt verlangten Rezensionssperre bereits über Buch & Autor (mit dessen Hilfe) ausführlich (& vor allen anderen) berichtet hatte. Rowohlt hatte für die Zuwiderhandlung mit einer Konventionalstrafe in Höhe von 250.000 ¤ gedroht.
Die SZ meinte nun dazu, die Einigung sei “wohl das Vernünftigste” gewesen, das “Problem mit den Sperrfristen” bleibe aber bestehen und es “gehe in diesen wie in anderen Fällen nicht ohne Takt und gute Sitten ab”.
Das ist für mein Empfinden tantenhaft. Hier ist im Gegenteil eine “professionelle Zusammenarbeit” zwischen dem Buch- und dem Wochenzeitungsverlag nur scheinbar unterbrochen, de facto aber kontinuierlich zu beider Nutzen “fortgesetzt worden.” Denn nichts konnte mehr zum Ruhm von Ruhm und dessen Verkauf beitragen - als das empörte Geschnatter der zum Stillhalten verdonnerten Rezensionsgänse über den vorausgeeilten Spiegel, der als Meinungsführer allen anderen vor(weg)schrieb, was dazu hymnisch zu sagen sei. Das war unbezahlbare (& keineswegs regresspflichtige) Vorauswerbung für Rowohlt & Kehlmanns Ruhm.
Was wäre aber passiert, wenn der Spiegel einen Verriss publiziert, also vom Kauf des Buchs abgeraten hätte? Denn nur dagegen wären die 250.000 ¤ Strafe überhaupt denkbar gewesen: als Abwehr einer verkaufsbeeinträchtigenden Klimaveränderung im Rezensentenmilieu. Nur wer als Spiel-, sprich: Geschäftsverderber die Sperrfrist durchbricht, riskiert eine Konventionalstrafe. Einen Verriss, der 250.000 ¤ wert wäre: den würde ich aber gerne einmal lesen.
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Spät - zu spät? - Immer wieder ist bei späten Nazi-Kriegsverbrecherprozessen in der Vergangenheit und erst recht heute, da Achtzig- & Neunzigjährige vor Gericht stehen, gefragt worden, ob es denn “human” sei, “so lange nach der Tat” die “alten Herren” noch hinter Gitter zu bringen. Man sieht hinfällige Opas auf der Anklagebank sitzen, mit deren heutiger physischer Erscheinung das Kriegsverbrechen aus ihrem Mannesalter schwerlich in Anschauung gebracht werden kann. “Die tun doch niemand mehr etwas zuleide” und “Sie haben doch ‚danach‘ ein ‚anständiges‘, ‚normales‘ Leben geführt und Kinder & Enkel gehabt, die an ihnen hängen”, hört man dann oft von Mitmenschen, die wie - Sarastro in der Zauberflöte - sagen, dass sie “die Rache nicht kennen”, was, nebenbei gesagt, billig ist, wenn man persönlich gar nichts mit dem in Frage stehenden Verbrechen & Verbrecher zu tun hat. Es ist eine Gratis-Güte, die sich auf ihre vermeintliche Großzügigkeit, zu “verzeihen”, gegenüber jenen, die sie nicht teilen, etwas zugute hält und auch noch den Bonus “größerer Menschlichkeit” einstreichen will.
Sicher ist der Anblick eines vom Alter erbarmungswürdig gezeichneten Täters bei jedem “mitfühlenden” Menschen Sympathie heischend. Es liegt aber offenbar in der menschlichen Natur, dass das Sichtbare, das uns jetzt vor Augen steht, stärker in unsere Moralität eingreift, als das Unsichtbare & Vergangene, von dem wir nie ein Bild, sondern nur eine Nachricht hatten, also bloß Worte, auf die sich unsere Phantasie einen Reim, sprich: Bilder hätte machen müssen - z.B. von einer Gruppe von Bauern, die als Geiseln in ein Haus getrieben wurden, das anschließend angezündet wurde, so dass die bei lebendigem Leib verbrannt wurden.
Gesetzt, der Opa, der da vom hohen Alter gebeugt auf der Gerichtsbank sitzt, hätte dieses grausame Verbrechen zu verantworten, so wird man sich doch einmal fragen müssen: wie hat er danach damit gelebt? Denn er hat ja danach gelebt - als sei nichts gewesen. Er hat - sei´s durch Glück, sei´s durch List, sei´s durch politische Opportunitätsgesichtspunkte verschont - sein Leben leben können wie jemand, der sich nichts zuschulden hat kommen lassen. Nie ist er auffällig geworden, danach, nie hat er sich hervorgetan (auch nicht durch eine besondere humanistische Tätigkeit) - nein: im “Normal-Fall” war er “wie wir alle“.
Wie alle - außer jenen, die von ihm um dieses Lebens-Glück gebracht worden sind. Er war ein Mörder, der weder gefasst wurde, noch sich gestellt hatte, vielleicht gar noch nicht einmal von seinem Gewissen belastet in Ruhe und Zufriedenheit alt geworden ist - also ein Leben gelebt hat, das ihm aufgrund des von ihm begangenen Verbrechens nicht zugestanden hätte, wenn es früher mit (ge)rechten Dingen zugegangen wäre, wie es jetzt erst der Fall sein soll.
Warum sollte jemand, der andere Menschen verbrecherisch um ihr Leben gebracht hat oder hat bringen lassen, deshalb straflos & unbehelligt bleiben, weil er sich jahrzehntelang der Strafe entzogen hatte, bis er jetzt als hinfälliger Alter so aussieht, als hätte er nie ein Wässerchen zuvor trüben können?
Die Verurteilung und der damit verbundene Freiheitsentzug ist ein symbolischer Akt im Angedenken an jene, denen der Verurteilte die Freiheit geraubt hat, so zu leben und womöglich so alt zu werden wie er. Eine äußert milde Sühne. Sie gleicht dem, was von manchen “Sündern” im Mittelalter legendenhaft berichtet wird, wenn es heißt, sie hätten ihr Leben im Kloster beschlossen.
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Und über uns der Himmel - Wenn man überlegt, was von der Welt, in der wir heute leben, unsere fernen Vorfahren mit ihren Augen genauso gesehen haben könnten wie wir es heute vor Augen haben, so wird man sich eingestehen müssen, dass es nichts gibt, was geblieben ist, das es einmal war - als Cäsar das Forum Romanum betreten, als Mozart auf der Reise nach Prag die Böhmischen Wälder durchquert hat oder als Heinrich von Kleist sich im Anblick des Wannsees umbrachte. Nur eines gab es, was Plinius oder Kolumbus, Dante oder Sitting Bull, Konfuzius oder Galilei genau so sahen, wie wir es sehen: den “gestirnten Himmel über uns” (Kant).
Auch das trifft aber längst nicht mehr zu - seit der “Sputnik” am 4. Oktober 1957 als erster Satellit die Erde umkreiste und ihm seither viele nachfolgten. Wir sehen sie vorüberziehen, wenn wir in einer wolkenlosen Nacht, die “mondbeglänzt” ist wie von Eichendorff, auf die Fixsterne schauen. Die einstige Ewigkeit des unverrückbaren Himmelsgewölbes haben wir mit unseren Mitteln durchkreuzt und dynamisiert. Zu den vielen Sternlein, die am Himmelzelt stehen, sind die vielen gekommen, die sich dazwischen bewegen.
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K. K. redevivus - Unter den brillanten Journalisten der Süddeutschen Zeitung ist der Sarkastiker Kurt Kister das größte “Schandmaul”. Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen, weil er mit seinem unverschämten Witz, der von Nestroyscher Misanthropie durchsäuert wird, die Kerne den von ihm Betroffenen ins Gesicht spuckt. Will sagen: er trifft.
Das jüngste Beispiel seines jokosen bayrischen Grantlertums ist seine Definition des Phänotyps der “Grünen”-Wähler (SZ v.1.9.09): “Heute ist die grüne Partei die Sympathieorganisation jenes irgendwie um Mensch, Umwelt und guten Wein besorgten Teils der Mittelschicht geworden, der seinen relativen Wohlstand gerne auf andere ausgedehnt sähe ohne allerdings, wie die Linke, gleich ‚Reichtum für alle‘ zu fordern. Um ein wenig garstig zu sein: Die Grünen haben sich zur FDP mit mitmenschlichem Antlitz gewandelt.“ Dieses Charakterporträt in zwei Sätzen, bei denen jedes Wort die physiognomische Leuchtkraft zur schlagartigen Erhellung eines Grünen-Wählers besitzt, hätte wohl auch Karl Kraus, mit dem Kurt Kister die Initialen seines Namens teilt, Respekt abverlangt.
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Es gilt das gesprochene Wort. - Kürzlich war ich bei der Ersten Verleihung des Robert Gernhardt Förderpreises, den das Land Hessen vergibt und die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) dotiert. Die Verleihung wurde von der seit 5. Februar 2009 amtierenden Hessischen Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann vorgenommen, einer 1962 in Kassel geborenen Juristin, die seit 2001 “Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion für Wissenschaft und Kunst” war und jetzt Hessens Ministerin für beide Bereiche ist. Eine der Ausgezeichneten war Elsemarie Maletzke, die ebenso als Reiseschriftstellerin wie als anglophilie Biografin der Bronte-Schwestern und Jane Austens sich einen Namen gemacht hat.
Als die forsch & eloquent auftretende Ministerin aber ein paar Worte zu Maletzkes Autorinnen-Biografien sagen musste, staunte die versammelte Festversammlung, was der Kultusministerin frohgemut & naiv aus ihrem Mund entfuhr: “Bron-tee” (als handele es sich um eine Tee-Sorte) und “Jane Austen” - als sei das der Name einer Deutschen, wobei deren Vorname eher dem slawischen Jana abgelauscht schien.
Offenbar waren der Ministerin noch nie in ihrem Leben die beiden englischen Namen begegnet, was weder ihr Redenschreiber noch die nun peinliche berührte Zuhörerschaft für möglich gehalten hatte. Auch war die Juristin, die durch ihre Rede zum ersten Mal mit diesen beiden weltliterarischen Säulenheiligen der modernen Frauenbewegung in eine flüchtige semantische Berührung kam, nicht intelligent genug gewesen, sich bei dieser Gelegenheit wenigstens sagen zu lassen, wie man die ihr unbekannten Namen aussprechen müsse - um sich nicht, wie dann vor aller Ohren geschehen, als banausische Ignorantin zu blamieren. Immerhin hat sie damit eine Kenntnisferne von der ihr anvertrauten Kultur offenbart, die wir nicht bemerkt hätten, wenn sie klüger gewesen wäre. Ein klein wenig Dankbarkeit geziemt sich dafür wohl?