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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 13:31

Buchmesserückblick 2010

23.03.2010

Junge Wilde in Leipzig

Einiges war neu auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse: Gerade im abendlichen Programm des Lesefests Leipzig liest zeigten die jungen und unabhängigen Verlage eine besondere Präsenz. HEIKO ZIMMERMANN hat für TITEL einen Messe- und Lesungsbummel gemacht.

 

Subjektive Wahrnehmungen unterscheiden sich naturgemäß von nackten Zahlen. So war denn auch die Empfindung der Besuchermenge vor der Halbzeit der diesjährigen Leipziger Buchmesse eine andere, als die Mitteilung der Messe bekundete. Zur Halbzeit am Donnerstag hatten laut Messe bereits 61.000 Menschen – zweitausend mehr als im Vorjahr – die Bücherschau besucht. Am Ende sollten es 156.000 Besucher werden, sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor.

 

Trotzdem wirkte das nicht so. Gerade in den ersten Tagen blockierten kaum Schulklassen oder sich gegenseitig fotografierende Cosplayer die Gänge in den Messehallen. Vielleicht waren die Besucher und die Atmosphäre einfach ein bisschen ernster, ein bisschen ruhiger. Vielleicht sollte man eine Art Durchschnitt aus subjektivem Empfinden und offiziellen Zahlen bilden und schließen, dass es keine große Veränderung gab – zumindest nicht, was die Besucher betraf. Aber doch war vieles neu.

 

Leseinsel in Halle 5 Leseinsel in Halle 5

Da waren zum Beispiel die neuen Ticket-Lesegeräte an den Ein- und Ausgängen. Hatten die Besucher in den letzten Jahren das immer gleiche Rein und Raus der Magnetstreifenkarten beobachten können, bevor sie durch das Drehkreuz durften, so waren diesmal Strichcode-Scanner im Einsatz. Berührungslos und damit weniger störanfällig – denkt man. Aber viele Besucher schienen anderer Meinung. „Die tun sich alle schwer damit, da unten“, meinte eine der Messeangestellten, „aber wenn man den Dreh erst einmal raus hat, dann ist das ganz einfach.“

 

Die, die den Dreh dann irgendwann heraushatten, waren vor allem die Menschen, die sich mit riesigen Schildern um den Hals als Fachbesucher oder Pressevertreter auswiesen. Falls ein Trend zur Vergrößerung der Karten vorliegt und dieser anhält, werden diese im nächsten Jahr wohl A5- und im Jahr drauf A4-Größe haben. Spätestens dann wird es sehr problematisch. Neu war auch der eigene Ausstellungsbereich für Musikverlage, in dem zwanzig dieser Häuser sich selbst, ihre Noten, Musikliteratur und beispielsweise Möglichkeiten der musikalischen Früherziehung präsentierten. Ein plausibler Schritt der Messe, hat doch Leipzig mit Bach, Mendelssohn, Schumann und Grieg eine ganz besondere Musiktradition.

 

Keine wirkliche Neuigkeit war indes der Trend sowohl zum E-Book als auch zum "Druck auf Anforderung". Jeder kann unterwegs lesen, jeder kann verlegen. Ein Blick in die Book-on-Demand-Werke lässt einen aber noch immer einen Times-New-Roman-Schauer über den Nacken laufen. Ungebrochen auch die Resonanz auf die Angebote der jungen und unabhängigen Verlage. Traditionell war ihre Leseinsel in Halle 5 fast durchweg gut besucht.

 

Das Selbstbewusstsein der Unabhängigen

Auch das Abendprogramm der Messe – Leipzig liest also – fand großen Anklang. Da war zum Beispiel die Präsentation der Kloß-und-Spinne-Comics (Voland & Quist) von Volker Strübing am Freitagabend im Horns Erben in der Leipziger Südvorstadt. Völlig überfüllt. Einige potenzielle Besucher der Lesung – das ist das Schöne an dieser Halbmillionenstadt: Überall sind Lesungen, und alle sind gut zu erreichen – zogen also ein paar Blocks weiter zur Buchvorstellung der Lesebühne Sax Royal (ebenfalls Voland & Quist), bei der Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und Julius Fischer ihren gemeinschaftlichen Band vorstellten und auch unveröffentlichte Texte lasen.

 

Die Luft im Veranstaltungsraum, der Wärmehalle Süd, war völlig verraucht, das Publikum jung und irgendwie lag ein Hauch des Nicht-Etablierten, des Kleinen und Wilden in der Luft, und so ließ sich, obwohl das Thema insgesamt überraschend wenig Beachtung fand, Julius Fischer zu einem Hegemann-Verweis hinreißen. Der zweite Satz des zu lesenden Texts sei von einem seiner Kollegen geklaut. Fischer sei damit die Hegemann des Abends. Aber: Er gebe seine Quelle vorher an. Oder besser: Er sei dem Prinzip der Intertextualität verpflichtet.

 

Das Selbstbewusstsein der Jungen, Unabhängigen lässt sich auch am Umzug der Textbox, dem kleinsten Massenmedium auf der Buchmesse, festmachen. Der Verschlag mit Plexiglasscheibe (siehe Bild oben), in dem Poeten (u.a. Bas Böttcher, Wolf Hogekamp, Lars Ruppel und Philipp Scharrenberg) stehen und den an Kopfhörern mit ihnen Verbundenen vortragen, war in diesem Jahr in der Glashalle zu finden. Ein Ritterschlag. Die Box wirkte größer, und mehr Zuhörer als je zuvor lauschten den Spoken-Word-Künstlern.

 

Ohne Verstärker gegen röhrende Heizlüftungen

„Das beste Line-Up, was im Moment überhaupt zu kriegen ist“, wie der Poetry-Slammer Dorian Steinhoff meinte, war am Samstagabend bei einem Spoken-Word-Wettbewerb zu finden. In dem mit Menschen vollgestopften Club Distillery wetteiferten in Saunaatmosphäre u.a. Renato Kaiser, André Herrmann, Frank Klötgen, Andy Strauß, Julian Heun und Jana Klar um die Gunst des Publikums. Etwas zeitversetzt fanden parallel zueinander zwei Lesungen der unabhängigen Verlage in den überaus charmanten Räumen des Lindenfels Westflügel in Plagwitz statt.

 

Finn-Ole Heinrich (Gestern war auch schon ein Tag, mairisch), Katharina Bendixen (Der Whiskyflaschenbaum, Poetenladen) und Stevan Paul (Monsieur, der Hummer und ich, mairisch) lasen und stellten sich den Fragen des Moderators. Oder besser: Sie reagierten auf die von diesem vorgegebenen Interpretationsvorschläge. Der Schwierigkeitsgrad der Lesung wurde durch die Kombination von ausgefallener Tonanlage und röhrender Heizlüftung erheblich erhöht, und so konnten die jungen Autoren auch einmal zeigen, wie laut man eigentlich leise Texte lesen kann - oder eben nicht.

 

Den Höhepunkt für viele junge Autoren und Verleger war ganz sicher die Party der jungen Verlage in der alten Hauptpost am Augustusplatz. Dort durchmischten sich diese mit interessierten Lesern, mit Schauspielern und mit anderen Figuren des Leipziger Nachtlebens. Man fand sich wichtig, kreativ und irgendwie cool. Wenn diese subjektive Einschätzung richtig ist, dann wird auch im nächsten Jahr gerade von den jungen Verlagen noch viel Spannendes zu erwarten sein. Bis dahin schweigt aber das Subjektive und macht den nackten Verkaufszahlen Platz.

 

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