Die diesjährige internationale Messeveranstaltung Buch Wien vom 12. bis 15. November war überschaubar und konnte sich trotzdem sehen lassen. Begleitet wurde sie von der Lesefestwoche vom 9. bis 15. November, die mit ihren mehr als 300 Veranstaltungen wie Lesungen, Diskussionen, Buchpräsentationen, Literatur-Performances usw. von morgens bis abends die Stadt und die sechs Messebühnen auf bunte und vielfältige Weise literarisch bespielte. Aus ihren Neuerscheinungen lasen beispielsweise Antonio Fian, Térezia Mora, Alek Popov, Michael Köhlmeier und Franzobel. Wien hat sich in diesen Tagen rundum zum Buch und zur Literatur bekannt.
Mit den Messen Frankfurt oder Leipzig braucht sich die Buch Wien überhaupt nicht zu vergleichen, will sie auch gar nicht. Sie gilt hauptsächlich als Publikumsmesse für Buch- und Literaturinteressierte und hat einen Fachbesucherbereich. Vor Ort waren 228 Direktaussteller aus elf Ländern (Österreich, Deutschland, Schweiz sowie Süd- und Südosteuropa), die sich mit 400 Verlagen präsentierten - ein paar weniger als zur erfolgreich verlaufenen ersten Ausgabe 2008.
Fünfmal fünfzig und fünf
Die junge Frau aus Tirol, die ich also auf die Buch Wien begleite, nenne ich der Einfachheit halber meine Tirolerin, obwohl sie natürlich nicht meine Tirolerin ist. An dem Tag unseres Messebesuchs hat sie eine ziemlich schwere Tasche dabei, in der sich fünfmal fünfzig Textseiten eines Romans und fünf Leseproben einer Drachengeschichte für Kinder befinden. Meine Tirolerin ist auf der Suche nach einem Verlag, damit Sie wissen, warum sie klaglos die schwere Tasche mit sich herumschleppt.
Kaum haben wir die Messehalle betreten, verliere ich sie bereits aus den Augen, weil ich bei den Berliner Jungs von der textbox hängen bleibe. Hinter schalldichtem Plexiglas verschanzt trägt ein Performance-Poet seine Texte vor, die bei mir über Mikrofon ankommen: ein „geschlossenes lyrisches Kommunikationssystem“ der vertraulichen Art im Messetrubel, ein guter Anfang.
Was macht meine Tirolerin? Beim Esslinger Verlag, einem klassischen deutschen Kinderbuchverlag, hat sie ihre Drachengeschichte an den Mann gebracht und ist ganz stolz, die Tasche hat etwas an Gewicht verloren. Ich beschließe, ab sofort an ihr dranzubleiben. An dem Gemeinschaftsstand von dtv, Manesse, Luchterhand und C. Bertelsmann ziehen wir vorbei. Die sind meiner Tirolerin eine Nummer zu groß. Suhrkamp, die hauptsächlich mit österreichischen Autoren vertreten sind, streifen wir ebenfalls nur. Der Verlagsstand hat sich mit bescheidenen 15 Quadratmetern mit genügend Abstand neben den Kojen der Ungarn und der Ukrainer eingereiht.
So wird das nichts, du musst zu richtigen österreichischen Verlagen, sage ich ihr. Wir nehmen den Metroverlag und Falter, zwei nette Wiener Verlage, die sich hauptsächlich auf Wien spezialisiert haben: Kunst, Kultur, Architektur, Regionalia. Nichts für meine Tirolerin, ich schmökere dafür begeistert und stelle fest, dass sie mir schon wieder entwischt ist. Dann sehe ich sie, wie sie sich angeregt mit einer Dame vom Residenzverlag aus St. Pölten unterhält und ihr nach einer Weile die Leseprobe vom Roman und die Drachengeschichte in die Hand drückt.
Ich staune, wieder ist die Tasche leichter geworden. Die fand beide Geschichten spannend, sagt meine Tirolerin. Der Residenzverlag blickt auf eine mehr als fünfzigjährige Verlagsgeschichte und ist bekannt für sein ansprechendes Programm aus Belletristik, Sach- und Kinderbuch hauptsächlich heimischer Autoren wie jüngst Walter Kappacher und Clemens J. Setz. Beim Literaturverlag Droschl aus Graz macht meine Tirolerin ebenfalls halt. Droschl ist der „risikofreudige“ Verlag für „wortfixierte“ Leser, „deren große Liebe der Sprache gehört“; die schwarzweiß Optik des Standes bildet eine lustige Ausnahme im Messeweiß.
Wirklich alles?
Der Verleger sitzt da und liest Meine Preise von Thomas Bernhard, der Stand ist leer. Meine Tirolerin traut sich nicht, ich schaue mir die Neuerscheinungen an: Ilma Rakusa, Elfriede Gerstl, Andreas Unterweger. Lieber zum MILENA VERLAG aus Wien. Die Koje, in der die Verlegerin sitzt, ist winzig klein. Sie schaut gelangweilt drein, als meine Tirolerin eine kurze Zusammenfassung ihres Romans gibt, die Probeseiten darf sie trotzdem da lassen. Das Motto des Verlags lautet: „Heftige Bücher für heftige Menschen.“ Ob das passt?
Meiner Tirolerin ist das egal, die steuert den Stand von Jung und Jung an. Jochen Jung will das ganze Manuskript haben, alles. Wirklich, frage ich. Zu den Autoren des im Jahr 2000 gegründeten ambitionierten Salzburger Verlags, der ein hervorragendes Literaturprogramm vorzuweisen hat, gehören beispielsweise Xaver Bayer, Ludwig Fels und Arnold Stadler. Jetzt ist die Tasche ja fast schon federleicht. Zum Schluss entscheiden wir uns für den Kyrene.Literaturverlag aus Innsbruck, der junge Verleger, Martin Kolosz, auch ein Tiroler, das verbindet. Das Verlagsprogramm des erst 2003 gegründeten Unternehmens ist bemerkenswert: eine Reihe belletristischer Titel etablierter Autoren wie Werner J. Egli, Monografien Tiroler Identitäten sowie eine Theatertext-Edition.
Das Gespräch am Stehtisch ist locker, meine Tirolerin erzählt von ihrem Roman und ihrer Verlagssuche. Ihr Manuskript darf sie abgeben und kriegt zusätzlich noch ein paar Tipps: Um ein Buch, nachdem es erst einmal veröffentlich ist, auch gut zu verkaufen, muss ein Autor, eine Autorin viele, viele Lesungen machen, sagt Kolosz. Er muss es wissen, denn er konnte sich bereits einen Namen als Prosa- und Theaterschriftsteller machen. Meine Tirolerin will aber eigentlich gar nicht lesen. Beim Verlassen der Messehalle sehen wir den Luftschacht Verlag aus Wien, zu spät, meine Tirolerin mag nicht mehr. Der Tag war schön.
Die Imagebildung von Wien als Literaturstadt zeigt sich darüber hinaus in der großartigen Geste gegenüber seinen lesehungrigen Bürgern mit der Gratisbuchaktion „Eine STADT. Ein BUCH“. 100.000 Bücher werden dabei ausgegeben – und dies schon zum achten Mal. Die Wahl fiel auf das Romandebüt Und Nietzsche weinte des in den USA lebenden Psychoanalytikers und Schriftstellers Irvin D. Yalom. Darin geht es um das fiktive Zusammentreffen von Josef Breuer und Friedrich Nietzsche in Wien 1882.
Die Buch Wien 2009 und die Lesefestwoche erreichten insgesamt 34.500 Besucher und damit einen passablen Erfolg. Nächstes Jahr, da sind sich die Veranstalter sicher, geht es in die dritte Runde. Kyrene wird wohl nicht mehr dabei sein, dem Verlag fehlte „Besucherandrang“ und Fachpublikum. Was aus den Geschichten meiner Tirolerin bis dahin geworden ist, werde ich Ihnen an dieser Stelle berichten.