Selbstverständlich brauchen wir im ersten Satz sofort ein Adjektiv, wie würde das denn sonst auch klingen?
In Essays eröffnet Herrmann Kurzke ...
Wenn wir aber gleich ALLE DREI Adjektive herausnehmen, dann käme gar dieser dünnblütige Satz heraus:
In Essays eröffnet Herrmann Kurzke einen Zugang zur Literatur.
Klingt plötzlich wie:
Mit dem Dosenöffner kam Opa Krüger an die Schweinskopfsülze ran.
Im Gegensatz zu:
Mit dem kruppstahlharten und mit SS-Runen versehenen Dosenöffner kam der höchstverzagte Opa Krüger doch noch an die saftig-glibbernde Schweinskopfsülze heran, die ihn an ... naja, wer weiß was erinnern.
Verstehen Sie, da ist gleich Drama - und das nur durch Adjektive!
Jeder x-beliebige Schreibratgeber, ja jeder professionelle Journalist würde sagen: „Obacht mit den Fürwörtern! Das berühmte Weniger ist das noch berühmtere Mehr.“
Aber welche Kraft! Bringen Sie doch erst richtig Schwung in die tuckernde Hauptwortkolonne. Die meistens von nur einem fußlahmen Verb gezogen werden muss.
Dennoch: Diese Adjektivtilgungsmethode ist im Grunde ein wirksamer Oberflächlichkeitstest für Texte. Hier allerdings nicht ganz fair. Denn immerhin haben in unserem Beispielsatz die letzten beiden Adjektive eine differenzierende und nicht nur eine schmückende Funktion: Geht es hier doch nicht um einen längst erprobten Zugang und auch nicht um westniedersorbische Exil-Literatur.
Tatsächlich ist also nur das erste Adjektiv wirklich dekorativ, also Tand: brillante Essays. Aber schon das ist verräterisch. Denn wer liest bitte schön dumpfe Essays? Da muss es schon ordentlich leuchten, glitzern und strahlen, damit unsere elstergleiche Konsumentenaufmerksamkeit auch nur für einen Sekundenbruchteil gewonnen werden kann.
Aber vielleicht war es ja auch Not, denn das verfügbare Adjektiv-Register ist wirklich nicht besonders groß bei dem Wort „Essay“: Toll? Prima? Eingänglich? Wie können Essays denn sonst noch sein? Etwa informativ? Das ist wirklich die absolute Notbremse! Etwa so als würde ich Schweinskopfsülze als nahrhaft oder besser noch nährwerthaltig bezeichnen ...
Aber schauen wir zunächst weiter in unseren Klappentext:
Der Ton dieser Essays ist pointiert, exakt und zugleich sehr persönlich.
Natürlich, das war´s: pointiert, exakt und persönlich! Womit aber auch wirklich alle Möglichkeiten der Dekoration ausgeschöpft sind.
Doch geben wir uns nicht leichthin zufrieden! Bei dem Wort exakt sollte uns sogleich der Zweifel benagen. Was heißt es denn schließlich, wenn ein Essay exakt ist? Riecht das nicht gleich nach Pedanterie, nach Haarspalterei und Furztrockenheit? Und dann noch pointiert! Was doch wohl soviel heißen soll wie: gewitzt, klug und treffsicher. Aber wie geht Pedanterie und Witz zusammen? Und dann folgt ja noch dieser Zusatz:
... und zugleich sehr persönlich.
Sind die Essays nun also exakt UND sehr persönlich zugleich? Folglich präzise subjektiv? Keine Bange, liebe Leser, denn am weiten Horizont dieser wahrhaft großen Fragen gestaltet sich langsam eine klare Antwort heraus. Sie lautet:
„Hä?“
Dies ist vielleicht der geeignete Augenblick, an dem wir noch einmal zum ersten Satz zurückkehren sollten, zurückkehren zu dem Wissen, dass wir mit dem Band Die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur etwas Ungeheuerliches in Händen halten. Denn dieser alleskönnende und allesmeinende Text will uns tatsächlich einen Einstieg in die deutsche Literatur bieten. Doch nicht irgendeinen proseminarschwülen Zugang, sondern einen völlig, völlig neuen! Leider wird dieses Versprechen gleich wieder halb zurückgenommen:
Der Bogen reicht von Goethe, Novalis und Büchner über Bertolt Brecht und Thomas Mann, Ernst Jünger und Reinhold Schneider bis zu Günter Grass und Martin Walser.
Meint: Vor Goethe war also nichts und nach Walser wird nichts mehr kommen, was der literarischen Rede Wert wäre.
Auch dass Goethe, Novalis und Büchner hier in einem Atemzug genannt werden, sollte aufhorchen lassen. Die anderen Paarkonstellationen sind da übrigens auch nicht besser ... Doch den Höhepunkt der Tiefpunkte dieses Klappentextes bietet der letzte Satz. Er lautet:
Zusammengenommen ergeben sie wie beiläufig eine knappe Geschichte der deutschen literarischen Kultur.
Wenn man also alles mal ganz schnell zusammenliest, ergibt sich – schwupps – eine Gesamtgeschichte der deutschen Literatur.
Aber nein, hier steht ja gar nicht deutsche Literatur, hier steht: deutsche literarische Kultur. Warum eigentlich? Wäre auch eine literarische deutsche Kultur akzeptabel? Oder wie wäre es mit einer kulturellen deutschen Literatur? Wenn das möglich ist, dann ist auch ein kulturliterarisches Deutschtum nicht allzu weit ...
Aber dann noch dieses wie beiläufig. Als ob mir hier mit dem Kauf des schmalen Taschenbuches etwas in den Schoß plumpsen würde – ungeahnt und groß ... Aber nein, es ist ja knapp! Ich bekomme demnach mit diesem Buch wie beiläufig etwas Knappes. Tut mir leid, aber daraus besteht unser Durchschnittsleben! Und überlegen Sie sich nur mal, Sie würden wie beiläufig etwas Großes bekommen:
Es ist noch Suppe im Topf, Schatz. Aber mach schnell, gleich geht das Jüngste Gericht los!