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Wie ich einmal drittbester Luftgitarrist Deutschlands wurde. Von JAN FISCHER
„Was machst du hier eigentlich?“ denke ich schon zum zweiten Mal, als im Backstage des Berliner Lido das Bier alle ist, und mein Auftritt bevor steht. Ich stehe vor dem schmalen Bühneneingang, und würde gerne flüchten. Meine Hände zittern und sind schweißig. Das Gel läuft mir aus den Haaren. Der Moderator kündigt mich an. Jemand, der sich Effe, die Schlange nennt, reicht mir eine Flasche Jägermeister. Ich flüchte nicht. Ich trinke. Und gehe auf die Bühne, um bester Luftgitarrist Deutschlands zu werden.
Dr. Matthias Mertens ist ein großer Mann, über zwei Meter, und zur ersten Sitzung des Seminares „Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre“ kommt er in einem Black Sabbath Tshirt. Nicht die alten Black Sabbath, stelle ich fast automatisch fest, sondern die neuen, nicht Ozzy Osbourne, sondern Ronnie James Dio. „Es gibt“, sagt er, „keine Theorie der Luftgitarre“. Es ist Semesteranfang, im Raum sitzen etwa 50 Studenten. Man kann fast hören, wie sie alle gleichzeitig denken: Ja, warum denn auch? Unter den Studenten waren das Seminar, und die dazugehörige praktische Übung, schon vor Semesterbeginn Gesprächsthema. Ein Spaßseminar, eines ohne ernste Arbeit, so hörte es sich an. Mertens Spezialgebiet sind Computerspiele, Medientheorie ganz allgemein auch, manchmal taucht er als Experte bei der MTV-Sendung „Game One“ auf. Andererseits ist er ein knallharter Wissenschaftler, einer, der in der lage ist, eine Sitzung über klassische Rhetorik in ein Seminar über Super Mario einzuschieben. Mertens beginnt, einen Text von Susan Sontag auszuteilen. „Wir wollen in diesem Seminar“, sagt er, „eine Theorie entwickeln.“
Die Vorrunde der deutschen Luftgitarrenmeisterschaft findet in einem ranzigen Rockschuppen statt, da, wo die Welt zu Ende ist: Das Ex’n’Pop im Berliner Bezirk Schöneberg. Als wir – die Teilnehmer des Praxisseminars, die Hildesheimer Reisegruppe, so der Name unter dem wir in den nächsten Tagen bekannt werden – dort eintreffen, ist er leer. Wir zahlen die Startgebühr, bekommen dafür Getränkemarken, und werden in den Backstagebereich geführt. Der ist nicht, wie einen Tag später im Lido, ein gemütlicher Raum mit Sofas, Spiegeln und einer Toilette. Es ist ein Kino. Wir werfen unsere Taschen mit den Kostümen auf die abgesessenen roten Plüschsessel, und legen unsere Bühnenoutfits an. Wir fotografieren, lachen, üben noch ein wenig: Wir sind nervös. Die anderen Teilnehmer treffen ein, insgesamt sind es um die 20. Eine Frau, die früher einmal ein Mann war, kommt vorbei und stellt sich uns als die Vorsitzende der German Air Guitar Federation vor. Sie wird den Abend moderieren, und wünscht uns Glück.
Nach ein paar Sitzungen werfen wir im Seminar mit Theoretikern nur so um uns: Luftgitarrespielen sei die Reproduktion des Auratischen des Originalkunstwerks, sagt einer mit Walter Benjamin, auf jeden Fall sei es aber auch Camp, argumentiert der nächste mit Susan Sontag, bzw. vielleicht auch nicht. Die Frage, welche Gitarre den nun gespielt würde, beantwortet wieder ein anderer nach Plato mit: Jede Gitarre, die Idee der Gitarre, das sei es, was beim beim Luftgitarrespielen gespielt würde, aber vorhanden sei sie auf jeden Fall, in einem Prozess der Transsubstantation materialisiere sie sich. Die Frage, ob die Luftgitarre ein Medium sei, spaltet das Seminar. Mertens entwickelt ein Schaubild, das mit jeder Sitzung komplexer wird: Pop, Musik, Performance, Theater, Tanz, alles ist irgendwie mit dabei, in welchem Verhältnis der Körper des Gitarristen, der Körper der Musik und der Körper der Gitarre stehen – siehe hierzu Roland Barthes - ist Gegenstand heißer Debatten. Auf jeden Fall, so stellt sich schnell sowohl im Theorie- als auch im Praxisseminar heraus, ist es mehr als nur So-tun-als-ob: Die meisten Gitarristen – Slash von Guns ‘n‘ Roses fällt als Beispiel – sind miese Luftgitarristen.
Im Ex’n’Pop sind meine Getränkemarken schon lange vor dem Auftritt aufgebraucht. Es waren sowieso nur drei. Die Bühne ist kleiner als mein Zimmer. Darauf steht die Gitarre, die es zu gewinnen gibt. An der Wand das Logo der German Air Guitar Federation. „Was machst du hier eigentlich?“, die Frage kommt mir hier zum ersten Mal. Spaß, wollte ich haben, dabeisein, egal, welchen Platz ich mache, egal wie lächerlich ich mich mache. Ich tigere im Raum herum, und gehe immer wieder ins Backstagekino, um zu rauchen. Ich verspüre kein Bedürfnis mehr, mich lächerlich zu machen. Ich habe keine Lust mehr. Ich will nach Hause. Die Startplätze werden ausgelost, meiner liegt in der Mitte. „Jeder Teilnehmer“, erläutert die Moderatorin, die früher einmal ein Moderator war, noch einmal die Regeln, „hat 60 Sekunden Zeit um seine geprobte Performance zu einem von ihm gewählten Lied vorzuführen. Es gibt drei Jurymitglieder, bewertet wird wie beim Eislaufen: 4.0 ist das schlechteste, 6.0 das beste. Die zehn Bestplatzierten der Vorrunde kommen in die Endrunde.“ Ich höre das alles aus dem Backstage. Ich sitze in einem Kinosessel, kralle mich in den roten Plüsch, und rauche. Die anderen Teilnehmer sehe ich nicht. „Und als nächstes“, sagt die Moderatorin, „Geeky Gisbert“. Das ist mein Bühnenname. Das bin ich. Oder nicht ich. Egal. Ich gehe auf die Bühne. Ich taumele wieder runter. Meine Wertung bekomme ich nicht mit. Nur den Applaus. Ob es mehr oder weniger ist, als bei den anderen, weiß ich nicht. Ich kenne ja noch nicht einmal alle ihre Namen.
Einer der größten Momente in der Geschichte der Luftgitarre bleibt von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet: Matthias Mertens, Flügelspannweite lockere 2,30 Meter, führt im Praxisteil des Seminars Pete Townshends „Windmill“ vor. Seine Arme rotieren. Die sieben Teilnehmer machen es nach. Die Windmill ist ein Standard-Move, genau wie bestimmte Sprünge, und sowohl die Chuck Berry Variante des Duckwalks, sowie die von Angus Young. „Und dabei die Gitarre nicht vergessen!“ sagt Mertens. Begonnen hat die Praxisübung ganz anders: Die erste Bewegung, die wir lernen ist, die Gitarre erst mal umzuhängen. Von da aus erarbeiten wir die Standard-Moves, dann ein eigenes Bewegungsrepertoire, dann eine Bühnenperson, und schlussendlich eine eigene Choreographie. „So wissenschaftlich“, sagt Mertens, „ist noch nie jemand daran gegangen, Deutscher Luftgitarrenmeister zu werden. Das kann ja nur klappen.“ Bescheuerte Bühnennamen haben übrigens eine lange Tradition in der Welt der Luftgitarre: Bei den Hildesheimern sind mit von der Partie: Pete „The Tremolo Trash Crash“ Jones und Flesh E. Fingers, B. Sönderstroke Jr. Große, bekannte Namen wären beispielsweise Hot Lixx Hulahan, der ewige Zweite Bjorn Turoq, und, der traditonelle Gewinner der Deutschen Meisterschaft: Heart Buckboard.
Es ist dann auch Heart Buckboard, der im Backstage des Berliner Lido als letzter auftaucht, als das Bier schon fast alle ist. Einen zweiten Kasten gibt es erst zur Improvisationsrunde, das sei besser, hätte die Erfahrung gezeigt, sagt ein Organisator. Dreizehn Leute sind für das Finale gesetzt: Der letztjährige Gewinner, Heart Buckboard eben, dazu noch die Landesmeister aus Bremen und Schleswig-Holstein, und die zehn besten der Vorrunde. Im Gegensatz zur Vorrunde besteht das Finale aus zwei Teilen: Einmal die eingeübte Choreographie, und, für die besten zehn, und eine Improvisationsrunde zu einem unbekannten Song. Ich tigere wieder durch die Räume, ein Bier in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Als Heart Buckboard als letzter den Backstage betritt, bin ich noch nicht umgezogen. Ich bin noch nicht Geeky Gisbert, ich bin immer noch ich, ich, der nervös ist, weil das Lido aus allen Nähten platzt: Es ist nicht so ein ranziger Rockschuppen wie gestern. Auf derselben Bühne, auf der ich gleich stehen werde, treten in einem Monat Franz Ferdinand auf. So ein Laden ist das. Ich rauche. Ich trinke Bier. Es laufen Journalisten umher und fotografieren. Ich gehe in den Backstage. Ich ziehe mich um. Ich übe noch einmal. Der Raum mit den Spiegeln, Kühlschränken und Luftgitarristen flirrt vor Aufregung. Alle klopfen sich gegenseitig noch einmal auf die Schulter und prosten sich zu. Immerhin sind wir wegen des Spaßes hier. Währenddessen filmt ein Filmteam von RTL das alles. Eine Frau namens Sissy Sausage hat im vorhinein offenbar eine kleine Medienkampagne gestartet: Sie ist diejenige, auf die sich die Journalisten konzentrieren. Gut so. Irgendwann ist das Bier alle, und ich stehe an Bühneneingang, nervös, schwitzig, und frage mich zum zweiten Mal in zwei Tagen, was ich hier eigentlich mache. Geeky Gisbert wird angekündigt. Ich gehe auf die Bühne.
Noch während wir proben, beschließe ich, das Ding zu gewinnen. Ich beschließe, dass es mir egal ist, ob ich mich lächerlich mache. Dass es mir egal ist, dass ich eigentlich gar nicht tanzen kann, dass ich gar nicht die Eleganz oder die körperlichen Voraussetzungen dafür habe, mich zu egal welcher Art von Musik zu bewegen. Ich beschließe, dass mir dieser ganze Quatsch von wegen „Dabeisein ist alles“ vollkommen egal ist. Das ist der Punkt, an dem Geeky Gisbert geboren wird: Ein bebrillter, mittelbescheitelter Loser, der in einem Büro mit dem Vertrieb irgendeiner Ware beschäftigt ist, die er noch nie gesehen hat, der vor allem nicht die charakterliche Disposition dafür hat, Luftgitarre zu spielen. Der in diese ganze Sache reingeraten ist, und ganz bestimmt nicht elegant wieder rauskommt. Natürlich ist das ein gemeiner Trick: Ich will die Sympathien der Menschen, ich will, dass mein Unvermögen charmant rüberkommt. Geeky ist in allen seinen Einzelheiten darauf ausgerichtet, mein Nicht-Können aufzufangen. Den ersten Test besteht Geeky mit Bravour: Im Praxisseminar werden seine Zuckungen in der Kritikrunde mit großen Lob überhäuft. Die Probevorführung vor den Seminarteilnehmern des Theorieseminars gewinnt er.
Als ich im Lido aus der ersten Finalrunde wieder in den Backstage komme, höre ich erstaunt, dass Geeky nicht nur der zweite in dieser ersten Runde geworden ist, sondern auch noch die höchste Einzelwertung des Abends bekommen hat. Mein Ehrgeiz, zu gewinnen, der in der Vorrunde weitgehend allgemeiner Panik gewichen war, kommt wieder. Ich beginne zu planen. Es ist wieder Bier im Backstage-Kühlschrank. Ich nehme eines und gehe raus um zu rauchen, und treffe auf einen euphorisierten Mertens: „Wir können es schaffen“, sagt er, „wir können es wirklich schaffen.“ Heart Buckboard, der einzige mit einer höheren Gesamtwertung als ich, hat Kunstblut dabei, das habe ich gesehen. An so etwas habe ich natürlich nicht gedacht. Entweder gehe ich jetzt da raus, und ziehe mich aus, überlege ich, oder ich spiele Geeky durch. Ich entscheide mich dafür, Geeky durchzuspielen. Sie mögen ihn da draußen, denke ich. Ich rekrutiere drei Frauen aus dem Publikum, die Geeky von der Bühne zerren sollen, und ihm seinen grünen Pullunder runterreissen. Die Improvisationsrunde, beschließe ich, gehört mir. Selbstzufrieden rauche ich.
Nach der Impro-Runde gehe ich noch einmal raus. Die Punkte müssen ausgerechnet werden, die Stimmen ausgezählt. Ich trinke noch ein bisschen Jägermeister, den Effe, die Schlange mir anbietet, und irgendwann kommt der Moderator auf mich zu, schüttelt mir die Hand, und sagt: Herzlichen Glückwunsch zum 3. Platz. In 10 Minuten auf der Bühne.“ Ich mache wohl ein enttäuschtes Gesicht, denn die Frau, die einmal ein Mann war, kommt auf mich zu. Ihr Dekolleté wabbelt hypnotisch vor lauter Silikon. Sie gibt mir einen Rat. „Geschichten erzählen“, sagt sie, „das kann man in der ersten Runde. Beim Improvisieren geht es darum, richtig abzurocken.“ Der Rest der Zeremonie ist eher enttäuschend: Wir bekommen ein überdimensioniertes Pappschild, auf dem unser Bühnenname und unsere Platzierung steht. „Was soll der Mist?“ flüstert mir Mel from Hell, die die Zweitplatzierte ins Ohr, „da kann man ja noch nicht mal Filter draus bauen.“ Der Moderator redet noch ein bisschen, und überreicht Heart Buckboard die gewonnene Echtgitarre. Dann werden alle Teilnehmer noch einmal auf die Bühne gebeten, um zusammen zu einer Rockversion von „Ring of Fire“ zu spielen. Mertens bezeichnet das im Anschluss als „bewegenden Moment“. Ich fahre einfach am nächsten Tag wieder nach Hause, und hänge mir mein hübsches, neues Pappschild an die Wand.
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