TITEL- Reportage: Geschwister Korthoff - Dynamit auf Rädern
16.10.2010
Die Schrottmacher
Die Korthoffs sind eine der vielen Familien, die derzeit mit Stuntshows durch Deutschland touren. Ein kurzer Besuch im urbanen Wasteland. Von JAN FISCHER
Wenn man früh genug da ist, kann man sehen, wie die Inszenierung hochgefahren wird: Sieben, Acht Leute fahren mit LKWs vor, laden Planen und Stangen aus, ein Auto baumelt in 20, 25 Metern Höhe darüber im Wind, jemand hat die Worte „Stunt Car“ mit blauer Farbe draufgesprüht, obwohl das eigentlich klar ist, so, wie das Auto aussieht. Die Sonne geht auf, bricht sich im verbeulten „Stunt Car“ und zieht die Schatten der geparkten Monster-Trucks lang: Eine goldener Herbsttag beginnt auf dem Parkplatz des Hildesheimer Real-Marktes, und die Fähnchen mit der Aufschrift „Dynamit auf Rädern“ kündigen an, dass es, zumindest hier, heute, ein etwas anderer Sonntagmorgen sein wird als sonst auf diesem Parkplatz.
Man sollten das vielleicht nicht übertreiben, aber sehen wir es doch mal so: Wenn man vom Hildesheimer Hauptbahnhof zu Fuß zu diesem Parkplatz geht, dann sieht man nichts Schönes, vor allem aber nichts, was man sonst noch machen könnte an diesem Sonntagmorgen, außer vielleicht Brötchen kaufen. Es ist ein Fußweg von 10 Minuten, wenn man langsam läuft, und wo man landet, ist die Stadt zu Ende: Gesichtslose Peripherie, ein Jawoll-Sonderpostenmarkt dümpelt eingekeilt zwischen Baumärkten vor sich hin, eine knallgelb kreischende McFit-Filliale stößt eine Kartbahn, deren Einfahrt aussieht, als hätte diese ganze Anlage auch schon mal bessere Tage gesehen, die es vielleicht niemals gab.
Best-of der deutschen Provinzstädte
Das urbane Wasteland am Rande der Stadt: Das ist das Setting, in dem die Familie Korthoff Tag für Tag, Woche für Woche ihre Stunshow Dynamit auf Rädern zeigen, manchmal sind es die Parkplätze von Supermärkten, manchmal von Baumärkten, der ein oder andere Volksfestplatz ist auch mal dabei. Der Tourplan liest sich wie ein Best-of der deutschen Provinzstädte, von denen man schon mal gehört hat, aber nicht genau weiß, wo sie liegen: Alfeld. Peine. Bielefeld. Hildesheim. Büren. Gudensberg. Wolfhagen. Dort bauen sie ihre „Arena“, auf, Arena, so nennt das Korthoff'sche Familienoberhaupt es: Ein rechteckiges Areal, gebaut aus Planen, die vom vielen Transport etwas schmuddelig sind, in den Farben der amerikanischen Flagge. Vorne, da, wo das Kassenhäuschen ist, stehen knallorange Stellwände.
Das letzte, was hochgefahren wird, wenn alles andere schon fertig ist, ist die Musik: Die Playlist dauert vielleicht eine Stunde, sie läuft während es Einlasses, während der Show, während der Pause, nach der Show, und fängt an diesem Vormittag vielleicht dreimal von vorne an:, das erste Lied ist Sweat von Inner Circle, diese „a la la la la long“-Nummer. Es gibt Popcorn, Zuckerwatte und Bratwurst. Es riecht wie eine Mischung aus Zirkus und Jahrmarkt. Es hört sich auch so an: Das Korthoff'sche Familienoberhaupt fährt zwar auch, aber eigentlich ist seine Aufgabe am Mikrofon. Um elf soll es losgehen, um halb elf trudeln die ersten Gäste ein, Männer, hauptsächlich, mit Schnurrbärten, hauptsächlich, und haben ihre Kinder an der Hand. Ab viertel vor elf geht es mit den Ansagen los, es ist eine Jahrmarktstimme, die Sorte Stimme, die einem immer noch eine Runde auf einer dieser bunten, herumwirbelnden Astronautentestmaschinen verspricht, „und jetzt rrüüüückwärrrrts“, diese Sorte Stimme erklärt den schnurrbärtigen Männern und ihren Kindern, die vor dem Kassenhäuschen warten, es gäbe jetzt gleich „sich überschlagende Autos am laufenden Band“, Dinge würden, hier schraubt die Jahrmarktsstimme sich hoch, „zerschrottet, zerquetscht, zermalmt werden“, und schlussendlich gäbe es den „bemannten Kamikaze-Todessturz“, und die schnurrbärtigen Männer und ihre Kinder schauen auf das „Stunt-Car“, das unheilvoll über der Arena baumelt.
Hysterische Einzigartigkeiten
Es ist schwer zu sagen, wie viele dieser Stuntshow-Familien derzeit durch Deutschland tingeln: Die Namen der Shows wechseln, es wird geheiratet, es werden Kinder geboren, die Familien werden zu groß, als dass nur eine Show sie ernähren könnte: Die Korthoffs, zum Beispiel, haben Deutschland untereinander aufgeteilt: Der eine Teil der Familie tourt durch den Westen, der andere durch den Osten. Fünf andere Familien sind mindestens noch unterwegs: Die Korths, die Bossles, die Steys, die Trabers, die Familie Aranis-Klaas. Die Bossles alleine betreiben drei eigene Shows, die Korths zwei. Mal ganz abgesehen von der Handvoll Shows, die nicht von Familien betrieben werden. Eigentlich ist das Land. Ist die Provinz zu klein für so viele Stuntshows. „Applaus ist das Brot des Künstlers“, sagt der Ansager, wenn er mehr Applaus aus dem Publikum herauskitzeln will. Brot ist allerdings auch das Brot des Künstlers. „Es ist schwer“, sagt das Korthoff'sche Familienoberhaupt. Problematisch, dass die Konkurrenz so groß ist. Problematisch, dass die Eintrittspreise so gehalten werde n müssen, dass sie auch bezahlbar sind, dass aber jede Show auch eine nicht ganz billige Materialschlacht sein muss. Problematisch, dass die Fahrer in keine Krankenversicherung aufgenommen werden, Verletzungen sind zwar selten, aber dann auch wieder teuer.
Dementsprechend hysterisch muss jede Einzigartigkeit hervorgehoben werden, dementsprechend präsentiert jede Familie, jede Show irgendetwas Einzigartiges, muss alles, was da passiert und gezeigt wird, auf irgendeine Art extrem sein: Patrick Korthoff (ausgesprochen: Pätrick), so wird das Publikum während der Show informiert, sei einer der wenigen Menschen, die ein Auto auf zwei Rädern fahren und es dann – immer noch auf zwei Rädern - zum Stillstand bringen können, auf einem internationalen Treffen der Stuntmen in Paris hätte er dafür das Goldene Lenkrad bekommen. Einmal hätte ein anderer der Fahrer 12 Überschläge hintereinander mit einem Schrottauto hinbekommen. Der Kamikaze-Todessturz sei absolut einzigartig. Undsoweiterundsofort: Alles ist immer noch gefährlicher, noch extremer. Sich überschlagene Einzigartigkeiten am Laufenden Band. Die Ansage lässt dem Publikum keine Ruhe. Die Show selbst schon. Natürlich, alles, was angekündigt wird, findet statt: Es überschlagen sich tatsächlich Autos. Es kommen tatsächlich Monstertrucks und „zerschrotten, zermalen, zerquetschen“ , was an Autos nach der Show noch einigermaßen nach Auto aussieht, mehrmals sogar. Der Kamikaze-Todessturz findet tatsächlich statt, und er ist beindruckend.
Das ist live, meine Damen und Herren
Einmal platzt ein Reifen, und da sagt der Ansager tatsächlich: „Das ist live, meine Damen und Herren“, und, ja, das ist live, das ist nicht Alarm für Cobra 11: So hysterisch die Plakate und die Ansagen auch sind, so langsam ist das ganze Spektakel geschnitten: Es müssen ständig Rampen auf- und abgebaut werden, ständig müssen Autos irgendwohin geschoben werden, für den Kamikaze-Todessturz wird eine Pyramide aus Autos aufgebaut, und während aus den Lautsprechern die Frage dröhnt, ob das Publikum jetzt einen spektakulären Crash sehen wolle, untermalt von Highway to Hell oder sowas, fährt ein Gabelstapler gemütlich durch die Gegend, und schiebt ein Auto irgendwohin: Die Hälfte der ganzen Angelegenheit ist Logistik, muss ja auch Logistik sein: Eine wackelige Angelegenheit ist das, so hysterisch hochgepitcht auf dem Altmetall-Verwertungsplatz. Auf dem zwar viel passiert, verbranntes Gummi, Rauch, Schrott, das ganze Programm, aber in einen Rhythmus, der so gar nicht zu der Hysterie und Schnelligkeit der Musik, der Ansage passen will.
Die Zerbrechlichkeit des Lebens
Das ist live, meine Damen und Herren, es ist eine Inszenierung, es gibt sogar einen Stunt-Choreographen, er wird dem Publikum vorgestellt, und nicht mit ganz so viel Applaus bedacht. Man könnte also Theatermaßstäbe ansetzen, könnte sagen: Dynamit auf Rädern, das ist Performance, das ist das brutale Austesten der Grenzen des menschlichen Körpers: Autos zu Klump fahren kann schließlich jeder. Aber nach vier Überschlägen hintereinander, nach einen Sturz mit einem Auto aus 20 Metern Höhe auf eine Pyramide anderer Autos aussteigen mit mit erhobenem Daumen das Publikum grüßen: Das läuft allem zuwider, was man jemals gelernt hat über Autounfälle, über die Zerbrechlichkeit des Lebens. Natürlich sind es Profis, haben sie alle Stuntschulen besucht, kennen sie sich aus mit dem, was sie tun, aber am schönsten sind die Ansagen, wenn die Inszenierung kurz bricht, wenn das Clan-Oberhaupt sich am Mikrofon Sorgen um seine Söhne, seine Schwiegersöhne, seine Tochter, seine Enkel macht: Wenn jemand zu dich an jemand anderen fährt, sagt er schonmal: Vorsicht, Pätrick!“, oder, nach einem Überschlag, fast schon panisch: „Schnell mal nach dem Fahrer schauen! Das war ein harter Schlag“, und es klingt, als mache er sich ernsthaft Sorgen. Das ist ja auch, womit die Titel dieser ganzen Shows kokettieren: German Hell Drivers. Bossles Teufelskerle: Titel, die davon erzählen, dass das, was man da sieht wenigstens ein bisschen anstrengend ist. Wenn man das Korthoff-Familienoberhaupt fragt, ob das nicht alles anstrengend sei, aufbauen, zwei Shows, abbauen, das alles an einem Tag, macht er eine Wegwisch-Handbewegung: „Wir kennen ja nix anderes“, sagt er „der Großvadder hat ja schon...“
Überhaupt, man muss vielleicht noch einmal über dieses Familiending reden, was gar nicht so recht passen will zur Zerstörung. Aber eigentlich ist die Zerstörung, die Verschrottung nur die eine Seite von Dynamit auf Rädern, die andere Seite ist direkt kitschig: Wenn Vater und Sohn Korthoff Stoßstange an Stoßstange auf zwei Rädern fahren, oder „das lebende Denkmal der Familie Korthoff“ gebaut wird, also alle anwesenden Mitglieder sich irgendwie an ein fahrendes Auto krallen, wenn das Clan-Oberhaupt sich ernsthaft und öffentlich Sorgen macht, ob da jetzt niemand verletzt ist: Das sind keine Geschichten von Zerstörung, die da gebaut werden, sondern von Zusammenhalt, und das ist vielleicht das überraschendste an der ganzen Angelegenheit: Dass da draußen im urbanen Wasteland nicht die Zerstörung zelebriert wird. Und als es vorbei ist, als dann alle gehen, in den goldenen Herbsttag hinein, tragen die schnurrbärtigen Männer mit ihren Kindern an der Hand ein Lächeln auf dem Gesicht.


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